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NDR-Satire über Erdogan : Botschafter verteidigt Pressefreiheit

Ein Lied über Präsident Erdogan hat zu diplomatischen Verstimmungen zwischen der Türkei und Deutschland geführt. Der DJV nennt die Empörung in der Türkei "lächerlich". Der Botschafter hat laut Auswärtigem Amt die Pressefreiheit verteidigt.

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.Foto: Umit Bektas/Reuters

Der Revolutionsführer war not amused. In einem Beitrag seiner "Tagesshow" ließ Rudi Carrell 1987 den Ajatollah Chomeini mit Dessous bewerfen - und plötzlich stand die ARD im Mittelpunkt eines politischen Skandals. Der Iran beschwerte sich über die satirische Nachrichtensendung, ließ den deutschen Botschafter vorsprechen. Für ein bisschen Spott über die Mächtigen.

Fast 30 Jahre später gibt es offenbar erneut diplomatische Verstimmungen wegen einer Satire im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Nun hat die Türkei einem "Bericht von "Spiegel Online" zufolge den deutschen Botschafter wegen eines Beitrags des NDR über Präsident Recep Tayyip Erdogan einbestellt. Martin Erdmann habe sich am Dienstag vor einer Woche im Außenministerium in Ankara wegen eines Liedes über Erdogan rechtfertigen müssen, heißt es.

Bei der Unterredung ging es dem Bericht zufolge um eine knapp zweiminütige Satire aus der Sendung "extra 3" vom 17. März mit dem Titel "Erdowie, Erdowo, Erdogan" ein. In der an diesem Abend in der ARD ausgestrahlten Sendung, die sonst regelmäßig im NDR-Fernsehen läuft, hieß es unter anderem: "Er lebt auf großem Fuß, der Protz vom Bosporus". Das Video ist auch bei Youtube zu sehen. Zur Melodie von Nenas "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" prophezeit ein Sänger: "Die Zeit ist reif für sein großosmanisches Reich."Auch werden die jüngsten Angriffe auf die Pressefreiheit in der Türkei in dem Beitrag thematisiert. So heißt es: "Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast."

Botschafter verteidigt Pressefreiheit

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes habe Botschafter Martin Erdmann am Dienstag im Gespräch im türkischen Außenministerium die Pressefreiheit verteidigt. Botschafter Martin Erdmann habe am Dienstag wie bereits vor wenigen Tagen deutlich gemacht, dass Rechtsstaatlichkeit, die Unabhängigkeit der Justiz und der Schutz grundlegender Freiheiten, einschließlich der Presse- und Meinungsfreiheit, hohe Güter seien, die gemeinsam geschützt werden müssten, hieß es aus dem Auswärtigen Amt in Berlin.

Erdmann habe deutlich gemacht, dass politische Satire in Deutschland von der Presse- und Meinungsfreiheit gedeckt sei. Daher sei es weder nötig noch möglich, dass die Bundesregierung eingreife. In Deutschland hatte die Opposition das Schweigen der Bundesregierung zu diesem Vorfall kritisiert.

Den NDR hat noch keine Beschwerde erreicht

Die Redaktion von "extra 3" reagierte prompt und ernannte Erdogan noch am Montagabend via Twitter zum "Mitarbeiter des Monats". Kommentar zum gerahmten Foto des Präsidenten: "An ihm kam einfach keiner vorbei." Das Auswärtige Amt wollte sich zu dem Vorgang nicht äußern.

Beim NDR sei bislang noch keine Beschwerde eingegangen, sagte Andreas Cichowicz, NDR Chefredakteur Fernsehen, dem Tagesspiegel am Dienstag. "Dass die türkische Regierung wegen eines ,extra-3'-Beitrags offenbar diplomatisch aktiv geworden ist, ist mit unserem Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit nicht vereinbar. In Deutschland ist politische Satire erfreulicherweise erlaubt." Darunter falle auch der "extra-3"-Beitrag.

Der Deutsche Journalisten-Verband hat die diplomatische Intervention als „lächerlich“ bezeichnet. „Der türkische Machthaber Erdogan hat offenbar die Bodenhaftung verloren“, sagte der DJV-Vorsitzende Frank Überall am Dienstag. „Wenn er wegen einer Satire den deutschen Botschafter in den Senkel stellt, haben die Macher von 'extra 3' ins Schwarze getroffen. Glückwunsch dazu!“ DJV-Chef Überall erklärte: „Seine (Erdogans) außenpolitische Empörung ist so lächerlich, dass er sich zum Gespött der sozialen Netzwerke gemacht hat.“ Über das berechtigte Gelächter dürfe aber nicht übersehen werden, dass „die Verfolgung kritischer Journalisten in der Türkei bittere Realität ist“.

Am Wochenende hatte Erdogan ausländische Diplomaten, darunter auch den deutschen Botschafter, scharf kritisiert, weil sie einen Prozess gegen zwei prominente Journalisten besucht haben. Das entspreche nicht dem diplomatischen Protokoll, sagte Erdogan bei einem Treffen von Geschäftsleuten in Istanbul. Das Verfahren gegen die beiden Journalisten wegen Spionage hat im Ausland für viel Aufmerksamkeit und Kritik gesorgt. Zudem brachte Erdogan zuletzt neben Journalisten und Bloggern auch vermehrt einfache Bürger, darunter auch Jugendliche, wegen "Präsidentenbeleidigung" vor Gericht.

Kritiker im In- und Ausland werfen Erdogan und der Regierung in Ankara vor, mit immer drastischeren Mitteln gegen kritische Journalisten und Medien vorzugehen. Auch die EU beklagt einen zunehmenden Druck auf die Medien in dem Beitrittsbewerberland. Die Regierung weist die Vorwürfe zurück. (mit AFP, Reuters)

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