Pegida in Dresden : Der Extremismus der Mitte

Pegida bildet ein Sammelbecken für fast jegliches Unbehagen an der Politik. Und weil das so ist, wird es schwierig werden, den nun von allen Seiten geforderten Dialog zustande zu bringen. Ein Kommentar.

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Vor der historischen Kulisse der Semperoper: Pegida-Anhänger am Montag, dem 22. Dezember.
Vor der historischen Kulisse der Semperoper: Pegida-Anhänger am Montag, dem 22. Dezember.Foto: Reuters

Die Welt ist ziemlich kompliziert und komplex geworden. Kriege, Terrorismus, Wirbelstürme, Wirtschaftskrisen, Finanzrisiken dringen und drängen durch alle Netze – dazu kommen Menschen zu Menschen, die sich eben noch fern und fremd schienen. Kommen als Touristen, Mitarbeiter, Mitbürger – und auch als Flüchtlinge. Das alles zu verstehen und mit dem eigenen Leben, mit der eigenen sozialen Lage und gewohnten Befindlichkeit in Verbindung zu bringen oder aber zu erkennen, dass das eine mit dem anderen auch mal gar nichts zu tun hat, das fällt vielen Leuten schwer.

Manche von ihnen, eine Minderheit, schließen sich nun den von Dresden ausgehenden Umzügen einer selbst ernannten Gruppe von „Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes“ an. Diese Pegida trägt im Namen schon etwas Wahnhaft-Pathetisches. Wären die Umzügler nur religiöse Fanatiker, also Kreuzzügler gegen Moscheen und Muslime (von denen in Dresden nach lokalen Angaben etwa 750 Gläubige das Freitagsgebet besuchen), der Fall wäre schnell erledigt.

Pegida jedoch bildet ein Sammelbecken für fast jegliches Unbehagen an der Politik, an Ausländern, Medien, Minderheiten und der aus tausend Gründen als unideal empfundenen eigenen Lebenslage. Was Soziologen als Entfremdung oder neue Unübersichtlichkeit bezeichnen, ist nicht neu. Eine neue Herausforderung aber bedeutet der zuletzt auch von Vertretern beider Kirchen mitintonierte Ruf, man dürfe die Fünfzehntausend von Dresden nicht als Alt- und Neonazis abtun und sie auch nicht als dumm oder bösartig verteufeln. Gesprochen wird von einem „diffusen Unmut“, den man gleichwohl ernst nehmen müsse.

Ernst nehmen, schon. Schwieriger ist der Dialog mit einem Protest, der nicht diskutieren will oder kann. Unmut erweist sich da als das Gegenteil von Mut. Und vieles, was Pegida an pauschaler Verhöhnung des „Systems“ und seiner „Systemmedien“ äußert, klingt nach dem Vokabular, mit dem die Nazis (und teilweise auch die Kommunisten) die Parteien und liberale Zeitungen der Weimarer Republik geschmäht hatten. Ebenso werden Ausländer (oder längst eingebürgerte Deutsche) zu Sündenböcken für alles Ungemach gemacht – wie einst die Juden.

Hier wird ein rationaler Dialog tatsächlich schwierig. Andererseits reichen NS-Analogien oder – gegenüber Pegidas Putin-Verehrern – die Verweise auf Ostalgien nicht hin. Ressentiments nannte Nietzsche: ein „Schielen der Seele“. Spricht aus Pegida nun die Volksseele? Sicher nicht. „Wir sind das Volk“ ist 25 Jahre nach der Wende eine populistische Begriffsverdrehung. Das Völkische darin aber gehört zum zersplitterten Verständnis von Bürgertum. Statt des aktiven Staatsbürgers, des Citoyen, protestiert in der Masse der privat orientierungslose (und nur in der Minderheit christliche) Bourgeois. Ihn freilich gibt es heute in allen europäischen Staaten: im französischen Front National, in der italienischen Lega Nord, bei den Populisten in England, Holland, Ungarn oder Griechenland. Sie sind gegen Muslime, gegen Brüssel, gegen Ausländer, Arme, auch gegen Sinti und Roma und etliche gegen Juden.

Es sind, schätzen Demoskopen, überall zwischen 10 und 20 Prozent der Bevölkerung. Die Sozialforschung spricht vom „Extremismus der Mitte“. Für die politische Auseinandersetzung heißt das freilich: Nicht jeder Zweck heiligt die Mitte.

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