Politik : „Patriotismus ist etwas Gesundes“

Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden, über Wahlen, Deutschland – und den Büßer Michel Friedman

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Herr Spiegel, sind Sie mit dem Wahlkampf zufrieden?

Ja. Wenn man den deutschen Wahlkampf mit denen in anderen Ländern vergleicht, muss ich feststellen, dass es bei allen Emotionen ein sehr harter, aber ein sehr sachlich geführter und fairer Wahlkampf war. Ich habe nichts von Schlammschlachten gehört, wie es zum Beispiel in Amerika die Regel ist. Der politische Gegner ist Gegner, aber kein Feind.

Sie müssten doch ein Fan der neuen Linkspartei sein. Schließlich saugt die Partei alle Protestwähler von den rechtsradikalen Parteien ab.

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Die beiden großen Volksparteien SPD und CDU/CSU haben hier wertvolle Arbeit geleistet. Diesen beiden Parteien haben wir die freiheitliche Demokratie in Deutschland zu verdanken.

Aber Sie freuen sich schon darüber, dass die Rechten bei dieser Wahl offensichtlich keine Rolle spielen?

Ja und nein. Wenn wir nach Sachsen blicken und wie dort rechtsradikale Parolen an das Publikum herangetragen werden und entsprechende Reaktionen auslösen, frage ich mich schon, in welchem Land ich lebe. Wie ist das möglich? Wir dürfen nicht vergessen, dass die Rechtsradikalen mit erheblichen Stimmenzuwächsen in die Landtage von Brandenburg und Sachsen eingezogen sind. Wem es nun gelingt, diese Wähler an sich zu binden, ist die eine Frage. Die andere ist, ob sie ihre Ansichten ändern. Ich glaube das nicht. 20 Prozent der Bevölkerung bleiben latent antisemitisch und fremdenfeindlich eingestellt.

Sind denn die Methoden von Oskar Lafontaine, der sich ja eines umstrittenen Vokabulars bedient, um am rechten Rand Wähler zu werben, hinzunehmen?

Ich unterstelle Herrn Lafontaine, dass er auf demokratischem Boden steht. Er hat zwar zu Beginn des Wahlkampfs mit Worten hantiert, die er besser nicht benutzt hätte. Aber das hat sich offenbar nicht festgesetzt.

Also kein Möllemann der Linken?

Nein, das denke ich nicht.

Es kann aber schon sein, dass Sie es nach der Wahl mehr mit der Partei der deutschen Leitkultur – der CDU/CSU – zu tun haben. Sind da noch Gespräche nötig?

Nein, ich würde nicht sagen, dass die Union die Partei der Leitkultur ist. Es ist eine große demokratische Partei. Ich habe volles Vertrauen, dass sie die Politik macht, die für dieses Land richtig ist. Ich hatte Probleme mit einzelnen Politikern, aber nie mit der Gesamtpartei.

Immerhin sagt der sächsische Ministerpräsident, Georg Milbradt, man solle sich nicht immer so aufregen, wenn es mal rechtsradikale Erscheinungen gibt.

Es gibt immer einzelne Meinungen, die ich nicht akzeptieren kann. Das geht quer durch die Parteien. Das sind aber keine parteipolitische Aussagen. Da brechen immer welche aus – nicht nur in den Parteien, beispielsweise auch in der Führung der katholischen Kirche.

Sie sind so versöhnlich, so präsidial gestimmt.

Ich habe keinen Grund, das nicht zu sein. Wir können beobachten, dass bei den letzten Wahlen in diesem Land – Brandenburg und Sachsen mal ausgenommen – die Menschen den Rechtsradikalen eine Abfuhr erteilt haben. Das beste Parteienverbot ist das durch den Wähler.

Sind Sie heute zufriedener mit dem Zustand der deutschen Gesellschaft als Ignatz Bubis, Ihr Vorgänger, der zum Ende seiner Amtszeit aus seiner Enttäuschung keinen Hehl machte?

Es gibt vieles, mit dem man zufrieden sein kann, und umgekehrt. Dass 60 Jahre nach dem Ende des Weltkriegs und des Holocausts nahezu wöchentlich jüdische Friedhöfe geschändet werden, bleibt unfassbar. Was da passiert, der Antisemitismus, ist nicht nur gegen Juden gerichtet, sondern gegen unsere Demokratie. Ich habe den Eindruck, dass diese Vorfälle von der Bevölkerung immer noch nicht als Angriffe gegen sie selbst verstanden werden.

Können wir Deutsche trotzdem stolz sein?

In der Tat. Wenn man weiß, wie Deutschland 1945 aussah und das mit dem vergleicht, wie es heute aussieht, darf ein Bürger dieses Landes stolz auf sein Vaterland sein. Die deutsche jüdische Gemeinde ist die drittgrößte in Westeuropa und die, die am schnellsten wächst. Das wäre 1945 doch undenkbar gewesen.

Johannes Rau hat zu Beginn seiner Amtszeit als Bundespräsident gesagt: „Immer Patriot, nie Nationalist.“ Was ist ein guter Patriot?

Ein guter Patriot ist, wer sein Vaterland liebt. Patriotismus ist etwas Gesundes. Das Fehlen von Patriotismus würde zu einem neuen Nationalismus führen.

Sie lieben Ihr Vaterland?

Selbstverständlich, sonst wäre ich nicht hier.

Gibt es etwas, wofür Sie Gerhard Schröder danken wollen?

Ja, dafür, dass er den Zentralrat der Juden in die Lage versetzt hat, seine Arbeit zu erfüllen, indem er mit uns einen Staatsvertrag geschlossen hat. Das ist eine historische Leistung. Dieser Dank schließt Innenminister Otto Schily und den gesamten Bundestag ein. Das war ein deutliches Zeichen dieses Landes dafür, dass hier wieder Juden leben sollen.

Reicht diese ideelle Unterstützung aus?

Die jüdische Gemeinschaft hat große Probleme. Wir sind von etwa 20000 Gemeindemitglieder im Jahre 1989 auf mehr als 110000 gewachsen.

Ist das nicht schön?

Ja, das ist schön. Wir begrüßen das auch. Aber wir brauchen dafür Unterstützung, auch finanziell. Die Zugewanderten aus den ehemaligen Ostblock-Staaten wollen jüdisches Leben hier auch erfahren. Da sind Aufwendungen nötig, die wir allein nicht schultern können. Wir waren auf diese Einwanderung nicht vorbereitet. Wir haben jetzt 84 jüdische Gemeinden und 32 Rabbiner. Da fehlt uns etwas.

Hat Michel Friedman genug gebüßt?

Wir sind nicht die Richter, die darüber urteilen, was Michel Friedman gesagt oder getan hat. Ich bedauere, dass ein so intelligenter, kluger, talentierter Mann und Freund in diese Situation geraten ist. Dafür hat er gebüßt und büßt auch noch. Aber er weiß, was er jetzt nach diesem Zusammenbruch tun muss.

Vorschlag: Er könnte sich verdient machen, indem er uneigennützig an die Seite derer tritt, die in Berlin unter schwierigsten Umständen eine Gemeinde zusammenhalten wollen.

(lacht) Er hat nicht so viel Schuld auf sich geladen, dass er sich diese Aufgabe antun müsste. Das geht über jedes gerechte Strafmaß hinaus.

Aber die Gemeinde Berlin ist doch die Werkstatt der Einheit. Muss hier nicht grundlegend aufgeräumt werden?

Es ist natürlich ein Trauerspiel, dass sich die größte jüdische Gemeinde in Deutschland in der Öffentlichkeit so darstellt, wie sie es tut. Das ist kein strukturelles Problem, das ist ein personelles Problem. Der Gemeindeleitung wird es von einigen in der Gemeinschaft sehr schwer gemacht.

Kann die Gemeinde Berlin nur mit eisener Hand regiert werden?

Sie finden derzeit niemanden in der Stadt, der diese harte Arbeit übernimmt, ohne dass er sich nach 14 Tagen fragt, wie er denn selbst von dieser Aufgabe profitieren könne. Das ist der Fehler. Darin unterscheiden wir uns von anderen Vereinen auch nicht. Wenn Menschen ihre eigenen Interessen über die der Sache stellen, dann wird es problematisch.

Das Holocaustmahnmal erfreut sich bei Touristen großer Beliebtheit. Ein Erfolg?

Wenn man es an den Besucherzahlen misst – ja. Die Frage ist, ob die Besucher es auch so annehmen, wie es gedacht ist. Ob Jugendliche, die da rumturnen und nicht den Ort der Information besuchen, den richtigen Zugang zu dem Mahnmal finden, ist die Frage. Wichtiger sind die authentischen Orte des Holocaust, die Konzentrationslager.

Hat der Ort Würde?

Das hat er zweifellos. Aber kann der Einzelne, der keine direkte Verbindung zum Holocaust hatte, das empfinden? Und wie wird das in 50 oder 100 Jahren sein? Ich hoffe, dass die Intention des Mahnmals über die Generationen bewahrt bleibt.

Herr Spiegel, vervollständigen Sie bitte den folgenden Satz: Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland ist…

…Paul Spiegel.

Gut. Und Paul Spiegel ist…

Das ist eine der schwierigsten Fragen, die mir je gestellt wurden. Paul Spiegel ist der festen Überzeugung, dass dieses Land mit seiner Bevölkerung alle Voraussetzungen hat – und auch bewiesen hat –, dass es ein anderes Land ist als das Deutschland zwischen 1933 und ’45. Es ist ein Land, in dem Menschen friedlich miteinander leben können und wollen. Eine Frage bleibt: Ist die Bevölkerung bereit, Strömungen zu bekämpfen, die diese Ziele zu zerstören versuchen?

Wie viel Kraft verlangt Ihnen die Arbeit für dieses Ziel ab?

Sehr viel.

Haben Sie manchmal das Gefühl, es ist zu viel?

Allerdings. Die Anforderungen sind sehr groß. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, gibt es viele Wünsche nach Präsenz. Das kann einer allein nicht schaffen. Ich bin meinen Kollegen im Präsidium sehr dankbar, dass wir uns die Aufgaben teilen. Aber ich habe mich dieser Aufgabe gestellt und will versuchen, ihr gerecht zu werden. Ob es mir gelungen ist, mögen andere beurteilen.

Noch ein unvollständiger Satz: Denk ich an Deutschland in der Nacht…

…denke ich daran, wie Deutschland aussah, als ich als Siebenjähriger von der Flucht vor den Nazis zurückkam, und welch schönes Land es heute ist.

Das Gespräch führten Stephan-

Andreas Casdorff und Lutz Haverkamp. Das Foto machte Kai-Uwe Heinrich.

DER FLÜCHTLING

Paul Spiegel wurde in

Westfalen geboren. Nach der Machtergreifung durch die Nazis floh die Familie zunächst nach Brüssel. Spiegel überlebte den

Holocaust in Flandern,

wo er von einer Bauernfamilie versteckt wurde.

Seine Schwester wurde zuvor während einer Razzia in Brüssel verhaftet; sie

kam in einem Konzentrationslager ums Leben.

Spiegel schildert diese

Geschehnisse in seinem Buch „Wieder zu Hause?“.

DER JOURNALIST

Im Jahr 1958 begann

Spiegel ein Volontariat bei der „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“ in Düsseldorf. Bis 1965 arbeitete er dort und für andere Zeitungen als Redakteur.

DER PRÄSIDENT

1993 wurde er Mitglied der Exekutive des Zentralrats, zunächst als Vizepräsident. 2000 übernahm er die Nachfolge des verstorbenen Ignatz Bubis. Er erhielt am 11. Februar 2004 die Ehrendoktorwürde der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und ist Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Warendorf.

DER MAHNER

Ein Spiegel-Zitat: „Man kann nicht a priori Nein zum Krieg sagen. Die

Konzentrationslager wurden auch nicht von Friedensdemonstrationen

befreit, sondern von der Roten Armee.“

DER KÜNSTLER

Seit 1986 betreibt Spiegel in Düsseldorf eine Künstler- und Medienagentur.

DER MENSCH

1964 heiratete er Gisèle Spatz, mit der er zwei Töchter hat. lha

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