NSU-Prozess : Zeugin denkt bei Zschäpe an US-Schauspielerin

Beim NSU-Prozess in München kann sich eine Zeugin an Beate Zschäpe erinnern, weil diese einer Schauspielerin in der Serie „Roseanne“ ähnlich sah. Aus Sicht der Anklage erhärtet sich der Verdacht, Zschäpe sei bei den Verbrechen des NSU Mittäterin gewesen.

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War sie an den NSU-Morden direkt beteiligt? Beate Zschäpe beim Prozess in München
War sie an den NSU-Morden direkt beteiligt? Beate Zschäpe beim Prozess in MünchenFoto: dpa

Für die Bundesanwaltschaft ist Andrea C. eine wichtige Zeugin. Die Frau will Beate Zschäpe am Morgen des 9. Juni 2005 in Nürnberg gesehen haben, kurz bevor die NSU-Serienmörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt dort den türkischen Imbissbetreiber Ismail Yasar erschossen. Zschäpe soll nicht weit entfernt und etwa eine halbe Stunde vor der Tat in einem Edeka-Supermarkt an der Kasse gestanden haben. So hatte es Andrea C. dem Bundeskriminalamt gesagt – und so wiederholte sie es am Dienstag im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München. Die Zeugin konnte auch erklären, warum sie sich an Zschäpe erinnert.

Ihr sei die Frau im Supermarkt aufgefallen, weil sie einer Schauspielerin der Fernsehserie „Roseanne“ ähnlich sah, sagte Andrea C. Der TV-Star, den die Zeugin meint, ist Sara Gilbert, sie spielte in der amerikanischen Comedy-Show die Tochter einer Arbeiterfamilie. Auf Fotos aus der Serie, die seit 1990 bei Pro Sieben gezeigt wird, wirkt Gilbert fast wie eine nahe Verwandte Zschäpes – das schmale Gesicht, umrahmt mit offenem, dunkellockigen Haar, ist mit dem Antlitz der Hauptangeklagten vergleichbar.

Ermordet aus reinem Hass - Die Opfer des NSU
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War Beate Zschäpe in der Nähe der NSU-Tatorte?

Unter Bezug auf Andrea C. sagt die Bundesanwaltschaft in der Anklage, Zschäpe habe sich bei dem Anschlag auf Ismail Yasar zur Tatzeit ebenfalls in Nürnberg aufgehalten. Aus Sicht der Behörde wird damit der Vorwurf gestützt, Zschäpe sei bei den Verbrechen des NSU die Mittäterin gewesen.

Andrea C. hatte außerdem in der Nähe des Imbisscontainers von Yasar sei junge Männer mit Fahrrädern gesehen. Angesichts der kurzen Haare der beiden glaubte sie damals, es seien Russen. Mundlos und Böhnhardt hatten bei den Morden regelmäßig den Tatort mit Fahrrädern aufgesucht.

Ob die Angaben von Andrea C. stimmen, ist allerdings nicht mit letzter Sicherheit zu sagen. Die Zeugin, die im Gerichtssaal etwas überfordert wirkte, konnte sich an Teile früherer Aussagen nicht mehr erinnern. Außerdem hatte sie im April 2012 dem BKA gesagt, die Frau, die vor ihr im Nürnberger Edeka-Markt an der Kasse stand, habe eine Brille getragen. Jetzt hingegen wollte sie von einer Brille nichts wissen. Andrea C. hatte sich zudem nicht selbst bei der Polizei gemeldet. Das BKA befragte 2012 sie und weitere Zeugen, die bereits 2005 von der Polizei vernommen worden waren.

Andrea C. ist nicht die einzige Zeugin im NSU-Prozess, die Beate Zschäpe in zeitlicher und räumlicher Nähe zum Tatort eines Mordes beobachtet haben will. Ende September sagte eine Frau aus Dortmund, sie habe auf einem Grundstück neben ihrem Wohnhaus in der Stadt in der ersten Aprilwoche 2006 Zschäpe gemeinsam mit Mundlos, Böhnhardt und einem bulligen Skinhead gesehen. Am 4. April 2006 hatten  Mundlos und Böhnhardt in Dortmund  den deutschtürkischen Kioskbetreiber Mehmet Kubasik erschossen. Die Zeugin hatte sich allerdings erst in diesem Sommer, mehr als eineinhalb Jahre nach dem Ende des NSU, mit ihrer Geschichte gemeldet – nicht bei Polizei oder Bundesanwaltschaft, sondern bei dem Hamburger Anwalt Thomas Bliwier, der mit Kollegen im Prozess die Angehörigen des ebenfalls im April 2006 getöteten Halit Yozgat vertritt. Yozgat hatte in Kassel ein Internetcafé betrieben.

Einer der Kollegen Bliwiers, Alexander Kienzle, stellte am Dienstag einen Antrag auf „Nachermittlungen“ zum Fall Kassel. Dabei geht es um die obskure Figur des ehemaligen Verfassungsschützers Andreas T., der sich zumindest kurz vor dem Mord an Yozgat in dessen Internetcafé aufgehalten hatte. Laut Kienzle ist es auffällig, dass die regelmäßige Fahrstrecke von T. in seiner Zeit als Verfassungsschützer zu mehreren Markierungen des NSU auf einem Kasseler Stadtplan passt. Den beschädigten Plan hatte die Polizei im Brandschutt der von Zschäpe am 4. November 2011 in Zwickau angezündeten Wohnung gefunden.

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