Parteitag in München : Seehofer muss die CSU-Anhänger schnell zurückholen

Die Anhänger der CSU sind vielfältiger, als manche meinen. Das bereitet einem Parteichef, der vor allem nach rechts schielte, Probleme. Ein Kommentar.

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Horst Seehofer auf dem Parteitag der CSU im München.
Horst Seehofer auf dem Parteitag der CSU im München.Foto: dpa

Horst Seehofer hat sich entschuldigt. Ein bisschen, mit Lausbubengrinsen, aber mit zwei deutlichen Worten: Dass er vor einem Jahr den Flüchtlingskonflikt mit der Kanzlerin auf offener Parteitagsbühne ausgetragen hat, erscheine ihm heute als „grober Fehler“. Die späte Einsicht galt der berüchtigten Schulmädchen-Szene. Doch im Grunde reicht sie über die peinliche Viertelstunde hinaus. Seehofer hat seinen Dissens mit Angela Merkel danach noch ein geschlagenes Jahr weiter auf öffentlicher Bühne zelebriert. Wenn das eine ein grober Fehler war, kann das andere ja wohl nicht ganz und gar richtig gewesen sein.

Tatsächlich wurde es für den CSU-Chef aus wohlverstandenem Eigeninteresse hohe Zeit, dass er die Kurve kriegt. Die Wahlen im zurückliegenden Jahr konnten den Bayern egal sein. Die Bundestagswahl kann es nicht. Seehofer hat richtig erkannt, dass er im Bund gewinnen muss, wenn er Bayern nicht verlieren will. Und im Bund gewinnen heißt: Mit Merkel gewinnen. Die Theorie, dass eine rot-rot-grüne Bundesregierung der CSU geradezu eine Steilvorlage für den Landtagswahlkampf bieten würde, hat er als „Wahnvorstellung“ verworfen - was in der Wortwahl um so bemerkenswerter ist, als sein eifriger Förderer Edmund Stoiber angelegentlich diesen Wahn predigt.

Die AfD ist nicht die einzige Bedrohung für die CSU

Das Eigeninteresse hat aber auch etwas mit der CSU selbst zu tun. Wer diese Christlich-Soziale Union nicht nur als Karikatur kennt, war im letzten Jahr ja öfter mal versucht, die Partei gegen ihre eigene Führung in Schutz zu nehmen. Nein, der ministrierende Generalsekretär ist nicht repräsentativ für die letzte kleine, letzte große Volkspartei der Republik! Deren Spektrum reicht von der bürgerlichen Öko-Aktivistin über den tief christlich geprägten guten Samariter und eine breite Basis sehr pragmatischer und lebenstüchtiger Menschen bis, ja, an den Rand zur AfD. Nur ist das eben auch in der CSU bloß ein Rand.

Diesen Rand haben Seehofer und seine Truppen ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit und der politischen Debatte gerückt. Die Folge lässt sich am besten auf einem kleinen Umweg erklären. In der CDU gab es lange Zeit das Pofalla-Theorem, benannt nach Merkels damaligem General. Um die Konservativen, hieß es, müssen wir uns nicht kümmern, die haben keine andere Wahl als uns. Das Theorem hat sich, sagen wir mal, überlebt.

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Seehofer unterlässt weitere Angriffe auf Merkel
Seehofer unterlässt weitere Angriffe auf Merkel

Die CSU hat dem spiegelbildlich eine Art Andi-Scheuer-Theorem entgegen gesetzt: Um die Nicht-Konservativen müssen wir uns nicht kümmern, die wählen uns sowieso. Das Theorem war von vornherein falsch. Die AfD ist nur die neueste Bedrohung für die absolute Mehrheit der CSU in Bayern. Die Freien Wähler zum Beispiel waren vorher da; in manchen Ausprägungen längst schon die Partei am rechten Rand, die es doch nach der reinen Lehre gar nicht geben darf. Aber am anderen Rand blättert es auch, vor allem ins Grüne hinein. Und die Art und Weise, in der Seehofer lange gegen Merkel gewütet hat, könnten manchen Gerade-noch-CSU-Wähler auf die Idee bringen, dass er der Kanzlerin mit einem Kreuz für die Partei ihres Fans Winfried Kretschmann viel besser dient.

Die alte Politikweisheit, dass sich die Stärke der Union aus der Summe aus rechtskonservativer CSU und eher liberaler CDU errechnet, mag für den Bund noch gewisse Berechtigung haben. Für Bayern galt sie nie. Das Seelenleben der CSU ist komplizierter und vielfältiger, als die offiziellen Kraftsprüche und die offiziellen Parteitagsanträge vermuten lassen. Darum ist Seehofer sogar zu ein bisschen Reue bereit: Er will nicht an Wahlabenden Buße leisten müssen.

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