Parteichef Sebastian Nerz : "Es ist anstrengend, Pirat zu sein"

Piratenchef Sebastian Nerz spricht über die Fehler der letzten Monate, die Nazi-Debatte in der Partei sowie die Kontrolle von Parteimitgliedern - und er erklärt, warum die Piratenpartei keine Botschaft braucht.

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Piratenchef Sebastian Nerz.
Piratenchef Sebastian Nerz.Foto: dapd

Herr Nerz, die einen sympathisieren mit Holocaust-Leugnern, andere wollen nicht, dass man Nazis aus der Partei wirft, und ein Abgeordneter bezeichnet eine Parteifreundin als „Ex-Fickse“: Wen schicken Sie eigentlich in Parlamente? Chauvinisten oder ernsthafte Politiker?
Unsere Abgeordneten sind keine Chauvinisten. Wir schicken ernst zu nehmende Politiker in die Parlamente, aber auch ein ernsthafter Politiker kann ein chauvinistischer Idiot sein.
Und solche Politiker sind bei Ihnen richtig aufgehoben?
Die Frage, ob man gute Politik macht, hat wenig mit dem Charakter eines Menschen zu tun.

Das heißt, wer ein Idiot ist, aber kompetent, kann für die Piraten in einem Parlament sitzen?
Nein. Wir haben deutlich weniger Vollidioten in unseren Reihen als gute, ernsthafte und engagierte Politiker. Ich erwarte von einem Abgeordneten, dass er sich ordentlich verhält und nicht beleidigend wird. Das erwarte ich von jedem Menschen. Und ich denke, dass die Abgeordneten der Piratenpartei das auch zu einem großen Teil sehr gut hinbekommen.
Die Pannen der Berliner Piraten in Bildern:

Die Pannen der Berliner Piraten
Mit 8,9 Prozent der Stimmen wurden die Piraten in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt - ein Sensationserfolg. Doch davor und danach machten die Neulinge auch mit vielen Pannen von sich reden. Wir zeigen, was alles geschah.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: dpa
23.04.2012 08:32Mit 8,9 Prozent der Stimmen wurden die Piraten in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt - ein Sensationserfolg. Doch davor und...

Müssen Sie nicht trotzdem genauer hinsehen und kontrollieren, wer für sie ins Parlament einzieht?
Der Druck, genauer hinzuschauen, ist auf jeden Fall da. Wir werden natürlich alle Listenplätze gründlicher als bisher durchgehen. Jeder, der sich aufstellen lässt bei den Piraten, muss sich fragen: Möchte ich wirklich ins Parlament einziehen?
Wie wollen Sie denn verhindern, dass rechte Spinner für Ihre Partei ins Parlament einziehen?
Kontrollen kann man nicht einführen. Die Auswahl von Kandidaten ist ein demokratischer Prozess, die Entscheidung trifft ein Parteitag. Da werden wir als Bundesvorstand keine Kontrolle ausüben. Aber die Kandidatenbefragung muss intensiviert werden durch ausführliche Interviews und Befragungen in unseren Foren, auf den Parteitagen und im Gespräch. Doch egal, wie gut man auswählt, es wird immer Überraschungen geben.

Männer mit Zöpfen - die Piraten in Bildern:

Männer mit Zöpfen
Bei den Piraten tragen mehrere Abgeordnete Zöpfe...Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: dapd
21.10.2011 19:35Bei den Piraten tragen mehrere Abgeordnete Zöpfe...


Viele beschweren sich ja jetzt schon, dass sie auf Parteitagen beim sogenannten „Kandidaten-Grillen“ beschimpft und beleidigt werden. Gibt es ein Problem mit den Umgangsformen bei den Piraten?
Es gibt Verbesserungspotenzial in unseren Umgangsformen. Wir müssen lernen, sachlicher und höflicher miteinander umzugehen.
Gestritten wird in der Piratenpartei derzeit vor allem über den Umgang mit rechten Gedanken. Einige prominente Piraten fordern eine klare Distanzierung. Warum fällt es Ihrer Partei so schwer, sich eindeutig von rechten Spinnern und rechten Tendenzen zu distanzieren?
Die Piratenpartei hat sich bereits entschieden und eindeutig von rechtsextremem Gedankengut distanziert. Eine solche Distanzierung findet sich beispielsweise in der Satzung und in diversen Aussagen und Veröffentlichungen des Bundesvorstandes.
Viele wünschen sich von Ihnen aber auch mal ein klares Wort in dieser Debatte.
Meine Aufgabe ist es, zu organisieren – das ist ein Unterschied. Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, Abgeordnete oder Landesvorsitzende zu kontrollieren. Der Berliner Landeschef Hartmut Semken hat für seine umstrittenen Blog-Einträge viel Kritik bekommen. Da muss ich nicht auch noch ein Fass aufmachen.

Am Wochenende hat wieder ein prominentes Piratenmitglied mit einem NSDAP-Vergleich für Aufsehen gesorgt. Nehmen die vermeintlichen Nazi-Vergleiche und rechten Äußerungen nicht allmählich Überhand?

Martin Delius hat in dem Sinne keinen Vergleich zwischen der Piratenpartei und der NSDAP aufgestellt. Aber richtig ist: Jeder sollte sich genau überlegen, was er sagt und welche historischen Analogien er aufstellt und welche Wirkung das haben kann. Die NSDAP als Vergleich heranzuziehen ist natürlich völliger Unsinn. Das weiß Martin Delius auch und er hat sich dafür entschuldigt. Damit will ich es auch bewenden lassen.

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