Neue Großstudie : So gesund ist Deutschland

Die Deutschen sind so fit wie nie zuvor, auch im hohen Alter. Welche körperlichen und geistigen Probleme plagen trotzdem viele Bundesbürger?

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Alt und Spaß dabei. Senioren bleiben in Deutschland immer länger gesund.
Alt und Spaß dabei. Senioren bleiben in Deutschland immer länger gesund.Foto: dpa

Es ist das Werk von 130 Wissenschaftlern, sie saßen drei Jahre darüber. Am Donnerstag präsentierte das Robert- Koch-Institut (RKI) seine Bestandsaufnahme des Gesundheitszustands, des Gesundheitsverhaltens und der Gesundheitsversorgung im Land. Das Kompendium umfasst mehr als 500 Seiten, eine der Federführenden – die Gesundheitswissenschaftlerin Petra Kolip aus Bielefeld – nennt es „eine wahre Schatzgrube von Daten“. Und die reichen denn auch von der Säuglingssterblichkeit bis zur Suizidrate, vom Kariesbefall über Allergieanfälligkeit und Raucherquote bis zur Vitaminversorgung, meist auch noch säuberlich getrennt zwischen Männlein und Weiblein, Jung und Alt. Das Ergebnis des Ganzen? Die Deutschen fühlen sich gesünder denn je, genießen eine prächtige Versorgung. Aber chronische Erkrankungen nehmen zu, es gibt immer mehr Schwergewichtige und Diabeteskranke. Und, vielleicht noch erschreckender: Gesundheit und langes Leben hängen auch hierzulande ganz entscheidend vom Einkommen und der sozialen Herkunft ab.

Wie lange leben die Deutschen?

Ein neugeborenes Mädchen kann heute damit rechnen, 82,7 Jahre alt zu werden – ein Junge immerhin 77,7. Die Lebenserwartung der Deutschen steigt kontinuierlich – im Schnitt seit 1871 in jedem Jahrzehnt um drei Jahre. Laut Prognose dürfte sie bis 2060 bei Männern auf 85 Jahre und bei Frauen auf mindestens 89,2 Jahre angestiegen sein. Die meisten sind mit ihrer Gesundheit zufrieden: Drei von vier Erwachsenen schätzen sie als gut oder sehr gut ein, bei den Älteren ist es die Hälfte.

Was ist die häufigste Todesursache?

Herz-Kreislauf-Erkrankungen bleiben, auch wenn die Zahl der Neuerkrankungen gesunken ist, mit 40 Prozent die mit Abstand häufigste Todesursache. Zwar sinkt die Sterblichkeit aufgrund besserer Prävention und Therapie. Doch das hat seinen Preis: Von allen Gesundheitsausgaben fließt inzwischen jeder siebte Euro in diesen Sektor. Die zweithäufigste Todesursache ist Krebs, daran stirbt hierzulande jeder Vierte. Dass die Zahl der Neuerkrankten hier seit 2001 um 16 Prozent gestiegen ist, führen die Forscher vor allem auf das höhere Alter der Deutschen zurück. Die Zahl derer, die durch Verletzungen zu Tode kamen, ist seit den 90er Jahren kontinuierlich gesunken. 2013 waren es knapp 32 400. Mehr als 60 Prozent der Unfalltoten waren männlich.

Was sind die häufigsten Erkrankungen?

Ganz oben stehen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Unter Bluthochdruck leidet jeder dritte Erwachsene, also rund 20 Millionen Menschen. Und als besonderes Problem haben die Forscher den Anstieg von Diabetes identifiziert. 6,7 Millionen sind daran hierzulande erkrankt. Den Forschern zufolge ist dies nur bedingt auf die Alterung der Gesellschaft und eine bessere Früherkennung zurückzuführen. Der Hauptgrund seien „lebensstilbedingte Risikofaktoren“, vor allem Übergewicht. Jedoch kommt es in der Folge inzwischen seltener zu Erblindung und Amputation.

Infektionskrankheiten verlieren demgegenüber an Bedeutung. Die Zahl der HIV- und Hepatitis-C-Neuinfektionen jedoch hat sich leicht erhöht. Antibiotikaresistenzen stellen eine wachsende Gefahr dar. Und die Impfbereitschaft lässt zu wünschen übrig: Nur 71 Prozent der Erwachsenen etwa ist gegen Tetanus geschützt. Und knapp 93 Prozent der Schulanfänger sind zwar gegen Masern geimpft, doch von den Einjährigen nur 40 Prozent.

Auch Muskel- und Skeletterkrankungen sind häufig. Zwischen 70 und 80 hat jede zweite Frau und jeder dritte Mann damit zu kämpfen. 25 Prozent der Frauen und 17 Prozent der Männer haben chronische Rückenschmerzen. Ähnlich verbreitet sind Allergien: 36 Prozent der Frauen und 24 Prozent der Männer sind irgendwann davon betroffen. Unter Kindern und Jugendlichen haben 26 Prozent Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis.

Wie sieht es mit der Psyche aus?

Es gebe keinen Hinweis darauf, dass psychische Erkrankungen öfter aufträten als früher, heißt es in dem Bericht. Zwar erleide fast jeder Zehnte im Laufe seines Lebens einmal eine Depression, und auch die Zahl der psychisch bedingten Fehltage und Frühverrentungen steige seit Jahren. Zurückzuführen sei dies jedoch vor allem auf Enttabuisierung und bessere Diagnostik. Besser geworden ist auch die Zahngesundheit: Seit den 90er Jahren sank der Zahnverlust durch mehr Mundhygiene, Kontrolluntersuchungen und Fluoridanwendung. Im Gegenzug erkranken Erwachsene häufiger an Parodontitis. Und Karies bleibt ein Problem, nicht nur im Vorschulalter. Risikogruppen sind hier auch Erwachsene mit niedrigem sozialen Status, Pflegebedürftige und Behinderte.

Gibt es Ungleichheit?

Ja, aber die Trennlinie verläuft nicht mehr zwischen Ost und West, sondern zwischen armen und reichen Regionen. Der soziale Status wirkt sich auf die Gesundheit aus – und zwar deutlich. Frauen aus niederen Schichten leben im Schnitt acht Jahre weniger, bei Männern sind es sogar elf Jahre. Zählt man nur die gesunden Lebensjahre, so gehen ihnen bis zu 14 Jahre verloren. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Depressionen sind unter Ärmeren weiter verbreitet. Das liegt an schlechteren Lebens- und Umweltbedingungen, aber auch am Lebensstil. Arbeitslose und prekär Beschäftigte rauchen häufiger, treiben seltener Sport, sind für Prävention weniger erreichbar. Menschen mit Migrationshintergrund haben zudem öfter seelische Probleme und gehen seltener zum Arzt. Die Schere öffnet sich bereits bei Kindern und Jugendlichen. Während Kinder von Eltern mit hohem sozialem Status häufiger Allergien, Asthma oder Neurodermitis bekommen, haben benachteiligte Kinder öfter schlechte Zähne, sind weniger sportlich und öfter verhaltensauffällig.

Was sind die größten Risikofaktoren für chronische Erkrankungen?

Neben mangelnder körperlicher Aktivität spielt ungesunde Ernährung eine erhebliche Rolle: 25 Prozent aller Erwachsenen und sechs Prozent der Kinder sind stark übergewichtig. Immerhin: Im Vergleich zu früher treiben vor allem ältere Erwachsene mehr Sport. Doch insgesamt essen die Deutschen zu wenig Fisch, Milch und Milchprodukte, Obst und Gemüse. Und Fleisch steht zu häufig auf der Speisekarte. Die Versorgung mit den meisten Vitaminen und Mineralstoffen sei ausreichend, finden die Experten. Verbesserungswürdig sei die Aufnahme von Vitamin D und E, Folat, Jod und Eisen.

Dafür kommt hierzulande jeder im Schnitt auf 9,7 Liter Reinalkohol pro Jahr. Damit bleibt Deutschland weltweit in der Spitzengruppe. Jeder siebte Junge und jedes neunte Mädchen trinkt mindestens einmal im Monat exzessiv. Und nur vier Prozent sind lebenslang abstinent. Beim Tabak dagegen werden die Deutschen vernünftiger – vor allem Jüngere greifen seltener zur Kippe. Bei Zwölf- bis 17-Jährigen beträgt der Raucheranteil nur noch zehn Prozent. Mit illegalen Drogen haben sieben Prozent der Jugendlichen und 24 Prozent der Erwachsenen Erfahrung. Meist bleibt es aber beim gelegentlichen oder vorübergehenden Konsum.

Wie gesund sind alte Menschen?

Bei den über 75-Jährigen haben 80 Prozent der Frauen und drei Viertel der Männer mindestens zwei chronische Erkrankungen. Zu körperlichen Einschränkungen kommen geistige. Zudem besteht ein hohes Risiko für Wechsel- und Nebenwirkungen durch Arznei, da viele fünf und mehr Mittel einnehmen. Für Hochbetagte auf dem Land ist die Erreichbarkeit von Arztpraxen und Kliniken ein Problem. Und die Suizidrate steigt insbesondere bei älteren Männern. Allerdings: Durch bessere Bildung, gesünderes Leben und weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen komme es seltener zu Demenz, heißt es in dem Bericht. Und im Alter nähmen leichte Alltagseinschränkungen zwar zu, die schwerwiegenderen aber würden seltener.

Was geben die Deutschen für Gesundheit aus, und wie oft lassen sie sich behandeln?

Neun von zehn Erwachsenen gehen mindestens einmal im Jahr zum Arzt. Knapp jeder Sechste landet binnen zwölf Monaten im Krankenhaus. Und drei von vier Erwachsenen greifen mindestens einmal pro Woche zu einem Arzneimittel, Frauen häufiger als Männer. Die Gesundheitsausgaben beliefen sich 2013 auf 314,9 Milliarden Euro. Der größte Posten sind ärztliche Leistungen, gefolgt von der Pflege. In Relation zur Wirtschaftsleistung stiegen die Gesundheitsausgaben zwischen 1992 und 2013 aber lediglich um rund 1,8 Prozentpunkte. Pro Kopf werden hierzulande im Jahr rund 3800 Euro für Gesundheit ausgegeben. Damit liegt Deutschland im oberen Mittelfeld der westlichen Industrienationen.

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