Organtransplantationen : Neue Leber für Trinker?

Auch eine Münchner Klinik soll gegen Regeln bei der Verpflanzung von Organen verstoßen haben. Der Ärztliche Direktor bestätigt einen Verdachtsfall. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

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Reiner Gradinger, Ärztlicher Direktor der Klinik.
Reiner Gradinger, Ärztlicher Direktor der Klinik.Foto: dapd

Der Transplantationsskandal hat nun auch das Münchner Klinikum rechts der Isar voll erfasst. Nach der Entdeckung von Manipulationen bei den Wartelisten von Organempfängern in Regensburg und Göttingen in diesem Sommer gilt als sicher, dass es auch in München zumindest einen ähnlichen Fall gegeben hat. Reiner Gradinger, Ärztlicher Direktor des Klinikums, sagt dazu: „Wir müssen davon ausgehen, dass in einem Fall manipulierte Laborwerte zu einer Transplantation geführt haben könnten.“ Demnach wurde die Blutprobe eines Patienten wohl absichtlich vertauscht, um ihn in der Liste nach oben zu befördern. Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) sagt: „Diese neuen Erkenntnisse nehmen wir sehr ernst.“ Noch vor einer Woche hatte die Klinik eine bewusste Fälschung bestritten.

Derzeit ist das Dickicht um die Vorfälle nur schwer zu durchschauen, denn Informationen werden nur spärlich geliefert. Vor gut einer Woche war Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, an die Öffentlichkeit geprescht mit der Mitteilung, an der Münchner Klinik seien bei der Überprüfung der Wartelisten „Auffälligkeiten“ entdeckt worden. Insgesamt geht es bisher offenkundig um neun strittige Lebertransplantationen. Derzeit untersuchen die Staatsanwaltschaft und die Prüfungskommission der Bundesärztekammer die Fälle.

Spenderorgane sind in Deutschland gesucht, denn es gibt zu wenige davon. Wird ein Empfänger auf der Liste nach oben gehievt, rutschen die anderen, die dringender ein Organ brauchen, einen Platz tiefer. Nach Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ könnte es in München weitere Fälle von Lebertransplantationen gegeben haben, die sich nicht mit den Richtlinien decken. So sollen auch Alkoholiker, die nicht trocken waren, Lebern erhalten haben. Darunter sei eine sehr schwere Trinkerin gewesen, die kurz nach der Transplantation starb. Nach den Vorschriften haben aber nur Alkoholiker das Recht auf ein neues Organ, wenn sie nachweislich schon sechs Monate trocken sind.

Außerdem sollen zwei Krebspatienten neue Organe bekommen haben, die bereits Metastasen im Körper hatten. Auch das wäre nicht zulässig, da solche Erkrankte oft keine längere Lebenserwartung mehr haben. Dem widersprach Klinikdirektor Gradinger mit dem Verweis, dass es sich dabei um nur sehr langsam wachsende Metastasen gehandelt habe.

Die Grünen im bayerischen Landtag fordern nun eine „komplette Aufklärung“ vor dem Gesundheitsausschuss. Stimme etwa der Alkoholiker-Verdacht, „dann unterminiert das die Organspende komplett“, fürchtet die Abgeordnete Theresa Schopper. Es gebe Unregelmäßigkeiten, „deren Ausmaß sich niemand vorstellen konnte“.

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