Nationalsozialismus : Die AfD provoziert am Holocaust-Gedenktag

Der umstrittene Thüringer AfD-Chef Björn Höcke will am Holocaust-Gedenktag das frühere KZ Buchenwald besuchen. Die Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch warnt vor Geschichtsvergessenheit.

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Das Konzentrationslager Auschwitz wurde vor 72 Jahren von den vorrückenden Truppen der Roten Armee befreit. (Undatiertes Archivbild)
Das Konzentrationslager Auschwitz wurde vor 72 Jahren von den vorrückenden Truppen der Roten Armee befreit. (Undatiertes...Foto: picture-alliance / dpa

Es soll ein Tag des Gedenkens sein, doch genau 72 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz eskaliert der Streit über die deutsche Erinnerungskultur. Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke kündigte an, am heutigen Freitag die NS-Gedenkstätte Buchenwald besuchen zu wollen – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Stiftung.

Der stellvertretende Stiftungsdirektor Rikola-Gunnar Lüttgenau hatte zuvor klargemacht, dass nach seiner Rede in Dresden „eine Teilnahme von Herrn Höcke an der Kranzniederlegung im ehemaligen KZ Buchenwald nicht akzeptabel“ sei. Höcke schrieb nun zurück, es stehe der Gedenkstätte „schlicht nicht zu, zu entscheiden, wer (...) an dieser offiziellen Gedenkveranstaltung teilnimmt und wer nicht“.

Höcke gilt selbst innerhalb der rechtspopulistischen „Alternative für Deutschland“ als umstritten. In Dresden hatte er eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert und von einer „dämlichen Bewältigungskultur“ gesprochen. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin bezeichnete er als „Denkmal der Schande“. Seine Partei, die in zehn Landtagen sitzt und laut Umfragen mit 15 Prozent in den Bundestag einziehen könnte, hat sich zudem dafür ausgesprochen, der NS-Gedenkstätte Gurs am Fuße der Pyrenäen Fördergelder in Höhe von 120.000 Euro zu streichen. Einen entsprechenden Antrag der Landtagsfraktion Baden-Württemberg verteidigte AfD-Chef Jörg Meuthen am Donnerstag.

Anschlagpläne auf Juden

Erst in dieser Woche waren Anschlagspläne von Rechtsextremisten auf Juden bekannt geworden. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, sagte deshalb, das Gedenken in diesem Jahr sei „wichtiger denn je“. Und: „Es gilt, frühzeitig und mit allen Mitteln des Rechtsstaats solche Gruppierungen zu bekämpfen.“

Deutschland verliere außerdem täglich Zeitzeugen, die über die Geschichte berichten konnten. „Lebendige Bilder sind immer besser als alles, was gedruckt ist“, sagte Schuster dem Tagesspiegel. Er befürworte daher Projekte wie das der Gedenkstätte Dachau, wo Aussagen Überlebender gefilmt werden.

Auch der Direktor der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, Piotr M. A. Cywinski, bittet bei der Dokumentation von NS-Verbrechen um Hilfe. „Ohne tiefer gehende Analyse der Motivation sowie der Mentalität der Täter bleiben unsere Bestrebungen um Warnung zukünftiger Generationen intuitiv“, schreibt er. Gebraucht würden „Dokumente, Bilder, private Briefe, Tagebücher“, die die „Hassmechanismen“ verstehen helfen.

Die Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch warnte vor „Geschichtsvergessenheit“. Der „Heilbronner Stimme“ sagte sie: „Die Menschen sind und bleiben zu Unmenschlichkeit imstande.“

Der 27. Januar wird seit 1996 in Deutschland als Holocaust-Gedenktag begangen, seit 2006 wird weltweit der Opfer gedacht. Dazu gehören auch 300.000 ermordete Behinderte und Pflegebedürftige. Der Bundestag erinnert dieses Jahr in seiner Gedenkstunde erstmals speziell an diese „Euthanasie“-Verbrechen. Der Schauspieler Sebastian Urbanski, der das Downsyndrom hat, wird den Brief eines Opfers aus einer Sterbeanstalt vorlesen.

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