Nacht der Gewalt : Sicherheitskräfte im Libanon greifen durch - Spannung bleibt

Der Libanon kommt nicht zur Ruhe. In der Nacht zu Montag wurde wieder geschossen. Bundesaußenminister Guido Westerwelle zeigte sich besorgt angesichts der Ereignisse und warnte vor einem "Flächenbrand" in der Region.

Nach dem Anschlag auf den libanesischen Geheimdienstchef vermutet viele Libanesen die Drahtzieher im kriegsgeschüttelten Syrien.
Nach dem Anschlag auf den libanesischen Geheimdienstchef vermutet viele Libanesen die Drahtzieher im kriegsgeschüttelten Syrien.Foto: AFP

Nach einer gewalttätigen Nacht ist im Libanon wieder weitgehend Ruhe eingekehrt. Soldaten und Polizisten patrouillierten am Montag in den Städten Beirut und Tripoli. Innenminister Marwan Charbel erklärte: „Sie nehmen jeden fest, der Waffen trägt.“ Fast alle Straßen, die am Vortag von Demonstranten blockiert worden waren, waren wieder befahrbar. Nach Angaben der Polizei kamen in der Nacht bei Schießereien zwischen pro-syrischen und anti-syrischen Gruppen in Tripoli drei Menschen ums Leben. Unter den Toten war ein neun Jahre altes Mädchen.

Bei nächtlichen Kämpfen zwischen bewaffneten Schiiten und Sunniten in Beirut wurden nach Angaben der libanesischen Sicherheitskräfte vom Montag mindestens sechs Menschen verletzt. Soldaten hätten die Kämpfe in zwei Stadtvierteln bis zum Morgen stoppen können.

Nach der Trauerfeier für den Geheimdienstchef Wissam al-Hassan, der am Freitag bei einem Attentat ums Leben gekommenen war, war es am Sonntag in der Hauptstadt zu Ausschreitungen und Protesten gegen die Regierung gekommen. Die pro-syrische Regierung wird von der schiitischen Hisbollah-Bewegung dominiert. Die Opposition, zu der auch die anti-syrische Zukunftsbewegung des sunnitischen Ex-Ministerpräsidenten Saad al-Hariri gehört, sieht die Drahtzieher des Anschlags auf Al-Hassan in Damaskus. Bei dem Anschlag vom Freitag wurden sieben weitere Menschen getötet, Dutzende verletzt.

Aufgebrachte Demonstranten versuchten am Sonntag nach der Trauerfeier und Kundgebung für Wissam al Hassan, den Sitz des Ministerpräsidenten in Beirut zu stürmen. Soldaten trieben die Menge mit Tränengas und Warnschüssen auseinander.

Viele Libanesen beschuldigten die syrische Regierung von Präsident Baschar Assad, hinter dem Attentat vom Freitag zu stecken. Dieser traf sich am Sonntag mit dem UN-Sondergesandten Lakhdar Brahimi in Damaskus. Während der Gespräche gab es mehrere Anschläge und Kämpfe.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zeigte sich angesichts der jüngsten Entwicklungen in Syrien und im Libanon „sehr besorgt über die wachsende Gefahr eines Flächenbrandes in der Region“. Es müsse alles getan werden, damit der syrische Bürgerkrieg nicht auf den Libanon übergreife, erklärte ein Sprecher des Außenministers am Sonntag in Berlin. Zudem sprach er Brahimi seine Unterstützung aus und nannte die Gespräche eine wichtige Chance.

In Beirut gaben Tausende Libanesen dem bei einem Bombenanschlag getöteten Geheimdienstchef Wissam al Hassan das letzte Geleit. Sie strömten zur Beisetzung auf dem Märtyrerplatz zusammen. Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm, der Platz wurde für Fahrzeuge gesperrt, die Menschen vor der Trauerfeier durchsucht. Zudem errichtete die Polizei zahlreiche Straßensperren.

Libanon in Aufruhr
Die Demonstranten rissen Straßensperren ein und versuchten am Sonntag (21.10.12), den Regierungssitz zu stürmen.Weitere Bilder anzeigen
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22.10.2012 09:15Die Demonstranten rissen Straßensperren ein und versuchten am Sonntag (21.10.12), den Regierungssitz zu stürmen.

Die Trauernden schwenkten libanesische Flaggen und beschuldigten Syrien, hinter dem Anschlag vom Freitag zu stecken. Neben Al Hassan waren dem Attentat sieben weitere Menschen zum Opfer gefallen. Dann schlug die Trauer in Wut um: Tausende Demonstranten zogen in Richtung Serail, dem Amtssitz von Ministerpräsident Nadschib Mikati. Einigen Hundert gelang es, Polizeiketten zu durchbrechen und fast bis zum Eingang vorzudringen. Soldaten schossen in die Luft und setzten Tränengas ein, um die Erstürmung verhindern. Auf TV-Bildern waren verletzte Zivilisten zu sehen.

Al Hassan, ein scharfer Gegner Syriens, hatte Ermittlungen gegen den früheren Informationsminister Michel Samaha geleitet, einen der engsten Verbündeten Damaskus' im Libanon. Samaha war am 9. August verhaftet worden und wurde wegen der Planung von Terroranschlägen angeklagt. Neben ihm wurde auch der syrische Geheimdienstchef Ali Mamluk in Abwesenheit angeklagt.

Frankreichs Außenminister Laurent Fabius sagte am Sonntag, es sei eine Rolle Syriens bei dem Anschlag zu vermuten. Alles deute darauf hin, „dass es eine Ausweitung der syrischen Tragödie ist“, betonte er im Rundfunksender Europe 1. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon schaltete sich ebenfalls ein. Im Telefonat mit dem libanesischen Präsidenten Michel Suleiman unterstrich er die Souveränität des Landes und wie wichtig es sei, dass das Land Distanz halte zu den Ereignissen in der Region, teilte ein UN-Sprecher mit.

Bei dem sonntäglichen Treffen des Syrien-Sondergesandten von UN und Arabischer Liga, Brahimi, in Damaskus mit Präsident Assad war der Plan einer Waffenruhe während des am kommenden Freitag beginnenden islamischen Opferfests Thema. Oppositionsgruppen hätten ihm diesbezüglich Unterstützung, aber keine festen Zusagen gegeben, sagte Brahimi nach der Unterredung. Zu einer Reaktion Assads ließ Brahimi nichts verlauten. Die syrische amtliche Nachrichtenagentur SANA meldete aber, Assad habe Brahimi versichert, er unterstütze seine Bemühungen.

Assad habe gesagt, „er sei offen für alle ernsthaften Anstrengungen, eine politische Lösung für die Krise zu finden“ - auf der Grundlage, „dass die syrische Souveränität respektiert und eine ausländische Einmischung abgelehnt werde“. Zuvor hatte das Regime den Plänen wenig Chancen gegeben, da es keine einheitliche und zuverlässige Rebellenführung gebe, mit der die Waffenruhe besiegelt werden könne.

Die Friedensbemühungen des UN-Sondergesandten wurden am Sonntag von einem Bombenanschlag mit mindestens 13 Toten Damaskus überschattet, am Samstag waren bei schweren Gefechten über 60 Menschen umgekommen. (dapd/dpa)

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