ORTSTERMIN : Geschwächte Geschlechter

von

Deutschland, ein Frauenparadies: Eine regiert das Land, andere erobern sogar ein paar Plätze in Dax-Vorständen, und die Parteien werden mindestens halbe-halbe von Frauen und Männern geführt. Jens Alber, der diese schöne neue Welt am Montagnachmittag am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) schilderte, ist einer, der es von Berufs wegen wissen muss. „Geschlecht ist nicht mehr die zentrale Achse der Ungleichheit“, sagt der Soziologe und Direktor der Abteilung „Ungleichheit und soziale Integration“ am WZB. „Das war einmal so. Heute haben wir eher Grund, uns Sorge um soziale Klassen und die Lage von Migrantenkindern zu machen.“

Einspruch seiner Chefin: Statt weniger Frauen in Vollzeit arbeiten heute viele in geringfügiger Beschäftigung, sie haben weniger Aufstiegschancen und im Alter kleine Renten. Sie wollen dasselbe und in derselben Reihenfolge wie die Männer – gut verdienen, Karriere machen, unabhängig sein und Kinder dazu – aber sie kriegen es viel seltener: „Die Zugänge sind ungleich verteilt“, sagt Jutta Allmendinger, die Präsidentin des WZB, auch sie vom Fach. „Das hat doch einen empirischen Sozialforscher zu interessieren, und nicht, ob Geschlecht das erste, zweite oder dritte Kriterium von Ungleichheit ist.“

Unter der Überschrift: „Frauen und Männer – wie geht es eigentlich weiter?“ hatte das WZB zur Diskussion eingeladen. Der Saal war voll und nicht nur oben auf dem Podium wurde heiß diskutiert, sondern auch vom Publikum. Das lag allerdings weniger an den beiden WZB-Leuten, sondern an ihren Gästen, die allesamt die aus ihrer Sicht dramatische Lage von Männern – und Müttern – in einer vom Feminismus umgepflügten Welt umtrieb. Und dafür auffallend oft Widerspruch von Männern ernteten: Der Bremer Sozialwissenschaftler Gerhard Amendt erhielt für seine These von der „Symmetrie von Gewalt“ in Paarbeziehungen Contra von einem Hörer, ein junger amerikanischer Doktorand wunderte sich über die Behauptung, in Deutschland werde nur gefördert, dass Frauen in den Arbeitsprozess „rein- und Kinder raussortiert werden können“ (Birgit Kelle von „Frau 2000plus“): Er habe im Gegenteil den Eindruck, dass allerhand getan würde, um Frauen am heimischen Herd zu halten: Wenn Schulen schon um eins dicht seien, werde doch offensichtlich damit gerechnet, dass dann zu Hause jemand auf die Kinder warte. Und auch Eckhard Kuhla, wie Amendt Mitgründer des Männerrechtsvereins „agens“, bekam für sein Nein zur Geschlechterforschung, die angeblich nur Frauen diene, Gegenrede von einem jungen Fachmann.

Blieb die Frage, warum ein wissenschaftliches Institut wie das WZB überhaupt so massiv „agens“-Leute aufs Podium lasse – erst recht in einer Stadt mit der gesammelten Genderkompetenz von Berlin? Allmendinger sprach von ihrer Sorge vor einem gesellschaftlichen Rückschritt. Den könnten auch reine „Gefühlslagen“ auslösen, wie wissenschaftlich unhaltbar auch immer: Das spüre sie auch persönlich: „Ich bekomme inzwischen auf Interviews so hämische Reaktionen wie vor zehn Jahren noch nicht.“

Keinen Widerspruch gab es übrigens zum kurzen Praxisbericht von Monika Ebeling, der kürzlich entlassenen Goslarer Gleichstellungsbeauftragten. Sie sprach von einheitlichen Anforderungsprofilen für Stellen wir ihre ehemalige, die fehlten, davon, dass auch Männer sie besetzen sollten, am besten mit Frauen zusammen, und von der Angst der „Frauenszene“, dass die abstrakte Kategorie „Gender“ Ressourcen für Frauen verkleinere. Für Ebeling, die ihren Job verlor, weil sie angeblich zu stark die Probleme von Männern im Blick hatte, kennt „Diskriminierung kein Geschlecht“.

Wie könnte das Geschlechterparadies aussehen? Zurück zur Mutter am heimischen Herd, das hält auch Alber für keinen Weg: „In einer Gesellschaft, die durch Einwanderung immer heterogener wird, ist es gut, den Umgang damit zu lernen.  Das kann man am besten früh in Kindertagesstätten.“

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

Autor

4 Kommentare

Neuester Kommentar