Politik : Per Zufall ins Protestzelt  Stav Shaffir kämpft für Sozialreformen in Israel

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Gesicht der Revolte: Stav Shaffir Foto: AFP
Gesicht der Revolte: Stav Shaffir Foto: AFPFoto: AFP

Berlin - Stav Shaffir kann eigentlich zufrieden sein. Die kleine zierliche Frau mit den langen, roten Haaren ist eines der öffentlichen Gesichter der sozialen Protestbewegung in Israel. Die 26-jährige Journalistin gehört zu der kleinen Gruppe, die am 14. Juli in Tel Aviv die ersten Zelte aufbaute, um für mehr Geld für Bildung und Wohnraum, eine Erbschaftssteuer und ein gerechteres Steuersystem zu demonstrieren. Die von der Regierung Netanjahu nach den Massenprotesten eingesetzte Kommission hat am Montag in ihren Empfehlungen viele der Forderungen aufgenommen. Zugestanden hatte die Regierung bisher allerdings nur, umgerechnet 600 Millionen Euro aus dem Verteidigungsetat abzuzwacken. „Das löst das Problem aber nicht“, findet Shaffir.

Anfangs war Shaffir, die Philosophie und Wissenschaftsgeschichte studiert und bei einer Lifestyle-Website arbeitete, nur neugierig. Auf Facebook hatte eine junge Frau um Hilfe gebeten, um ein Protestzelt in Tel Aviv aufzubauen. Weil sie angesichts der hohen Mieten in der Stadt keine neue Wohnung fand. „Wir waren neun Leute, die sich daraufhin verabredeten, wir kannten uns nicht“, erzählt Shaffir. Eine Woche später hat die Gruppe die ersten Protestzelte in der Nähe des vornehmen Rothschild-Boulevards aufgeschlagen. „Wir waren von dem massiven Zulauf völlig überrascht“, erinnert sich Shaffir. Zur letzten Großdemonstration in Tel Aviv waren am 3. September etwa 400 000 Menschen gekommen. „Es brauchte anscheinend nur einen Funken“, meint Shaffir, die einräumt, dass die Volksaufstände in den arabischen Ländern „wirklich inspirierend“ waren, weil sie gezeigt hätten, dass Wandel möglich ist.

Aus dem Protest gegen hohe Mieten ist ein Schrei nach „sozialer Gerechtigkeit“ geworden. Zunächst hatte die Regierung Netanjahu versucht, die jungen Leute als „verwöhnte Kids“ darzustellen, die sauer sind, weil sie nicht in der Tel Aviver Innenstadt mit ihrem berühmten Nachtleben wohnen können, erinnert sich Shaffir. „Aber das hat nicht funktioniert.“ Denn die Folgen von wirtschaftlicher Liberalisierung und Privatisierung würden fast alle Gesellschaftsschichten treffen.

Einer der bisher größten Erfolge der Bewegung ist in ihren Augen denn auch, dass sie die israelische Bevölkerung in einem bislang unbekannten Maße geeint hat. Alle Einwanderer- und Altersgruppen sind beteiligt, auch arabische Israelis, die sich oft beklagen, dass sie als Bürger zweiter Klasse behandelt werden. „Jüdische und arabisch-stämmige Israelis sitzen erstmals zusammen und diskutieren über soziale Fragen“, berichtet Shaffir begeistert. Sie hofft, dass damit ein „neues Fundament“ für die israelische Gesellschaft errichtet wird. Und noch ein Novum erkennt die junge Frau: Das Argument, dass Israel von außen bedroht werde und daher im Innern soziale und politische Konflikte unter Kontrolle halten müsse, greife nicht mehr. „Das hat bisher immer funktioniert in Israel“, sagt Shaffir, „weil wir eine posttraumatische Gesellschaft sind und begründete Angst haben.“ Aber der soziale Leidensdruck sei jetzt größer.

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