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NSU-Untersuchungsausschuss : Tote Zeugin: Keine Hinweise auf Fremdeinwirken

Eine Zeugin im Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss fühlte sich bedroht und wurde nun tot aufgefunden. Laut Polizei ergab die Obduktion allerdings keine Hinweise auf Fremdeinwirken. Viele Fragen bleiben dennoch.

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In diesem Auto verbrannte Florian H. Seine kurzzeitige Lebensgefährtin M. kam nun auch überraschend ums Leben - allerdings laut Obduktion ohne Fremdeinwirken.
In diesem Auto verbrannte Florian H. Seine kurzzeitige Lebensgefährtin M. kam nun auch überraschend ums Leben - allerdings laut...Foto: dpa

Nach dem plötzlichen Tod von M., einer Zeugin im Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss, am Wochenende hat die Obduktion nach Auskunft der Polizei keine Hinweise auf Fremdverschulden geliefert. Die 20 Jahre alte Frau aus Kraichtal (Kreis Karlsruhe) sei an den Folgen einer Lungenembolie gestorben, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Montag in Karlsruhe mit. Das sei das vorläufige Ergebnis der Untersuchung in der Universität Heidelberg.

Der Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag beschäftigt sich vor allem mit dem Mord an der Polizistin Michèle Kieswetter, der bis heute unaufgeklärt ist und auf das Konto der rechtsextremen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) gehen soll. Kiesewetter war am 25. April 2007 auf der Theresienwiese in Heilbronn während ihres Dienstes mit einem gezielten Kopfschuss getötet worden. Ein weiterer Polizeibeamter war mit einem Kopfschuss lebensgefährlich verletzt worden.

M. war vor den Stuttgarter Untersuchungssausschuss geladen worden, weil sie zumindest für kurze Zeit die Lebensgefährtin des Neonazis Florian H. war, der ebenfalls auf nicht ganz geklärte Art und Weise ums Leben gekommen war. M. bestand auf eine nicht-öffentliche Vernehmung, weil sie sich bedroht gefühlt habe. Nach ihrem plötzlichen Tod waren Spekulationen aufgekommen, dass es einen Zusammenhang damit geben könnte.

Polizei und Staatsanwaltschaft gehen aber eher davon aus, dass M. an den Folgen eines Moto-Cross-Unfalls gestorben sei, den sie am Dienstag, 24. März, gehabt habe. Es soll sich um einen leichten Unfall gehandelt haben, bei dem die Zeugin sich eine Prellung am Knie zugezogen habe. Eine polizeiliche Aufnahme des Geschehens sei nicht erfolgt. Am Abend sei sie in einem Krankenhaus ambulant behandelt worden und später auch beim Hausarzt. Jedes Mal sei es um eine Thrombosevorsorge gegangen. "Dennoch dürfte sich aus dem unfallbedingten Hämatom im Knie ein Thrombus gelöst und letztlich die Embolie verursacht haben", heißt es nun bei Polizei und Staatsanwaltschaft.

Viele fragwürdige Zufälle rund um Mord an Kiesewetter

Doch die Ermittler wollen auf Nummer sicher gehen, weshalb die Staatsanwaltschaft weitere Untersuchungen anordnete. "Wir sind uns der Brisanz des Falles bewusst", sagte Staatsanwalt Tobias Wagner am Montag der
Deutschen Presse-Agentur. Zum einen wird die Leiche auf Spuren von Medikamenten oder Giften untersucht, zum anderen wird sie mikroskopisch etwa auf Gewebeveränderungen geprüft.

Der Tod der Zeugin reiht sich ein in eine Serie von fragwürdigen Zufällen und ungeklärten Sachverhalten rund um den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter. Dabei ist vor allem der Tod von Florian H. eine Art Fall im Fall geworden. Denn H. gab an, den Mörder der Polizistin zu kennen. Aus seiner ersten Vernehmung resultierte im Jahr 2012 nicht viel. Über sein Wissen soll er nicht viel gesagt haben, wohl aber über eine Neonazi-Gemeinschaft namens "Neoschutzstaffel" (NSS). Diese soll in Öhringen beheimatet sein und Kontakte zum NSU gehabt haben. Der NSU-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages bekam nicht einmal das gesamte Vernehmungsprotokoll, sondern nur einen zusammenfassenden Vermerk. Auch den Hinweisen wurde nicht weiter nachgegangen.

Am 16. September 2013 sollte H. dann noch einmal vom Landeskriminalamt vernommen werden. Doch aus der Vernehmung am Abend um 17 Uhr wurde nichts, weil H. am Morgen ums Leben gekommen ist - verbrannt in seinem Wagen. Die Umstände aber sind noch ungeklärt. Die Polizei sprach schnell von einer Selbsttötung angeblich aus Liebeskummer. Die Eltern von H. bestritten diese Version. Augenzeugen berichten, dass das Auto von H. bereits am frühen Montagmorgen in der Nähe der "Canstatter Wasen" gesehen wurde. Ein Fahrlehrer berichtete, dass eine Person in dem Wagen gewesen sei und eine weitere Person rauchend neben dem Wagen gestanden habe. Als sich ein Fahrradfahrer gegen 9 Uhr dem Auto näherte, stieg plötzlich eine Stichflamme aus dem Fahrerraum auf. Der Fahrradfahrer sowie ein herbeigeeilter Lastwagenfahrer versuchten das Feuer zu löschen. Der Fahrradfahrer soll die Person im Wagen entdeckt haben, die sich aber nicht bewegt habe. Eine spätere Obduktion habe ergeben, dass H. auch einen tödlichen Medikamenten-Cocktail im Körper gehabt habe.

Florian H. lieferte wichtige Hinweise

H. war in der rechten Szene aktiv, wollte aber aussteigen und nahm am Programm "Big Rex" teil. Die Behörden in Baden-Württemberg schenkten H. wenig Aufmerksamkeit, was bei anderen mit dem NSU-Fall beschäftigten Personen in Politik und Ermittlungsbehörden für Unverständnis sorgt. Erst als der NSU-Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg seine Arbeit aufnahm, kam noch einmal etwas Bewegung in die Sache. Der Ausschuss befragte Eltern, Polizei und Feuerwehr - und eben auch seine kurzzeitige Freundin. Die Eltern übergaben dem Ausschuss Laptop und Handy von Florian H. - Beweismittel, für die sich die Ermittlungsbehörden nicht interessiert haben sollen. Dadurch kam unter anderem heraus, dass H. mindestens eine Waffe besaß, die wohl auch im Auto war, ebenso eine Machete.

H. wurde von den Ermittlungsbehörden als wenig glaubwürdig angesehen, seine Hinweise wurden ignoriert. Durch den Ausschuss wurde die Spur zum NSS bekannt. Zentrale Figur dieser noch weithin unbekannten Gruppe soll nach der Aussage von H. ein gewisser "Matze" sein - Soldat bei der Bundeswehr.

Rund um den Tod von Michèle Kiesewetter gibt es viele Spekulationen, auch weil bizarre Parallelitäten und Zufälle auftauchten. So war der verantwortlicher Gruppenführer von Kiesewetter zum Zeitpunkt ihres Todes Mitglied in einem Ableger des rechten "Ku-Klux-Klan" gewesen. Selbst der amerikanische Geheimdienst wurde schon mit dem Tod Kiesewetters in Verbindung gebracht. Handfeste Belege dafür gibt es aber nicht.

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