Politik : Paradies mit Folterkeller

Christian Füllers „Sündenfall“ geht dem Missbrauchssystem an der Odenwaldschule auf den Grund

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Mit das Merkwürdigste von allem, was über den Pädagogen und Päderasten Gerold Becker zu erfahren ist, ist eine klaffende Lücke. Denn was immer der Mann, der die Odenwaldschule von 1969 bis 1985 prägte, von sich selber sagte, wer auch immer je etwas über ihn aussprach oder schrieb – nie fiel, nie fällt auch nur ein einziges erhellendes Wort über Gerold Beckers frühes Leben. „Geboren am 12. April 1936.“ Das ist auch schon alles. Wo geboren? Wer waren Eltern und Großeltern? Was geschah in seiner Kindheit? Wo ging er zu Schule? Hatte er Brüder, Schwestern? Nichts. Gar nichts. Es ist, als habe Gerold Becker selber etwas auszulöschen versucht: Die Kindheit. Seine Kindheit.

Auch der „taz“-Redakteur Christian Füller beleuchtet in seinem in diesen Tagen erschienen Buch zum System des sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule die Hintergründe des mutmaßlichen Haupttäters kaum. Zum Psychogramm dieses Pädophilen, der den meisten Raum in Füllers Darstellung einnimmt, kann es nicht kommen, das Material dazu steht aus, Becker bleibt ein Mann ohne Kindheit. Dabei haben ihn gerade Kinder und Kindheit in seinem beruflichen Leben – über das inzwischen recht viel bekannt ist – am meisten angezogen. Gerold Becker, der am der am 7. Juli 2010 in Berlin starb, ist das Zentrum des Skandals um die von der Unesco als modellhafte Lehranstalt anerkannte Odenwaldschule in Oberhambach, kurz OSO genannt.

Wenige Wochen nachdem Ende Januar 2010 in Berlin der jahrzehntelange sexuelle Missbrauch an Berlins traditionsreichem und renommiertem jesuitischen Canisius-Kolleg öffentlich geworden war, explodierte in der anderen Hemisphäre der Pädagogik, im hessischen Oberhambach, eine weitere Zeitbombe, die lange getickt hatte. Ausgerechnet an der vermeintlich progressivsten Schule der Republik hatte es ebenfalls massiven sexuellen Missbrauch von Kindern gegeben; ein „pädagogisches Paradies mit Folterkeller“ nennt der Autor das Reformgelände, dessen sich nach dem Vorbild einer „aristokratischen Androkratie“ ein Zirkel männerbündlerischer Pädophiler bemächtigt hatte. Und ausgerechnet eine viel gerühmte Bildungskoryphäe wie Gerold Becker stand im Zentrum dieses enorm schmerzhaften Szenarios.

Füller, ein Bildungsexperte, hat sich auf die Suche nach den strukturellen Ursachen der Geschehnisse im Odenwald gemacht. Sein Buch fragt, wie es dazu kommen konnte, dass pädokriminelle Kindheitsräuber einen Teil der Bildungsstätte in die Hände bekamen, deren Häuser, Wohnorte der sogenannten „Familien“ auf dem Gelände, die Namen von Goethe, Herder, Fichte, Schiller, Wilhelm von Humboldt und Pestalozzi tragen. Zu den zentralen Erkenntnissen des Buches, das gänzlich auf Fußnoten und häufig auf Quellenangeben verzichtet, gehört der versuchte Nachweis für ein regelrechtes System der sexuellen Ausbeutung von Kindern durch eine Gruppe von mindestens sechs pädophilen Lehrern. Mit ehemaligen Mitarbeitern oder gar Freunden der Verdächtigen zu sprechen erwies sich für Füller als enorm schwierig, er habe sich mitunter wie bei Recherchen zur „Mafia“ gefühlt, bekannte er in einem Interview. Zahlreiche Zitate seien von Gesprächspartnern nachträglich gestrichen, sogar anonym gemachte Aussagen zurückgezogen und Akten vorenthalten worden. Wegen solcher Probleme habe ein anderer Autor sein Buchprojekt aufgegeben, berichtet Füller. Dennoch, die Aufarbeitungsphase dauert an. Am 24. Mai 2011 sendet der Fernsehsender 3Sat eine Dokumentation zum Thema und der Ex-Schüler Tilman Jens sitzt ebenfalls an einem OSO-Buch. Und der Trägerverein der Odenwaldschule will, wie an diesem Wochenende bekannt wurde, 50 000 Euro für die Missbrauchsopfer bereitstellen.

Im Pestalozzihaus, wo die Jüngsten bis zu ihrem elften Lebensjahr wohnen, wählten sich die Täter, erfährt Füller von früheren Hausmüttern, die hübschesten und wohl auch ungeschütztesten unter den Knaben aus, bestachen sie gezielt durch Aufmerksamkeiten und verlockten sie dazu, in ihre Häuser überzusiedeln. Als studierter Theologe hatte der junge Gerold Becker schon bei der evangelischen Jugendarbeit in Göttingen und als Vikar im österreichischen Linz den Eindruck hinterlassen, er sei sexuell an Minderjährigen interessiert. Aus den Kreisen Gleichgesinnter rekrutierte der Schulleiter an der OSO offensichtlich einige seiner Mitarbeiter. Unabhängige Kontrollen fehlten oder wurden ausgehebelt. Zudem brachte das Jugendamt, mit dem Gerold Becker ein Abkommen getroffen hatte, der Schule, auf die vor allem Intellektuelle, Industrielle und Adlige ihren Nachwuchs schickten, dann sogenannte Problemkinder, die weder Halt noch Lobby hatten. Viele von ihnen passten besonders gut in das Beuteschema der Männer, die sich und anderen das Betasten oder Vergewaltigen von männlichen Kindern mit „griechischem Eros“ schönredeten. Tatorte waren Lehrerwohnung wie Kinderbett, Duschraum (Beckers Wohnung besaß kein eigenes Bad), Kino, Ferienherberge, Ponyhof, VW-Bus – Kinder, die im Visier der Täter lebten, fühlten sich nirgends sicher. 86 der 130 bisher registrierten Fälle von Missbrauch gehen auf das Konto des „Kinderfreundes“ Gerold Becker, der 1998 in seinem Vortrag zum Thema „Was ist ein guter Lehrer?“ erklärt hatte, wer Lehrer sei, müsse „Kinder und Jugendliche gern haben“, er müsse es „immer wieder auch als schieres Vergnügen empfinden, mit ihnen zusammen zu sein“. Man habe das Gefühl gehabt, man werde zusammen mit Gerold Becker in den Abgrund fallen, wenn man seine Perversität benenne, erklärt der ehemalige Schüler Jochen Weidenbusch in dem 3Sat-Film. Von seinem Vater bekam ein anderer Schüler zu hören, er solle „doch nicht so spießig sein“ angesichts der Übergriffe des Lehrers. Jahrelange Scham- und Schuldgefühle, Therapien, Suizide, verkrachte Biografien sind das Ergebnis des Kindesmissbrauchs, ob an der OSO, im katholischen Internat, oder in den Familien, wo 80 Prozent der Taten verübt werden.

Obwohl Schulleiter Becker mehrfach von Kollegen wie dem hoch integren Wolfgang Edelstein oder auch von irritierten Eltern zur Rede gestellt wurde, ergaben sich daraus niemals Konsequenzen, niemand intervenierte. Fragen wurden abgeblockt, verdächtige Vorfälle bagatellisiert. Der informelle Chef des Pädophilenkartells an der OSO hatte einerseits Alkohol, Drogen und Verwahrlosung befördert, sich andererseits mit Vetorecht und Vollmachten ausgestattet. Alle Sicherungen, schreibt Füller, waren ausgefallen. Auch Beckers Verbindungen zu einflussreichen Reformpädagogen, allen voran die zu seinem mit Gräfin Dönhoff und Golo Mann befreundeten Lebenspartner Hartmut von Hentig, hätten die Scheu befördert, „den Gerold“ zu kritisieren. Sexuelle Gewalt an der OSO einzuräumen, meint Füller, „hätte gewissermaßen zu einer Kernschmelze im pädagogischen Kraftwerk der Republik geführt“.

Heute, so Füllers Fazit, finde diese Kernschmelze statt, als schleichende Implosion. Für Verteidiger Beckers, darunter Katharina Rutschky, Adolf Muschg und Antje Vollmer, stand oder steht der Ruf nicht nur des Mannes, sondern der Reformpädagogik auf dem Spiel. 1995 erschien ein Aufsatz Beckers mit dem im Nachhinein haarsträubend wirkenden Titel „Schule, Lehrer und Gewalt – was tun?“ in einer Schriftenreihe der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Dort bezweifelt Becker, der dasselbe Thema damals auch im Radio mit Beamten des Bundeskriminalamtes diskutieren durfte, dass Gewalt an Gymnasien seltener vorkomme. Es könne ja sein, führte er aus, „dass die Gymnasien manches nicht wahrnehmen, psychoanalytisch interpretiert ,verdrängen‘, weil es ihrem ,Image‘ schadet“. Ihm war klarer als vielen anderen, wovon er sprach.









– Christian Füller:

Sündenfall. Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte. Dumont, Köln 2011. 256 Seiten, 18,99 Euro.

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