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Ottmar Edenhofer : Erneuerbare Energien: "Es gibt immer eine Alternative"

Ein Friedensnobelpreis kann eine Bürde sein. Diese Erfahrung hat der Weltklimarat gemacht. Seit 2007 versuchen Lobbyisten und Klimaskeptiker dessen Reputation zu untergraben. Warum das nicht immer fair ist, erklärt Arbeitsgruppen-Sprecher Ottmar Edenhofer.

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Ottmar Edenhofer ist Chefökonom und Vize-Präsident des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Außerdem ist er der Sprecher der Arbeitsgruppe III des Weltklimarats IPCC, die sich mit den Möglichkeiten, den Klimawandel aufzuhalten, beschäftigt.
Ottmar Edenhofer ist Chefökonom und Vize-Präsident des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Außerdem ist er der Sprecher...Foto: Manfred Thomas

Herr Edenhofer, worauf führen Sie zurück, dass der Bericht des Weltklimarats (IPCC) zu den erneuerbaren Energien (SRREN) von interessierten Kreisen in eine Ecke gestellt wird, als sei er von Greenpeace geschrieben?

Zunächst wurde der SRREN-Report von einer breiten Öffentlichkeit freundlich aufgenommen. Außerdem haben wir vor fast genau zwei Jahren in einem sehr frühen Stadium des Berichts in Washington auch die Industrie eingeladen, zu dem Bericht Stellung zu nehmen. Auch Eon und RWE waren da vertreten. Es gab dort viel Zustimmung zu einem Bericht, in dem alle relevanten Fakten zu den erneuerbaren Energien dargestellt werden. Auch Fritz Vahrenholt, der den Bericht jetzt öffentlich kritisiert hat, sprach dort von einem „sehr ausgewogenen“ Report.

Warum also dieses Missverständnis?

Ich glaube, vielen ist nicht klar, wie die Prozeduren eines IPCC-Reports sind. Wir haben vier Szenarien zum Ausbau erneuerbarer Energien intensiv untersucht, darunter auch ein von Greenpeace entwickeltes Szenario. So ist bei einigen der falsche Eindruck entstanden, Greenpeace hätte den Bericht geschrieben. Wer den Bericht liest, weiß, dass wir insgesamt 164 Szenarien dargestellt haben, also die ganze Bandbreite. Der IPCC versucht mit diesem Ansatz, alle gangbaren Wege zu beschreiben, nicht eine Empfehlung auszusprechen. Wir wollen der Öffentlichkeit  die  technischen Voraussetzungen, die Kosten, die damit verbundenen Risiken darstellen, damit sie darüber diskutieren kann und die Politik auf dieser Basis eine sinnvolle Güterabwägung machen kann. Damit setzt sich der IPCC oft der Kritik von Leuten aus, die sich eindeutige Empfehlungen von der Wissenschaft erhoffen. Die einen werfen uns dann vor, der IPCC werde von Umweltorganisationen wie Greenpeace oder dem WWF gesteuert. Auf der anderen Seite könnte man genauso gut fragen, warum in der Autorengruppe, in der der Greenpeace-Autor vertreten war, auch jemand von der Ölindustrie saß. Oder warum wir auch Szenarien mit einem hohen Kernenergieanteil diskutiert haben. Es gibt immer mehrere Wege zum Ziel und die wollten wir so transparent und vollständig wie möglich darstellen.

Der IPCC hält also nicht so viel von dem Satz: Das ist alternativlos?

Es gibt immer Alternativen. Ob es eine präferierte, eine gangbare oder eine billige Alternative ist, muss eben bewertet werden. Wir wollen in der Politik und der Öffentlichkeit den Sinn für Möglichkeiten schärfen. Das ist unsere Aufgabe.

Da kann sich dann auch jeder raussuchen, was er möchte.

Diese Arbeitsweise bietet viele Angriffspunkte. Aber es wäre schlimmer, wenn wir alternativlose Empfehlungen im Namen der Wissenschaft abgeben würden. Und damit behaupten würden, nur ein Weg ist gangbar. Dann würde die Wissenschaft  die Öffentlichkeit  entmündigen, und die Politik würde abgeschafft. Wir wissen, dass die Politik auf uns angewiesen ist, um die Sachlage darzustellen. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, über einzelne Pfade Mehrheiten herzustellen und einen Konsens zu erzielen.

Sie haben erwähnt, dass Fritz Vahrenholt frühzeitig in die Debatte über den SRREN-Report einbezogen war. Wie?

Wir haben ihn als Gutachter eingeladen und bei einem Expertentreffen im Jahr 2010 in Washington hat er einen sachlichen Vortrag gehalten. Seine Kommentare zu den Technologiekapiteln wurden intensiv diskutiert. Manche Vorschläge wurden akzeptiert, andere nicht. Aber insgesamt hat Fritz Vahrenholt den Bericht dort sehr positiv bewertet. Die Gründe für seinen Sinneswandel hat er jedoch nicht dargelegt.

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