NSU-Prozess : Manfred Götzl - der Ringrichter

Ist das nun rabiat und selbstherrlich? Oder einfach nur nötig, damit der NSU-Prozess nicht ausfranst? Der Vorsitzende Manfred Götzl bringt in den ersten Verhandlungstagen immer wieder eine der vielen Parteien gegen sich auf. Und manchmal spielt er sie sogar gegeneinander aus.

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Dompteur. Es hat sich viel aufgestaut vor dem NSU-Prozess in München, und dann geht es zunächst nicht mal richtig los. Richter Manfred Götzl sucht nach der Ordnung.
Dompteur. Es hat sich viel aufgestaut vor dem NSU-Prozess in München, und dann geht es zunächst nicht mal richtig los. Richter...Foto: dpa

Dann ist doch noch etwas passiert, das kaum zu erwarten war. Manfred Götzl hat gelacht. Kurz, aber laut.

Am Donnerstag war das, dem für ein paar Wochen letzten Verhandlungstag im NSU-Prozess. In den Tagen davor hat Manfred Götzl zwar auch schon mal mokant einen Mundwinkel hochgezogen. Aber gelacht hat der Vorsitzende Richter des 6. Strafsenats am Oberlandesgericht München nie.

Gelacht hatten bis dahin immer nur andere. Wenn Götzl etwa die jungen Verteidiger von Beate Zschäpe zurechtwies. Wie am Montag, als er den Anwalt Wolfgang Heer anfuhr, „wenn Sie mir nicht sagen, zu welchem Zweck Sie das Wort haben wollen, erteile ich es Ihnen nicht“. Da war Gelächter zu hören. Aber Götzl selbst war kontrolliert und verkniff sich jede Regung. Donnerstagmittag war das nicht mehr nötig. Er hat dann einfach mitgelacht, als fast alle im Saal wie befreit auflachten. Er hatte gesagt: „Es ist vorgesehen, heute zu Ende zu kommen.“

Der NSU-Prozess ist ein Monstrum, eines, das die bundesdeutsche Justiz selten erlebt hat. Sie geht in diesem Verfahren an ihre Grenzen. Auch gestandene Anwälte sagen abends, sie bräuchten jetzt dringend ein paar Bier, „um wieder runterzukommen“. Es sind die vier schwierigen Verhandlungstage im engen, stickigen Saal A 101 des Justizpalasts an der Nymphenburger Straße gewesen, die allen Prozessteilnehmern einen Eindruck vermittelt haben, welche Strapazen noch vor ihnen liegen. Wahrscheinlich jahrelang.

Hauptangeklagte. Beate Zschäpe.
Hauptangeklagte. Beate Zschäpe.Foto: dpa

Der Saal A 101. In dem mayonnaise- weiß gestrichenen Betonbunker mit dem schmächtigen Jesuskreuz drängen sich seit dem 6. Mai acht Richter, vier Vertreter der Bundesanwaltschaft, fünf Angeklagte, elf Verteidiger und eine schwankende Zahl von Nebenklägern mit mindestens 50 Anwälten. Über ihnen, auf der Empore, sind mehr als 100 Journalisten und Zuschauer verklebt. So muss man es sagen, weil dem Schweiß des Nachbarn in der Enge niemand entkommt.

Fast 500 Seiten umfasst die Anklageschrift. Die Vorwürfe gegen Beate Zschäpe sind die härtesten, die seit der Wiedervereinigung gegen eine Person aus der rechtsextremen Szene erhoben wurden. Mittäterschaft bei zehnfachem Mord, bei zwei Sprengstoffanschlägen, bei 15 Raubüberfällen. Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Besonders schwere Brandstiftung in Tateinheit mit versuchtem Mord. Die Anklage gegen Ralf Wohlleben, Carsten S., Holger G. und André E. ist weniger hart, aber jeder Einzelfall böte Stoff für ein eigenes größeres Verfahren. Der NSU-Prozess erscheint so gewaltig, dass sich die Frage stellt, ob er überhaupt zu beherrschen ist. Ob es Richter Manfred Götzl gelingt, den übergroßen Prozess in den Griff zu kriegen?

Götzl begreift sich offenbar als Dompteur in Robe. Der auf keinen Fall überfordert wirken will. Der nahezu kahlgeschorene, hagere Mann Ende 50, die randlose Brille sitzt ihm fast wie ein Kneifer auf der Nase, demonstriert jeden Tag, meist knapp und kalt, Überlegenheit. Da wirkt auch der bayerische Dialekt nicht gemütlich. Götzl pocht eisern auf seine „Sitzungsgewalt“.

Die bekommen vor allem die jungen Verteidiger von Beate Zschäpe zu spüren, das jungenhaft smarte Duo Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl sowie die eher leise, umgängliche Anja Sturm. Zschäpe selbst sitzt bleich und stumm dabei.

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