Nachrufe auf den Ex-Bundeskanzler : Die lückenhafte Erinnerung an Helmut Kohl

Warum fehlen die Bilder von der Versöhnung mit Polen, Ungarns Grenzöffnung, dem Besuch im Baltikum in den Rückblicken auf den Kanzler der Einheit? Ein Kommentar

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Offizielles Porträt von Helmut Kohl im Bundeskanzleramt.
Offizielles Porträt von Helmut Kohl im Bundeskanzleramt.Foto: AFP/John MacDougall

Nachrufe auf berühmte Persönlichkeiten sind Geschichtslektionen für die Nachgeborenen. Sie formen deren Geschichtsbilder. In den öffentlichen Rückblicken auf Helmut Kohl fehlte etwas. Und was da fehlte, verrät einiges über das Weltbild derer, die heute die Medienbilder bestimmen. In diesem Bild kommen Deutschlands östliche Nachbarn kaum vor, obwohl sie Kohl am Herzen lagen.

Bilder von Verdun und Bitburg. Die aus Kreisau und Budapest fehlen

Das galt insbesondere für die Nachrufe im deutschen Fernsehen. Millionen Zuschauer sahen die Bilder von Kohl und dem französischen Präsidenten Francois Mitterrand an den Grabfeldern des Ersten Weltkriegs in Verdun; sie beeindrucken schon allein dadurch, wie schier endlos sich die weißen Kreuze erstrecken, Zeugen unzähliger viel zu früh beendeter Leben. Sie sahen Bilder von Kohl und US-Präsident Ronald Reagan an den Gräbern Gefallener im Zweiten Weltkrieg und wurden an die Debatte erinnert, ob Bitburg der geeignete Ort war, weil dort auch Angehörige der Waffen-SS ruhen. Sie sahen Bilder von Kohl und der britischen Premierministerin Margaret Thatcher sowie, natürlich, von Kohl und Michail Gorbatschow, damals noch Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU).

All diese Bilder wurden zu Recht gezeigt. Die Weltkriege haben Kohl, sein Weltbild und seine Außenpolitik geprägt. 

Aber wo waren die Bilder von Kohl und dem polnischen Regierungschef Tadeusz Mazowiecki bei der Versöhnungsmesse in Kreisau am 12. November 1989 - nur drei Tage nach dem Fall der Berliner Mauer? Wo die Bilder von Kohls Besuch in Budapest, mit dem er sich für die mutige Entscheidung der ungarischen Regierung bedankte, die Grenze nach Österreich für DDR-Flüchtlinge am 10. September 1989 zu öffnen? Und wo die Bilder von Kohls - spätem - erstem Besuch im Baltikum?  

Die List der Dänen 

Aus Rücksicht auf Russland hatte der Kanzler die Reise dorthin jahrelang hinausgezögert. Doch dann nutzte Dänemark seinen Vorsitz im Ostseerat zu einer überfälligen politischen Demonstration. Es verzichtete auf sein Gastgeberrecht und legte den Ostseeratgipfel 1998 nach Riga. So blieb Kohl und dem russischen Premier Viktor Tschernomyrdin keine andere Wahl, als in die lettische Hauptstadt zu reisen.

Als Kohl durch die Altstadt ging, den Dom mit seiner für die Region so typischen Backsteingotik besuchte und die Orgel spielte, traten ihm die Tränen in die Augen.

Ebenso emotional hatte er reagiert, als er im Juli 1995 im polnischen Sejm sprechen durfte. Auch da wurden seine Augen feucht und seine Stimme brüchig.

Auch diese Bilder gehören zu Kohls Europa. Die Erinnerungen daran waren seinem Herzen nicht weniger nah als die Aussöhnung mit Frankreich oder den USA. Das hat er im persönlichen Gespräch 2006 in Washington bekannt, als er gemeinsam mit George H.W. Bush für die Verdienste um die Einheit geehrt wurde.

Kohl nahm Rücksicht auf kleinere Länder

Der Rückblick darauf ist zugleich eine Mahnung. Er ruft in Erinnerung, wie damals in Europa Politik gemacht wurde. Die Rücksicht auf die Interessen und Befindlichkeiten der Partner - und gerade auch der kleineren Länder - spielte eine größere Rolle. Der nationale Egoismus wurde nicht ganz so groß geschrieben. Das Ziel, möglichst viel für das eigene Land herauszuholen, wurde weniger rücksichtslos verfolgt. Der Bruch von Vereinbarungen galt noch als peinlich.

Bezeichnend für diese Haltung war Kohls Umgang mit Polen im November 1989. Am Tag, als die Mauer fiel, war Kohl nicht in Deutschland, sondern in Warschau. Er besuchte den ersten demokratisch legitimierten Ministerpräsidenten Polens nach der Wende, Tadeusz Mazowiecki, um ein neues partnerschaftliches Kapitel in den Beziehungen einzuleiten. Dann kamen die Nachrichten aus Berlin. In einer weltgeschichtlichen Sternstunde war Kohl am falschen Ort. Er musste zurück. Einerseits.

Der doppelte Polenbesuch 1989

Andererseits hätte das noch sehr dünne Vertrauen enormen Schaden leiden können, wenn die Botschaft gewesen wäre: Kohl bricht den Polen-Besuch ab. Das nationale Interesse des sich nun wiedervereinigenden Deutschlands rangiert vor der guten Nachbarschaft. Man muss jetzt keine Rücksicht mehr nehmen. Mazowiecki bat den Kanzler, so rasch wie möglich zurückzukommen. Kohl versprach es - und hielt Wort. Das wurde zur Basis des Vertrauens: Man kann sich aufeinander verlassen. Wie wichtig diese Erfahrung war, hat Mazowiecki in kleiner Runde später oft betont. Und gerne humorvoll seine Erinnerung an die Umarmung bei der Versöhnungsmesse in Kreisau, die Kohl so sehr am Herzen lag, erzählt. 

Mazowiecki war ein hagerer Mann, der mit seiner leicht gebeugten Kopfhaltung auf den ersten Blick etwas melancholisch wirkte. Kohl hatte eine raumgreifende Leibesfülle. Wenn Mazowiecki von der Umarmung erzählte, breitete er seine Arme so weit aus, dass sie kaum noch zusammenfanden und man sich Kohls massigen Körper dazwischen vorstellen konnte. Und dann sagte Mazowiecki mit verschmitzte Lächeln in seinem slawisch gefärbten Deutsch: "Nun, es war nicht leicht." 

Warum fehlte diese Seite Kohls in so vielen Nachrufen - sein Interesse an Deutschlands östlichen Nachbarn? Sein Herz für die Völker, die zwischen Deutschland und Russland leben und deren Länder nie wieder zu einem "Zwischeneuropa" werden durften, dessen Interessen Russen und Deutsche übergehen.

Die große Lücke und zwei Erklärungsversuche 

Hat es damit zu tun, dass Polen und Ungarn heute schwierige Partner in Europa sind? Sie haben die entscheidenden Vorleistungen erbracht, die zur deutschen Einheit führten. Die polnische Gewerkschaft Solidarnosc zerrüttete den kommunistischen Herrschaftsanspruch. Ungarn öffnete die Westgrenze für die DDR-Flüchtlinge; damit verlor die Mauer ihre Macht.

Oder hat es damit zu tun, dass die Journalisten, die die Bilder für die Kohl-Nachrufe aussuchten, zum Großteil einer Generation angehören, die noch von der Ost-West-Teilung Europas vor 1989 geprägt sind? In ihren Weltbildern dominieren die Westmächte Frankreich, Großbritannien, USA, und als Akteur im Osten ragt die Sowjetunion heraus.

Das von Kohl geprägte Europa, so hatte man gehofft, hat diese Zeit überwunden. Kohls Tod wird da zu einem Realitätstest. Die Lücken in den Nachrufen zeigen, wie wirkungsmächtig die überkommenen Geschichts- und Weltbilder selbst ein Vierteljahrhundert nach der friedlichen Revolution noch sind.

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