Norwegen und das Benzin-Verbot : Warten auf das E-Auto-Wunder

Norwegen sagt Tschüss - und zwar zu Benzin- und Dieselautos. Zumindest in Sachen Entschlossenheit könnte das Land ein Vorbild für Elektromobilität in Deutschland sein.

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Loiuse Brunborg-Næss aus Son bei Oslo (Norwegen) lädt am 05.08.2016 ihren Elektro-Nissan auf.
Loiuse Brunborg-Næss aus Son bei Oslo (Norwegen) lädt am 05.08.2016 ihren Elektro-Nissan auf.Foto: dpa

Norwegen macht Ernst. Bis 2050 will das skandinavische Land den Anteil von Autos mit Benzin- oder Dieselmotor drastisch reduzieren. In einem „Nationalen Transportplan“ wagen die Norweger eine in Europa einmalige, radikale Verkehrswende. Weitaus konsequenter als in anderen Ländern soll der Verkehrssektor verpflichtet werden, besonders wenige Schadstoffe in die Umwelt zu blasen. Weg vom Öl, mit dem das Land reich geworden ist, sind die Norweger schon. Fast 100 Prozent des Stroms werden mit Wasser- oder Windkraft erzeugt. Der in Norwegen am häufigsten zugelassene Neuwagen ist ein Tesla, das Elektrotraumauto aus Kalifornien.

Norwegen ist ein reiches, kleines, für die Automobilindustrie unbedeutendes Land, das sich klima- und verkehrspolitische Experimente leisten kann. Ein Vorbild für uns? Nein. Mit diesem Argument, vorzugsweise vorgetragen von deutschen Automanagern, wird auf die ungleich komplizierteren Verhältnisse hierzulande verwiesen. Es stimmt ja: Deutschland hat keinen Ölreichtum und gewinnt einen Großteil seiner Energie noch aus heimischer Kohle. Und hierzulande gibt es eine Schlüsselindustrie, die 700.000 Menschen bei Autoherstellern und deren Zulieferern Arbeit gibt, die das meiste Geld für Forschung und Entwicklung ausgibt und von deren Exporterfolg unser Wohlstand abhängt. Das Autoland Deutschland ist nicht Norwegen.

Evolution statt Revolution, lautet stattdessen das Credo. Wir schaffen die Verkehrswende auch anders. Weil wir mehr im Gepäck und mehr zu verlieren haben als die Norweger.

Dabei hat das Autoland Deutschland in jüngster Zeit an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Mit dem Diesel-Skandal bei VW stürzte die Branche in eine Vertrauenskrise. Und mit ihr Aufsichtsbehörden und die Politik. Die Diesel-Technik, auf die deutsche Hersteller in Jahrzehnten Milliarden gesetzt haben, ist beschädigt. Gleichzeitig verrinnt die Zeit, in der marktfähige Alternativen zum Verbrennungsmotor gefunden werden müssen. Viel zu lange hat es gedauert, bis die ersten E-Autos auf die Straße kamen.

Zeitalter der Elektromobilität

Ab 2030 dürfte kein Benziner oder Diesel mehr verkauft werden, wenn der Verkehrssektor in Deutschland bis 2050 CO2-frei sein soll. 2030 – das ist in 14 Jahren. Sieben Jahre dauert es, um ein neues Auto zu entwickeln. Nur zwei Fahrzeuggenerationen trennen uns also von – ja, von was? Dem Zeitalter der Elektromobilität? Dem Ende des Individualverkehrs? Der Realität autonomen Fahrens?

Die Zeit rast und die Zukunft hat begonnen. Deshalb ist „Dieselgate“ so gefährlich. Denn was Autoingenieure zuletzt brauchen, sind misstrauische Verbraucher. Verständlich, dass die sich nicht mit technischen Details beschäftigen möchten. Sie wollen sich darauf verlassen, nicht betrogen zu werden. Mehr Wissen um die Technik und die Endlichkeit des technischen Fortschritts sind aber gleichwohl notwendig. Das kann vor Illusionen schützen – und vor politischer Naivität.

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Kurzum: Es werden weitere Generationen von modernen Diesel-Fahrzeugen jenseits der aktuellen E6-Norm auf den Markt kommen. Ohne sie werden die CO2-Grenzwerte, die in der EU ab 2021 gelten, auch nicht einzuhalten sein. Es ist nun einmal so: Der wegen seiner Stickoxide problematische Diesel ist beim Kohlendioxid (CO2) sauberer als jeder Benziner. Viel mehr an Effizienz kann man dieser Technik allerdings nicht mehr entlocken. In ungefähr zehn Jahren ist der Diesel am Ende seiner Entwicklungsfähigkeit.

Wenig Zeit für große Sprünge. Volkswagen hat deshalb jetzt aus der Not eine Tugend gemacht und hohe Investitionen in die Elektromobilität beschlossen. Würde bald auch die staatliche Kaufprämie für E-Autos zünden, die bislang ein Flop ist, könnte etwas in Gang kommen. Dabei ist das eine zu tun, ohne das andere zu lassen: VW und die deutsche Autoindustrie müssen den Diesel wieder salonfähig machen. Die Verkehrswende braucht mehr Entschlossenheit und Überzeugung. In dieser Hinsicht könnten die Norweger ein Vorbild für uns sein.

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