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Namibia und Deutschland : Lammert: Kolonialkrieg gegen Hereros war Völkermord

Vor 100 Jahren endete die Kolonialherrschaft der Deutschen im heutigen Namibia. Die Niederschlagung des Herero-Aufstandes ein Jahrzehnt zuvor überlebten nur 15.000 Menschen. Bundestagspräsident Norbert Lammert spricht von "Rassekrieg".

Sammelbildchen von Aecht Franck Kaffeezusatz (1905). Von 1904 bis 1908 erhoben sich die Herero gegen die Deutsche Kolonialmacht.
Sammelbildchen von Aecht Franck Kaffeezusatz (1905). Von 1904 bis 1908 erhoben sich die Herero gegen die Deutsche Kolonialmacht.Foto: epd

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat die deutschen Kolonialverbrechen im heutigen Namibia als "Völkermord" bezeichnet. Wer vom Genozid an den Armeniern 1915 im Osmanischen Reich spreche, der müsse auch die Verbrechen des deutschen Militärs gegen die einheimische Bevölkerung in Deutsch-Südwestafrika so bezeichnen, schreibt Lammert in einem Beitrag für die "Zeit" laut Vorabmeldung vom Mittwoch. "An den heutigen Maßstäben des Völkerrechts gemessen war die Niederschlagung des Herero-Aufstandes ein Völkermord."
Deutschland zählte das heutige Namibia von 1884 bis 1915 unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika zu seinen Kolonien. Als die Herero 1904 einen Aufstand begannen und mehr als hundert Deutsche getötet wurden, ordnete General Lothar von Trotha die Vernichtung des Stammes an. Die Herero-Bevölkerung vor dem Massaker wurde auf 50.000 bis 80.000 geschätzt, es überlebten nur rund 15.000 Menschen. Der deutsche Befehlshaber Generalleutnant Lothar von Trotha liess die Wasserstellen besetzen, spaeter gab er den Befehl: "Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr erschossen... Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurueck oder lasse auf sie schiessen." Vor 100 Jahren kapitulierten die deutschen Kolonialtruppen im heutigen Namibia völlig geschwächt vor Südafrika. Nach den Massakern an Herero und Nama war die Bevölkerung froh darüber. Sie kämpft bis heute für eine Anerkennung ihres Leids.

Zuletzt waren erneut Forderungen an Deutschland laut geworden, die Vergehen als Völkermord anzuerkennen. Der Krieg der Deutschen gegen die Herero sei ein "Rassekrieg" gewesen, schreibt Lammert. "Nicht nur den Kampfhandlungen, sondern auch Krankheiten und dem gezielten Morden durch Verdursten- und Verhungernlassen fielen Zehntausende Herero und Nama zum Opfer, andere starben in Konzentrationslagern oder bei der Zwangsarbeit."

Christian Kopp vom Bündnis "Völkermord verjährt nicht!" hält Lammerts Eingeständnis für einen Schritt auf dem Weg zur offiziellen Anerkennung des Genozids. Der Bundestagspräsident gehe aber nicht über die Formulierung der früheren Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul hinaus, die bei ihrem Namibia-Besuch 2004 unmissverständlich von einem Völkermord sprach und dabei, so Kopp, „nachweislich abwich“ vom vorbereiteten und mit dem Auswärtigen Amt abgestimmten Text, in dem es hieß, die Gräuel seien das gewesen, „was heute als Völkermord bezeichnet würde“. „Lammerts Worte könnten aber einen Besuch des Bundespräsidenten in Namibia in diesem Jahr vorbereiten", sagte Kopp dem Tagesspiegel, "der wohl kaum stattfinden wird, wenn er nicht mit einer Entschuldigung verbunden ist und Gauck bei dieser Gelegenheit Völkermord Völkermord nennt.“ Die Bundesregierung ziehe allerdings schon jetzt rote Linien, indem sie jeden Vergleich mit dem Genozid an den Juden und direkte Reparationsverhandlungen mit den Herero und Nama ausschließe. „Man wird sicher bemüht sein, eventuelle Zahlungen nicht Reparationen zu nennen."

Lammert hatte im April anlässlich der Vertreibung und Vernichtung der Armenier vor hundert Jahren im Osmanischen Reich ebenfalls von einem "Völkermord" gesprochen. Auch Bundespräsident Joachim Gauck schloss sich dieser Bewertung zur Verärgerung der Türkei an. (AFP/epd/ade)

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