OECD-Bericht : Die untere Mittelschicht rutscht ab

Zehn Prozent besitzen in Deutschland 60 Prozent, zeigt eine neue Studie der OECD. Und wir Deutsche denken, dass wir die eigentlichen Ökonomie-Weltmeister sind. Ein Kommentar.

von
Wirtschaftsverbände machen mobil gegen die geplanten Änderungen bei der Erbschaftssteuer.
Wirtschaftsverbände machen mobil gegen die geplanten Änderungen bei der Erbschaftssteuer.Foto: dpa/ Jens Büttner

Der Papst, gleich wie er heißt, sagt es schon lange, angelsächsische Ökonomiekoryphäen sagen es auch, sie bekommen sogar Nobelpreise dafür, aber es ändert sich nichts. Dabei ist das Vermögen weltweit so ungerecht verteilt wie nie und in unserem Land so ungleich, dass es allen, die Politik machen, peinlich sein sollte: Die reichsten zehn Prozent der Deutschen besitzen dem jüngsten OECD-Bericht zufolge 60 Prozent der Nettohaushaltsvermögen, was insgesamt ungefähr 3,8 Billionen Euro entspricht. Oder anders: 3800 Milliarden Euro. Und da sind die Superreichen noch nicht einmal erfasst.

Unsere Marktwirtschaft hat nicht ohne Grund den Zusatz "sozial"

Die neue Arbeitswelt: In der verdingen sich die Menschen, wie sie es früher taten. Man kann das mit Recht Flexibilität nennen, dem Zeitalter der Globalisierung geschuldet. Doch läuft es nachprüfbar zugleich unrund, wenn der gestiegene Anteil an Teilzeit-Jobs, befristeten Beschäftigungsverhältnissen oder selbstständiger Arbeit nicht zum Erfolg führt. Nicht zum Erfolg im ökonomischen Sinn, weil uns allen offenkundig Wachstum entgeht; die OECD hat fast fünf Prozent errechnet, die der Gesellschaft 1990 bis 2010 entgangen sind. Und nicht zum Erfolg im Sinn einer Gesellschaft, die Ungleichheit mildert, damit Gegensätze nicht aufbrechen und sich Unzufriedenheit der betroffenen 40 Prozent in sozialen Sprengstoff verwandelt. Denn, Obacht, dieses Ergebnis alarmiert: Die sogenannte untere Mittelschicht rutscht ab! Unsere Marktwirtschaft ist aber nicht ohne Grund mit dem Zusatz sozial versehen.

Es ändert sich nichts, obwohl die OECD die Entwicklung seit Jahren kritisiert. Hierzulande gilt die Abgeltungssteuer (die Kapitalerträge niedriger versteuert als das Einkommen aus Arbeit) weiter, die Erbschaftsteuer wird nicht sinnvoll eingesetzt, und die Bemessungsgrenzen führen dazu, dass ein Drittel des ganzen Volkseinkommens nicht zur Finanzierung der Sozialkassen herangezogen wird. Ob wir Deutsche vielleicht denken, dass wir die eigentlichen Ökonomie-Weltmeister sind? Da kann unseren Verantwortlichen dann natürlich ins Gewissen reden, wer will. Und der Papst weiter predigen, wie er will.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

61 Kommentare

Neuester Kommentar