NSU-Prozess : Ex-Freundin des Mit-Angeklagten Ralf Wohlleben verärgert Richter Götzl

Die Ex-Freundin des Mitangeklagten Ralf Wohlleben hatte am Mittwoch im NSU-Prozess einen merkwürdigen Auftritt. Die wenigen schlüssigen Aussagen stellten den Vorsitzenden Richter Götzl auf eine Geduldsprobe.

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Oberlandesgericht München II: Wirre Zeugenaussage verärgert Richter Götzl
Oberlandesgericht München II: Wirre Zeugenaussage verärgert Richter GötzlFoto: imago

Vielleicht ist die Zeugin naiv, vielleicht sind auch manche Erinnerungslücken echt, vielleicht hat auch ein Extremist oder ein Anwalt vor ihrer Aussage auf sie eingewirkt. Womöglich ist Juliane W. aber nur hochgradig dreist. Oder alles zusammen. Jedenfalls hat die 32-jährige Frau am Mittwoch im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München eine Geschichte präsentiert, die den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl gewaltig nervte. „Das ist nicht überzeugend“, blaffte Götzl die Zeugin an. Und er hielt ihr vor, „Sie machen es mir echt schwer!“ Juliane W. ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, „ich hab’s ja selber im Kopp nur schwammig“.

     Immerhin ließ sich der wirren Aussage entnehmen, dass Juliane W. am 26. Januar 1998, einem zentralen Datum in der Geschichte der Terrorzelle NSU, Hilfe geleistet hatte. An jenem Tag waren in Jena die Neonazis Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe abgetaucht. Für fast 14 Jahre.

    An dem Tag sei an ihrer Schule, wo sie eine überbetriebliche Ausbildung absolvierte, Böhnhardt gemeinsam mit ihrem Ex-Freund Volker H. aufgetaucht, sagte Juliane W. Die beiden hätten sie aus dem Unterricht herausgeholt und gesagt, Ralf Wohlleben, der damalige Partner von Juliane W., solle verhaftet werden. Wohlleben ist einer der Angeklagten im NSU-Prozess und hat mutmaßlich Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe beim Gang in den Untergrund geholfen. Allerdings bestand am 26. Januar 1998 für Wohlleben gar keine Gefahr, festgenommen zu werden. Aber Juliane W. blieb bei ihrer Version. Die Miene von Richter Götzl verfinsterte sich.

    Den Zugriff der Polizei mussten vielmehr Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe befürchten. Beamte hatten an dem Tag in einer von Zschäpe gemieteten Garage eine Werkstatt zum Bau von Rohrbomben entdeckt. Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe entzogen sich einer möglichen Festnahme und verschwanden. Für die  Flucht, mutmaßlich in Richtung  Chemnitz, sollen sie Wohllebens Wagen genutzt haben. Vermutlich hatten Böhnhardt und Volker H. deshalb Juliane W. aus der Schule geholt. Damit sie mit Volker H. nach Erfurt fuhr, wo Wohlleben eine Ausbildung machte und sein Wagen gestanden haben soll.

"Ein hin und her"

    Juliane W. fuhr mit Volker H. nach Erfurt, in ihrer Schule hatte sie sich abrupt krankt gemeldet. Böhnhardt war in Jena geblieben  – Juliane W. sah ihn, so sagte sie es zumindest am Mittwoch, nie mehr wieder. In Erfurt hätten sie und Volker H. dann Wohlleben mitgeteilt, dass ihm die Verhaftung drohe. Wohlleben sei mit seinem Wagen nach Jena gefahren, sagte Juliane W. Sie selbst sei mit Volker H. zurückgekommen. Was das sollte, und warum der Neonazi Wohlleben der ihn angeblich suchenden Polizei entgegenfahren wollte, konnte die Zeugin nicht erklären. „Ich wusste nicht, worum es geht“, sagte sie dem Strafsenat. Sie sei jung und naiv gewesen und habe getan, was ihr gesagt wurde.

    Dazu gehörte auch, dass sie in die Wohnung von Uwe Mundlos ging, um Kleidung herauszuholen. Warum und wofür, will Juliane W. ebenfalls nicht geahnt haben. In der Wohnung traf die Frau jedoch auf Polizisten, sie durchsuchten die Räume. Die Beamten notierten später, Juliane W. habe behauptet, sie wolle in der Wohnung fernsehen. Obwohl dort kein TV-Gerät stand. Juliane W. konnte wieder gehen, allerdings ohne Kleidungsstücke für Mundlos mitzunehmen.

    Das gelang ihr dann in der Wohnung Zschäpes. Juliane W. stopfte Textilien in einen blauen Müllsack. Daran zumindest konnte sie sich am Mittwoch bruchstückhaft erinnern. Auch wenn Juliane W. offen ließ, wie sie in die Wohnung gelangte und ob die Tür schon von der Polizei versiegelt war. Und Juliane W. steigerte die Verwirrung noch. Sie sei auch mit einer Vollmacht zur Polizei  gegangen und habe um die Herausgabe des Schlüssels für Zschäpes Wohnung gebeten. Richter Götzl schüttelte genervt den Kopf. Juliane W. ließ sich nicht erschüttern. „Ich kann ja die Zusammenhänge selber nicht verstehen“, sagte sie mit leicht klagendem Timbre, „es ist immer so ein Hin und Her gewesen“. In den Unterlagen der Polizei findet sich ein Vermerk, wonach Juliane W. einen Tag nach dem Verschwinden von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe mit einer „formlosen Vollmacht“ auf einer Dienststelle auftauchte und den Wohnungsschlüssel abholen wollte. Den sie natürlich nicht bekam.

Blauäugig oder berechnend?

    Dass Juliane W. doch mehr als nur eine arglose Handlangerin gewesen sein könnte, lässt sich allerdings schon der  Aussage entnehmen, sie sei nach dem Abtauchen von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe bei der „Mutti“ von Mundlos gewesen. Es sei um die Einrichtung eines Kontos gegangen und um eine Kreditkarte. Aber auch bei dieser Episode soll die Erinnerung weg sein. Dass sie bei der Mutter von Mundlos war, beteuerte Juliane W., „das hat mir die Polizei gesagt, dass ich das gemacht habe“. Gemeint war eine Vernehmung von Juliane W. Ende 2011, kurz nach dem Ende des NSU. Ohne die Befragung und die Vorhalte der Beamten, so suggerierte es Juliane W., wisse sie fast nichts mehr von dem, was 1998 geschehen war. Ein makaberes Detail konnte sie jedoch noch nachschieben.

Beamte des Verfassungsschutzes hätten sie bei zwei Treffen nach dem Verbleib von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe gefragt, sagte Juliane W. Sie habe aber nur sagen können, dass sie nichts wisse. Dennoch hätten ihr die Verfassungsschützer beide Male 100 Mark gegeben. Das Geld habe sie, sagte Juliane W. nun dem Strafsenat, „blauäugig angenommen“. Sie bestritt aber, dass ihre Beziehung zu Ralf Wohlleben, einem der Wortführer der rechten Szene in Jena, wegen ihrer Kontakte zum Verfassungsschutz zerbrochen sei. Sie habe „dem Ralf“ davon gar nichts erzählt.

Der Grund für das Ende der Partnerschaft war ein anderer – und er lässt erkennen, dass Juliane W. wohl nicht ganz so harmlos war, wie sie sich heute gibt. Sie habe Wohlleben erzählt, schwanger zu sein, sagte sie etwas widerstrebend. Doch sie war es nicht. Als Wohlleben es 1999 herausbekam, machte er Schluss. Am Mittwoch war Juliane W. für ihn kaum einen Blick wert.

 

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