Politik : Neue Kritik an den Jesuiten

Anders als zugesagt erhalten Opfer körperlicher Gewalt vorerst kein Geld

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Berlin - Der Pater holte aus und schlug zu, immer wieder, bis Rudolf Jekel taumelte. Ein Augenfehler, der längst korrigiert war, brach wieder auf, der Junge verlor dauerhaft an Sehschärfe. Jekel war Schüler am Bonner Aloisiuskolleg, das von Jesuiten geführt wird. Aber nicht nur dort wurden Jugendliche misshandelt. Am Berliner Canisius-Kolleg prügelte Pater S. Der Jesuitenorden kündigte deshalb im März 2011 an, nicht nur den Opfern sexueller Gewalt 5000 Euro Entschädigung zu zahlen, sondern auch denjenigen, denen „durch physische und psychische Gewalt“ Leid zugefügt worden sei. „Diese Opfer möchten wir nicht ausschließen“, schrieb Jesuitenchef Pater Stefan Kiechle am 10. März an die Opfer – und brüstete sich damit, dass man da bewusst einen anderen Weg gehe als die katholische Kirche, die nur Opfer sexueller Gewalt entschädige.

Rudolf Jekel stellte einen Antrag auf Entschädigung. Vor einer Woche bekam er einen weiteren Brief von Kiechle. „Mit guten Wünschen zum Osterfest“ kündigte der Jesuitenprovinzial an, dass sich die Entschädigung für die Gewaltopfer hinziehen werde. „Aus Gerechtigkeitsgründen“ wolle man abwarten, bis die Politik die Heimkinder entschädige. „Der Runde Tisch Heimkinder hat in seiner abschließenden Sitzung im Dezember ein Modell vorgeschlagen, wie Gewaltopfern in Kinderheimen durch Zahlungen geholfen werden soll“, schreibt Kiechle am 21. April. „Dieses Modell ist leider von der Politik noch nicht umgesetzt worden“, heißt es in dem Brief weiter. Aber sobald dies der Fall ist, würden die Ordensgemeinschaften „ein ähnliches Modell vorlegen“.

Der für die Heimkinder gefundene Kompromiss sieht die Einrichtung eines Fonds vor, in den Bund, Kirchen und Länder insgesamt 120 Millionen Euro einzahlen sollen. Pro Heimkind würde eine Summe von etwa 4000 Euro ausgezahlt werden. Allerdings ist nicht abzusehen, wann der Fonds zustande kommt und ob überhaupt. Im Moment scheitert er an den Bundesländern. „Ja, das kann sich noch lange hinziehen“, sagte der Sprecher des Jesuitenordens dem Tagesspiegel.

Für Rudolf Jekel klingt Kiechles Osterbrief wie eine erneute Verhöhnung seiner Leiden. „Sie wissen seit über 15 Monaten von den Schandtaten, die Jesuitenpatres begangen haben und verkündigen seit dem September letzten Jahres, an die Opfer dieser Verbrechen eine Genugtuungszahlung leisten zu wollen und nun erklären Sie mir, für Misshandlungsfälle noch keine Regelung gefunden zu haben“, schrieb er an Kiechle. „Ihre Bitte um Verständnis für weitere Verzögerungen weise ich zurück.“ Der Hinweis, sich weiter zu gedulden, mache ihn „sprachlos“.

Nach Auskunft der Bischofskonferenz sind in den Bistümern seit dem 15. März rund 200 Anträge auf Entschädigung gestellt worden. Beim Jesuitenorden seien bisher 25 Anträge eingegangen, sagte der Ordenssprecher. Viele Opfer seien durch die langwierigen Verhandlungen mit der Kirche und den Orden und deren immer neue Verzögerungstaktiken so resigniert, dass sie sich zurückgezogen hätten, sagte ein ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs. Deshalb hätten bislang nur wenige Entschädigung beantragt. „Aber der Schmerz, der durch die Erinnerung im vergangenen Jahr an die Oberfläche gekommen ist, der ist ja nicht weg. Nur sind wir jetzt wieder alleine damit.“

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