Neonazis in Anklam : Der rechte Fleck

In Anklam, Vorpommern, gehören die Neonazis längst dazu. Das kann an der sozialen Misere der Stadt liegen. Oder wie der Bürgermeister sagt: an fehlender Eigenverantwortung.

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Anklam in Vorpommern. Neonazis gehören hier zur Normalität.
Anklam in Vorpommern. Neonazis gehören hier zur Normalität.Foto: Laif

Eine junge Frau klingelt an der Bürotür von Rechtsanwalt Michael Andrejewski. Sie ist Anfang 30, trägt kurze blonde Haare, die Beine stecken in engen Jeans. Es ist Montag, Hartz-IV-Sprechstunde bei Andrejewski. Die Frau hat ein Problem: Sie soll ihre Wohnung verlassen, die nach einer Mieterhöhung für sie als Hartz-IV-Empfängerin zu teuer ist, aber das will sie nicht. Deshalb sucht sie hier Hilfe. Aber Andrejewski ist nicht nur Anwalt, er ist auch NPD-Politiker.

Seine Dienste bietet er in einem grauen Plattenbau an, gerade mal 500 Meter vom Rathaus von Anklam, Landkreis Vorpommern, entfernt. Das Gebäude gehört seinem Wahlkreishelfer, der führendes Mitglied einer rechtsextremen Kameradschaft ist. Draußen legen zwei Bauarbeiter gerade einen neuen Gehweg. Drinnen haben sie schon alles renoviert. Hier soll bald eine "nationale Bibliothek" entstehen.

Nach einer halben Stunde kommt die junge Frau heraus, geht an den Bauarbeitern vorbei in Richtung Zentrum.

Sie lässt sich auf ein Gespräch ein, ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Wieso hat sie bei dem NPD-Mann und nicht woanders Hilfe gesucht?

"Wohin hätte ich denn gehen sollen?", fragt sie.

In Anklam bieten auch die Linkspartei und ein Sozialverein Hartz-IV-Beratung an. Davon weiß sie nichts. Andrejewski habe schon ein paar Freunden von ihr mit Hartz-IV-Problemen geholfen, sagt sie. "Dann habe ich seine Anzeige im Boten gesehen und mich daran erinnert." Sie meint den Anklamer Boten.

Andrejewski gibt das Blatt heraus, es erscheint auch auf Usedom, in Stralsund, im Kreis Uecker-Randow, in Lassan und Greifswald und hat insgesamt eine Auflage von mehr als 100.000. "Unabhängiges Mitteilungsblatt" steht in der Unterzeile, die Partei wird nicht erwähnt. Dafür wird für Andrejewskis Hartz-IV-Beratung geworben: Er "war selbst Hartz-IV-Empfänger. Theoretisches Gelaber ohne Ahnung vom wirklichen Leben ist also nicht zu befürchten." Alle drei Monate stecken Andrejewski und seine Helfer das Blatt in jeden Anklamer Briefkasten.

Hat sie keine Bedenken, sich von der NPD beraten zu lassen? "Wieso sollte ich?", fragt sie und zieht die Augenbrauen nach oben. "Für mich ist es eine ganz normale Partei." Dann läuft sie weiter zum Anklamer Arbeitsamt, um die von Michael Andrejewski formulierte Beschwerde einzureichen.

Ein paar Stunden später sitzt der – schlaksig, groß, graue Haare – in einem Café im meistbesuchten Einkaufszentrum der Stadt, ganz aufrecht, die Beine aneinandergepresst. Ins Büro dürfen keine Journalisten. Das will sein Wahlkreishelfer nicht, der Hauseigentümer. Andrejewski erklärt, Anklam sei für ihn und seine Leute ein Paradies – eine Anti-NPD-Bewegung mache hier keinen Sinn. "Wir gehören für die Leute dazu." Er sagt das so emotionslos wie ein Nachrichtensprecher. Zwischen jedem Satz macht er kurze Pausen, seine schmalen Lippen bilden dann einen geraden Strich.