Offener Brief an Putin : "Wir dürfen einen Brudermord nicht zulassen"

34 in Deutschland lebende Kulturschaffende aus der Ukraine und Russland haben einen Offenen Brief an Präsident Putin geschrieben, unter anderem die Schriftsteller Katja Petrovskaja und Wladimir Kaminer. Sie fordern, den Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine zurückzunehmen.

Russische Soldaten vor einer blockierten ukrainischen Militärbasis in Perevalnoye bei Simferopol auf der Krim
Russische Soldaten vor einer blockierten ukrainischen Militärbasis in Perevalnoye bei Simferopol auf der KrimFoto: AFP

Offener Brief der in Deutschland lebenden Landsleute, russischsprachigen Kulturschaffenden und Vertreter der Zivilgesellschaft mit dem Aufruf, eine militärische Eskalation in der Ukraine zu verhindern.

Sehr geehrter Wladimir Wladimirowitsch Putin!


Schon seit einigen Monaten beobachten wir mit stockendem Herzen die Entwicklung der politischen Krise in der Ukraine. Nach einer langen Konfrontation zwischen Demonstranten und Regierung auf dem Maidan geriet die Situation außer Kontrolle und endete in Blutvergießen. Zu den Opfern gehören Dutzende Protestierende wie auch Polizisten. Erst dank der Bemühungen der Weltgemeinschaft gelang es am 21. Februar 2014, die blutige Gewalt zu stoppen und einen Waffenstillstand zu bewirken, der bis jetzt andauert. Viktor Janukowitsch begab sich aus Angst vor Strafverfolgung auf die Flucht und fand provisorische Zuflucht in Russland. Um die politische Krise zu lösen, schrieb die Werchowna Rada der Ukraine vorgezogene Wahlen aus, die am 25. Mai 2014 stattfinden sollen. Es ist zudem kein Geheimnis, dass sich die ukrainische Wirtschaft am Rande eines Bankrotts befindet.
In dieser äußerst schwierigen Lage wurde von vielen Seiten Hilfe von Russland für den brüderlichen, aber souveränen ukrainischen Staat erwartet. Diese Hilfe hätte, davon sind wir zutiefst überzeugt, auch geleistet werden können: mit den versprochenen Krediten, mit humanitärer Hilfe oder im Rahmen von Expertenkonsultationen für einen Abbau der politischen Konfrontation und zur Unterstützung der Wirtschaft.

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Wir waren schockiert über die Entsendung von Spezialeinheiten des russischen Militärs

Wir waren jedoch schockiert, als anstelle der humanitären Hilfe Spezialeinheiten des russischen Militärs in die Ukraine entsandt wurden, statt Experten radikal eingestellte Politiker mit Wladimir Schirinowski an der Spitze, der für seine rechtsextremen Positionen und chauvinistischen Äußerungen berüchtigt ist. Anschließend haben Sie eine Abstimmung über den Einsatz russischer Truppen in der souveränen Ukraine im Föderationsrat initiiert. Durch die Aufhebung des versprochenen Kredits und des Gaspreisnachlasses bringt Russland die ukrainische Wirtschaft erneut in starke Bedrängnis. Wir sind zutiefst überrascht, dass sich ein modernes Russland, das im 20. Jahrhundert mehrere ausländische Interventionen und Kriege erlebt hat, im Jahr 2014 wieder auf einen bewaffneten Konflikt einlässt.

Wofür sollen die russischen Soldaten in einem fremden Land sterben?

Viele von uns können nach wie vor nicht glauben, dass Sie, Wladimir Wladimirowitsch, bereit sind, einen Befehl zu erteilen, nach dessen Inkrafttreten russische Soldaten gezwungen sind, aus ihren Panzern, mit Granatwerfern und Maschinengewehren auf ukrainische Soldaten zu schießen. Sie täuschten die Öffentlichkeit, als sie am 4. März bei einer Pressekonferenz behaupteten, dass Regierungsgebäude, Militärstützpunkte und ein Teil der Straßen auf der Krim nicht durch russische Soldaten gesperrt wurden, sondern durch lokale Einheiten der „Selbstverteidigung“, die russische Uniformen trugen. Ferner sagten Sie, dass russische und ukrainische Soldaten „Freunde“ und „Waffenbrüder“ seien. Als jedoch ukrainische Soldaten zeitgleich das Territorium des Flughafens Belbek betreten wollten, versperrten ihnen russische Militärangehörige mit Warnschüssen und Drohungen, „auf die Beine zu schießen“, den Weg. In dieser äußerst angespannten Situation kann jede Minute ein tödlicher Schusswechsel beginnen. Es darf nicht vergessen werden, dass tausende Ukrainer auf dem Maidan sich den bewaffneten Spezialeinheiten entschieden entgegenstellten und nun auch bereit sind, ihr Leben im Kampf für ihre Familien, für ihre Häuser und für ihre Heimat gegen die russischen Truppen einzusetzen. Wofür sollen aber die russischen Soldaten in einem fremden Land sterben?

Wladimir Wladimirowitsch, ein russisches Sprichwort besagt: Liebe duldet keinen Zwang. Die Ukraine kann nicht mit Hilfe von Panzern nach Eurasien geführt werden. Die Militärintervention Russlands auf dem Territorium der souveränen Ukraine wird für die ganze Region fatale Folgen haben: Sie wird zur Isolation Russlands in der Welt und zur ewigen Entzweiung der beiden slawischen Brudervölker in Osteuropa führen! Wir dürfen einen Brudermord nicht zulassen und rufen Sie deshalb auf, den Befehl über den Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine zurückzunehmen, die Besetzung aller Gebäude und die Blockade aller ukrainischen Militäreinrichtungen und Flughäfen auf der Krim aufzuheben und unverzüglich den Dialog mit der provisorischen Regierung der Ukraine über eine Stabilisierung der Lage zu beginnen.

Berlin, den 7. März 2014

Mischa Badasyan. Perfomance-Künstler, Berlin
Rimma Bobritskaja, Konzertpianistin, Frankfurt am Main
Denis Chomtschenko, Gastronom, "La Tox", Berlin
Alexander Delphinov, Dichter, Berlin
Marat Dickermann, Kammermusiker, Frankfurt am Main
Mischa Gabowitsch, Historiker und Soziologe, Einstein Forum, Potsdam
Alexander Formozov, Historiker und Ethnologe, Berlin
Wladimir Genin, Komponist, München
Sevil Huseynova, Ethnologin, Berlin
Nikita Jolkver, Journalist, Berlin
Wladimir Kaminer, Schriftsteller und DJ, Berlin
Julia Kassina, Schriftstellerin, Berlin
Wanja Kilber, Künstler, Hamburg
Alexey Kozlov, Menschenrechtler, Berlin
Ilja Kukuj, Slawist, LMU, München
Andrej Kurkow, Schriftsteller, Kiew
Sergey Lagodinsky, Rechtsanwalt und Publizist, Berlin
Sergey Medvedev, Politologe, Berlin
Sergej Newski, Komponist, Berlin
Katja Petrovskaja, Schriftstellerin, Berlin
Grigorij Pevzner, Physiotherapeut, Marburg
Polina Pevzner, IT-Spezialistin, Marburg
Wladimir Rannev, Musiker, Köln
Sergey Rumyansev, Soziologe, Berlin
Michail Ryklin, Philosoph, Berlin
Boris Schapiro, Physiker und Dichter, Berlin
Ulrich Schreiber, Direktor Internationales Literaturfestival Berlin
Anna Shibarova, Slawistin und Übersetzerin, LMU, München
Alexander Stoupel, Wissenschaftler, Frankfurt am Main
Vladimir Stoupel, Konzertpianist und Dirigent, Berlin
Dmitri Stratievski, Politologe und Historiker, Berlin
Julia Strauß, Künstlerin, Berlin
Dina Ugorskaja, Konzertpianistin, München
Dmitri Wrubel, Maler, Berlin

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