ORTSTERMIN : Auf der langen Linie

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Als Visionär ist Franz Müntefering (SPD) in seiner bald 50 Jahre dauernden politischen Karriere nicht gerade aufgefallen. Vermutlich hat der Rat für nachhaltige Entwicklung den knochentrockenen 71-jährigen Pragmatiker deshalb am Mittwochabend in eine Runde von gut 80 jungen Visionären eingeladen. Zum Auftakt eines dreitägigen Workshops, bei dem die Unter-27-Jährigen ihre Visionen für das Jahr 2050 entwickeln sollen, bremste Müntefering deren Enthusiasmus.

Sein wichtigster Rat: „Der Weg ist so wichtig wie das Ziel.“ Als Beispiel nennt der frühere SPD-Chef die „Idealisten in der frühen DDR“, die ihre Ziele „durch ihren Weg diskreditiert haben“. Andererseits hatte und hat auch Müntefering Visionen. Ihn habe der Wunsch nach Frieden und Freiheit sein Leben lang angetrieben. Außerdem bekannte sich Müntefering dazu, dass er an den „Fortschritt“ glaube. Er nannte die Demokratie und den Sozialstaat, „mit denen wir den Urwald hinter uns gelassen haben“. Gleichzeitig warb Müntefering dafür, falsche Einschätzungen zu korrigieren. „Vor 40 Jahren glaubten alle, dass die Atomkraft ein Fortschritt sei. Vor 30 Jahren schon nicht mehr alle. Und heute wissen wir: Irrtum.“

Das war für die jungen Leute, die von Abgeordneten im Nachhaltigkeitsausschuss des Bundestages, von Nachhaltigkeitspreisträgern aus der Wirtschaft oder auch von Hochschulrektoren nominiert worden waren, dann doch etwas viel Abgeklärtheit. Der Geschäftsführer des Nachhaltigkeitsrats, Günther Bachmann, nannte das die „lange Linie“. Die jungen Leute wollten vor allem wissen, wie sie denn etwas verändern können. Ob der Bundestag und die Bundesländer und das ständige Starren „auf die nächste Wahl“ wirklich die richtige Organisationsform für die Demokratie sei, wollten einige wissen. Ein junger Eliteschüler aus Baden- Württemberg dagegen warnte Müntefering inständig davor, sich für mehr Volksentscheide einzusetzen. „Die meisten Fragen sind heute so komplex. Da braucht es doch Leute, die sich auskennen. Das traue ich dem Volk einfach nicht zu“, vertraute er dem erfahrenen Bundestagsabgeordneten nach der Veranstaltung an.

Zwar ist auch Müntefering kein Fan von Volksentscheiden. Aber er wünscht sich schon mehr Beteiligung. „In der Demokratie gibt es keinen Schaukelstuhl“, sagte er mit Blick auf die ältere Generation, die seiner Meinung nach nicht nur bis 67 arbeiten, sondern vor allem auch im Ruhestand ihrer Verantwortung gerecht werden soll. Müntefering verlangte von den jungen Leuten mehr Engagement. Ob sie etwas änderten, beschied er ihnen, das „liegt schon an Ihnen selbst“. Wenn sie sich mit ihren Anliegen nicht sofort durchsetzten, müssten sie das aushalten. „Was glauben Sie, wie viele Niederlagen ich schon eingesteckt habe?“

Dass Müntefering relativ wenig von Ideen wie etwa „Maßhalten“ hält, das ein junger Mann als notwendigen Wert für die Zukunft im Jahr 2050 in die Debatte warf, war keine Überraschung. Der überzeugte Sozialdemokrat will, dass Deutschland eine „Wohlstandsregion bleibt“. Die Nachhaltigkeit ist aus seiner Sicht „kein Wert“, sondern allenfalls ein „Weg“ zum Ziel des Wohlstands. Unter Nachhaltigkeit versteht Müntefering „ökonomisch erfolgreich und ökologisch vernünftig zu sein“.

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