NSU Prozess in München : Beate Zschäpe und die Stille im Gerichtssaal

Keine Schreie, keine Flüche, kein inszenierter Schmerz für die Kameras. Am ersten Tag des NSU-Prozesses vor dem Oberlandesgericht in München, reagieren die Hinterbliebenen der Opfer mit stummer Trauer auf Beate Zschäpe.

von
Keine Schreie, keine Flüche, kein inszenierter Schmerz für die Kameras. Am ersten Tag des NSU-Prozesses vor dem Oberlandesgericht in München, reagierten die Hinterbliebenen der Opfer mit stummer Trauer auf Beate Zschäpe.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dpa
06.05.2013 19:33Keine Schreie, keine Flüche, kein inszenierter Schmerz für die Kameras. Am ersten Tag des NSU-Prozesses vor dem Oberlandesgericht...

André E. ist der Erste. Es ist etwa zehn Uhr am Morgen, als der Angeklagte den Saal A 101 des Oberlandesgerichts in München betritt und zielstrebig zu seinem Platz geht. E. trägt die Haare kurz geschnitten und glatt zurückgekämmt, im Gesicht einen Vollbart. Er setzt sich. Breitbeinig. Die Arme vor der Brust verschränkt. Ein Rockertyp mit einem kleinen Tellerohrring im rechten Ohrläppchen. Es folgt Holger G., er hält einen Pappordner vor sein Gesicht. Und plötzlich erscheint auch Beate Zschäpe. Nur kurz schaut sie auf die vielen Fotografen im Saal, dann dreht sie ihnen demonstrativ den Rücken zu. Wie sie da steht, mit nachtblauem Sakko, weißer Bluse und schwarzer Jeans ähnelt sie gar nicht Zschäpe, der Angeklagten, der Frau, die seit Mitte der 90er Jahre im rechtsradikalen „Thüringer Heimatschutz“ und der noch radikaleren „Kameradschaft Jena“ aktiv gewesen, die 1997 mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos abgetaucht sein und als Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) ein Leben zwischen Banküberfällen, Morden und Bombenanschlägen geführt haben soll, in diesem Augenblick sieht sie selber aus wie ihre eigene Anwältin. Ihr Gesicht ist bleich, die Lippen sind schmal, ihre dunklen Haare trägt sie offen.

Sie wirkt genervt, verschränkt die Arme, wirft den Kopf kurz nach hinten. Doch dann lächelt sie ihre Verteidiger an. Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm haben sich um sie gestellt, die Fotografen und Kameraleute dehnen und strecken sich vergeblich, um eine Aufnahme von Beate Zschäpes Gesicht machen zu können. Die Anklagen lauten auf Mord beziehungsweise Beihilfe zum Mord, auf besonders schwere Brandstiftung, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, Raub und Beihilfe zum Raub.

Die etwa 80 Nebenkläger, Journalisten und Zuschauer blicken so gebannt auf Beate Zschäpe, dass fast unbemerkt bleibt, wie auch die beiden weiteren Angeklagten den Saal betreten. Ralf Wohlleben hat sich neben seine Anwältin gesetzt. Mit mäßig interessiertem Gesichtsausdruck blättert er in Unterlagen. Vom Kopf des fünften Angeklagten, Carsten S., ist gar nichts zu sehen. Er trägt die Kapuze seines dunkelblauen Pullis weit heruntergezogen, den Kopf hält er gesenkt, setzt sich, faltet die Hände auf dem Tisch. Carsten S., der sich schon lange von der rechten Szene losgesagt hat, wäre wohl am liebsten unsichtbar. Beate Zschäpe dreht sich erst um, als eine knappe halbe Stunde später der Vorsitzende Richter Manfred Götzl mit seinen Kollegen erscheint und die Fotografen hinausschickt. Selbstbewusst blickt sie in die Runde, schaut auch zu den Nebenklägern, als Götzl diese bei der Vorstellung aller Prozessbeteiligten auch einzeln nennt. Es sind längst nicht alle Hinterbliebenen der Mordopfer des NSU und die überlebenden Opfer erschienen, und ob es Zschäpe etwas ausmacht, mit diesen Menschen konfrontiert zu werden, ist nicht zu erkennen.

80 Nebenkläger, 101 Journalisten schauen auf Beate Zschäpe

Eine Kamera filmt den Bereich der Nebenkläger und projiziert die Bilder auf zwei Wände. Bei Beate Zschäpe ist keine Scheu zu entdecken, keine Hektik. Den schwarzen Laptop, den sie vor sich aufgestellt hat, klappt sie bald wieder zu. Ihr gegenüber, genau über einem der beiden Eingänge zum lindgrün gestrichenen Saal A 101, hängt ein schlichtes, dunkelbraunes Holzkreuz. Beate Zschäpe und die vier weiteren Angeklagten sitzen mit ihren Verteidigern an drei Tischreihen. Zschäpe vorne rechts, weiter links dann André E., dahinter Ralf Wohlleben und seine Ehefrau. In der letzten Reihe die Angeklagten Holger G. und Carsten S. Die acht Richter haben erhöht an einem schweren, halbrunden Tisch Platz genommen. Links davon die vier Vertreter der Bundesanwaltschaft. Vor der Riege der etwa 80 Nebenkläger und ihrer Anwälte sitzen in einer Linie die Sachverständigen. Die Reihen der Nebenkläger reichen in die Tiefe des Saales hinein, weit unter die Empore mit den insgesamt 101 Journalisten und Zuschauern.

Es ist unmöglich, sich in diesem Saal nicht nahe zu sein. Vor allem welche Medienvertreter hinein dürfen und welche nicht, darum hatte es im Vorfeld viel Streit gegeben. In einem ersten Anlauf war das Zuteilungsverfahren vom Verfassungsgericht als unzulässig verworfen worden. Die türkische Zeitung „Sabah“ hatte sich bei der Vergabe benachteiligt gesehen und Verfassungsbeschwerde eingereicht. Bei einem zweiten Vergabeprozess entschied das Los. So dass nun etliche Berichterstatter, die leer ausgingen, sich in der Nacht zu Montag, manche bereits am Sonntagnachmittag, auf gut Glück in die Schlange für den Zuschauerraum einreihten, um doch noch einen Platz zu bekommen. Das enorme Interesse von Medien und Zuschauern gilt an diesem Tag Beate Zschäpe.

Seite 1 von 2Artikel auf einer Seite lesen

20 Kommentare

Neuester Kommentar