Nachruf auf den Altkanzler : Helmut Schmidt - eine unverwechselbare Erscheinung

Helmut Schmidt war lange unterschätzt und am Ende verehrt. Als Redner eine Autorität, in seiner Popularität ein Phänomen, als Politiker aber auch einmal gescheitert.

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Knapp zwei Stunden nach seiner erneuten Wahl durch den Deutschen Bundestag wird Helmut Schmidt am 15.12.1976 als Bundeskanzler vereidigt.
Knapp zwei Stunden nach seiner erneuten Wahl durch den Deutschen Bundestag wird Helmut Schmidt am 15.12.1976 als Bundeskanzler...Foto: dpa

In den letzten Jahren seines langen Lebens war er fast zu einer Ikone geworden. Mit Staunen sah man, wie eine Gesellschaft, die sich von der Politik und den Politikern zunehmend abwendet, in einem Politiker, in Helmut Schmidt, ein lebendes Denkmal entdeckte. Dabei hatte er den Jahren seinen Tribut entrichten müssen, war auf Rollstuhl und Hörgerät angewiesen, doch die Schwächen des Alters verstärkten eher seine Ausstrahlung.

Mit unvermindert scharfen Urteilen, selbstbewusster Würde und seiner kantigen Persönlichkeit wurde er zur Verkörperung des elder statesman, ja, zur politisch moralischen Instanz. Das führt dazu, dass sein Tod am Dienstag in einem Alter, für das selbst das gängige Attribut "biblisch" zu schwach erscheint, rührt und erschüttert. Er macht das Leben in diesem Land ärmer.

Die Hochachtung, die Schmidt zuwuchs, lag ja nicht nur an seinen weißen Haaren, wie der kühle Hanseat selbstironisch spöttelte, und auch nicht nur daran, dass er sich so gut zum Gegenbild der an herausragenden Gestalten armen aktuellen Politiker-Riege eignete. Sie galt nicht zuletzt dem Phänomen einer Alters-Präsenz, für die es – soweit man sehen kann – kaum einen Vergleich gibt. Adenauer, der Inbegriff des politischen Methusalems, starb im Alter von 91 Jahren, Schmidt war noch in seinem neunten Lebensjahrzehnt von ungebremster Aktivität, reiste 93-jährig nach China, schrieb ein Buch nach dem anderen. Vor allem: Nach dem Maßstab der Lebensstufen ein Greis, hatte er bis zuletzt nichts Greisenhaftes.

Höhenflug und Absturz

Helmut Schmidt: das war auch in seinen hohen neunziger Jahren ein Ereignis – als Redner von beeindruckender Eindringlichkeit, als öffentliche Figur eine Autorität, als Erscheinung unverwechselbar. Dabei war dieser Schmidt ein spätes Vorkommnis. „Unser Schmidt“, wie der Journalist Theo Sommer sein Porträt überschrieb, mit einem Grad von familiärer Akzeptanz, die bis dahin keinem Politiker zuteil geworden war, wurde er erst in den letzten dreißig Jahren seines Lebens, nach der Politik, als Herausgeber und Mitverleger der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“.

Helmut Schmidt - sein Leben in Bildern
Helmut Schmidt und Loki feiern im Januar 2000 den 80. Geburtstag des Altkanzlers im Thalia-Theater in Hamburg nach. Mit dabei: der damalige Kanzler Gerhard Schröder.Weitere Bilder anzeigen
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10.11.2015 18:05Helmut Schmidt und Loki feiern im Januar 2000 den 80. Geburtstag des Altkanzlers im Thalia-Theater in Hamburg nach. Mit dabei: der...

Die Nachhaltigkeit dieser Zweitkarriere ließ die erste fast zurücktreten. Ebenso die Spannweite seines Lebens, das den Höhenflug, aber auch den Absturz gekannt hat. Als er 1982 als Kanzler abgewählt wurde, fielen seine Umfragewerte tief in den Keller. Doch Schmidt resignierte nicht, sondern machte weiter – nun mit den anderen, publizistischen Mitteln. Zwei Jahrzehnte später, 2005, war er nach Emnid der beliebteste Politiker der jüngeren Geschichte.

Natürlich schlugen sich in dieser mirakulösen Renaissance die drei Jahrzehnte nieder, in denen Schmidt eine unverwechselbare Größe in der deutschen Politik war. Mehr noch: dass er nie einen Zweifel daran ließ, woran man mit ihm war – die Verkörperung dessen, was heute alle wollen: Authentizität. Und dass er sich selbst in seinem Erscheinungsbild überraschend gleich blieb: die markante Physiognomie, nur im Alter etwas weichgezeichnet, das volle Haar gescheitelt im Stil seiner Jugend, also der dreißiger Jahre, das demonstrativ Norddeutsche in Sprache und Auftreten, dazu als äußerliche Attribute die Prinz-Heinrich-Mütze und die notorischen Menthol-Zigaretten. Und unverändert blieb auch die Botschaft, für die dieser politische Charakter stand: Nüchternheit und Entscheidungskraft, Pflicht und Verantwortung, eine späte Nachricht vom Staat.

Politisches Inventar der Bundesrepublik

Sieht man auf seine Leistungen und Verdienste, so gebührt ihm fraglos ein Platz in der ersten Reihe der deutschen Nachkriegspolitiker, auch wenn sein Wirken die Geschichtsmächtigkeit von Adenauer, Brandt und Kohl vielleicht nicht erreichte und man von einer Ära Schmidt nicht wird reden wollen. Misst man seine Bedeutung für die SPD an ihren Regierungsjahren, dann war er sogar ihr erfolgreichster Repräsentant – acht Jahre, länger als jeder andere, war er Kanzler, länger als Brandt und selbst Schröder. Aber dazu kam auch, dass er fast schon seit den legendären Urzeiten der Bundesrepublik zu ihrem politischen Inventar gehörte.

Als junger, heftiger Debattenredner tauchte er bereits in den turbulenten Zeiten auf, in denen um die Bundeswehr und ihre atomare Bewaffnung gestritten wurde; seither gab es „Schmidt-Schnauze“. Als Held der Hamburger Sturmflut 1962 wurde er, damals Innensenator, eine deutsche Berühmtheit.

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