"Nie wieder Krieg" : Mit Blick auf Putin ist die Vergangenheit nicht tot

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist der Slogan „Nie wieder Krieg“ in Deutschland zu Recht die populärste Parole. Doch in Zeiten, in denen Russlands Präsident Putin als Kriegsherr auftritt, geraten alte Gewissheiten ins Wanken. Ein Kommentar.

Peter von Becker
Auf Kriegskurs: Russlands Präsident Wladimir Putin.
Auf Kriegskurs: Russlands Präsident Wladimir Putin.Foto: dpa

Es ist ein schöner Spätsommertag am Freitag, den 1. September 1939 in Danzig, das seit dem Versailler Vertrag zwanzig Jahre lang eine von Deutschen und Polen bewohnte „Freie Stadt“ gewesen war. Nicht einmal die Hellsichtigsten ahnen wohl, dass dieser Freitag der schwärzeste in der neueren Weltgeschichte werden würde. Am frühen Morgen hatte die deutsche Kriegsmarine begonnen, ein polnisches Munitionsdepot auf der in die Ostsee ragenden Danziger Westerplatte zu beschießen. Am Wochenende pilgerten dann vor allem deutsche Strandgäste an die Küste und beschauten beim Picknick das frische Feuer. Da hatte der Zweite Weltkrieg begonnen.
Jetzt, 75 Jahre später, scheint die Lektion der Geschichte ganz eindeutig zu sein. Anders als beim Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren gibt es keine von Historikern diskutierte Kriegsschuldfrage. Hitler-Deutschland trägt die Verantwortung für das über fünf Jahre dauernde Verhängnis, für über 70 Millionen Kriegstote, für den Völkermord an Europas Juden, für die Zerstörung von Städten und Ländern, für die Vertreibung von meist unschuldigen Menschen. Auch von Deutschen.
„Nie wieder Krieg“ ist seitdem die in Deutschland zu Recht populärste Parole. Was absolute Pazifisten dabei freilich ausblenden: Nur der blutig gewonnene Abwehrkrieg der Alliierten gegen Nazi- Deutschland hat die Befreiung vom Militarismus als Staatsdoktrin und jegliche Spielart des heutigen deutschen Pazifismus überhaupt möglich gemacht.

Was im Nahen Osten geschieht, rückt näher

Noch bei den Bomben auf Belgrad in den späten 90er Jahren und während des Afghanistan-Feldzugs nach dem 11. September wurde das Wort „Krieg“, wenn es denn die deutsche Beteiligung meinte, im amtlichen Sprachgebrauch peinlichst vermieden. Inzwischen aber ist die deutsche Politik auf dem Weg zurück: in jene für Idealisten schwer erträgliche Realpolitik, die den Einsatz von Soldaten und Waffen nicht allein im Nato-Bündnisfall, sondern auch zur Abwehr von Völkermorden und schwersten Menschenrechtsverletzungen immer weniger ausschließt. Der unheilige Krieg islamistischer Dschihadisten gegen den Westen und unsere Werte demonstriert diese Brisanz. Was im Nahen Osten geschieht, schien erst unheimlich fern, jetzt rückt es nah und näher.
Hinzu kommt, was Wladimir Putin als nunmehr offener Kriegsherr in Europa betreibt. Im Gedenkjahr zweier vor allem europäischer Weltkriege. Das ist für die Anrainer Russlands, vor allem für das so oft bedrängte Polen, ein Schrecken. Und für die Deutschen ein Schock. Trotz Teilung und Diktatur galten die russischen Besatzer als Befreier vom Faschismus. Nach dem deutschen Vernichtungskrieg im Osten und 20 Millionen russischen Kriegstoten wurde eher verdrängt: dass Stalins Sowjetunion auch ein Täteropfer war. Hitlers Krieg im Westen wurde bis zum Sommer 1941, bis zum Überfall auf die Sowjetunion, durch Energielieferungen Stalins, durch russisches Erdöl, Gas, Stahl, Weizen kräftig unterstützt. Nicht nur Polen ist so ab 1939 dem Hitler-Stalin-Pakt zum Opfer gefallen.
Putin aber, der die damals mit verheerte Ukraine eben jetzt mit unglaublichen Faschismus-Vergleichen überzieht, verhindert noch immer jede Aufarbeitung der stalinistischen Vergangenheit. Auch das rächt sich in der Gegenwart. „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“, hat der Romancier William Faulkner einst geschrieben. Ein Paradox, doch manchmal wahr.

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