Pflege : Kassen: Patienten in Heimen werden von Ärzten vernachlässigt

10.02.2012 00:00 UhrVon Rainer Woratschka

800000 Menschen leben in Deutschland bereits in Pflegeheimen. Ihre medizinische Betreuung sei unzureichend, kritisieren die gesetzlichen Krankenversicherungen. Die Mediziner kämen ihrem Auftrag nicht nach.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen wirft den niedergelassenen Medizinern vor, sich zu wenig um pflegebedürftige Patienten in den Heimen zu kümmern. „Die kassenärztlichen Vereinigungen missachten hier ganz klar ihren Sicherstellungsauftrag“, sagte Verbandsvorstand Gernot Kiefer dem Tagesspiegel. Das Problem sei „nicht das Honorar, sondern die mangelnde Konsequenz der Funktionäre, die Versorgung in Heimen zu organisieren“.

Für die knapp 800 000 Pflegeheimbewohner in Deutschland sind fest angestellte Heimärzte die Ausnahme. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will das nicht ändern. Um die Bereitschaft zu Pflegeheimbesuchen zu erhöhen, sieht sein aktueller Gesetzentwurf allerdings „Zuschläge beziehungsweise eine zusätzliche Vergütung“ für Mediziner vor.

Außerdem sollen die Heime verpflichtet werden, künftig über die medizinische Versorgung ihrer Bewohner zu informieren. Und die Kassenärztlichen Vereinigungen vor Ort sollen Kooperationsverträge mit „dafür geeigneten Ärzten“ vermitteln.

Anreize, so das Credo des Ministers, brächten mehr als Anordnungen. Was die Kassen erzürnt. Ärzte und Zahnärzte hätten in jüngster Zeit erhebliche Honorarzuwächse erhalten, erinnert Kiefer. Es sei „ein Skandal, dass sie trotzdem nicht bereit sind, die Versorgung in Pflegeheimen sicherzustellen.“ Ihm zufolge gab es Fälle, „dass Mediziner einmal pro Quartal auftauchen, die Versichertenkarten der Bewohner durchziehen und ihre Grundpauschale abrechnen – ohne tatsächlich notwendige Leistungen zu erbringen“.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wies den Vorwurf der Untätigkeit zurück. Man habe „zahlreiche Aktivitäten“ gestartet, um die Betreuung von Patienten in Pflegeheimen zu verbessern, sagte Vorstandschef Andreas Köhler dem Tagesspiegel. Dabei seien auch Versorgungsaufträge mit einzelnen Kassen abgeschlossen worden. Zudem arbeite die KBV aktuell „ein Vertragsangebot aus, das die teamübergreifende Zusammenarbeit bei der Versorgung von Heimpatienten in den Mittelpunkt rückt“.

Grundsätzlich sei jedoch zu hinterfragen, ob sich der Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen überhaupt auch auf Pflegeheimbewohner beziehe, betont Köhler – und gibt den Schwarzen Peter damit an die Heimbetreiber weiter. Für diese sei schließlich klar geregelt, dass sie „zur Sicherstellung der Versorgung Ärzte einstellen können, wenn es zu keinen Vertragsabschlüssen mit den KVen kommt“.

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) – ein Zusammenschluss von mehr als 7000 Pflegeeinrichtungen – dagegen findet es gut, dass die Kassenarzt-Funktionäre an ihren Sicherstellungsauftrag erinnert werden. Insbesondere für Fachärzte seien die Pflegebedürftigen zunehmend „aus dem Blick geraten“, klagt Geschäftsführer Herbert Mauel. Hausärzte kümmerten sich ja noch und zwackten sich ihre Visiten von den Sprechzeiten ab. Aber es sei enorm schwierig, Spezialisten – Augenärzte, Gynäkologen, Neurologen vor allem, aber auch Zahnärzte – zum Besuch von Heimen zu bewegen. Zudem helfe es wenig, wenn die Mediziner unkoordiniert in den Einrichtungen auftauchten und die Pflegekräfte darauf nicht vorbereitet seien.

Innerhalb der bestehenden Strukturen sei das Problem aber kaum zu lösen, sagt der Sprecher des Hausärzteverbandes, Stefan Lummer. Helfen könnten nur Absprachen, Vernetzungen, sektorenübergreifende Konzepte außerhalb des Üblichen. So ließen sich übergreifende Leistungen in den Heimen oft nur schwer abrechnen. Und in vielen Häusern scheiterten nötige Untersuchungen schon am fehlenden Behandlungszimmer. Ein Kooperationsmodell nach dem Vorbild von Hausarztverträgen, mit dessen Hilfe sich unnötige Praxisbesuche und Klinikeinweisungen vermeiden lassen, ist derzeit in Arbeit. Die Beteiligten sind optimistisch, es den Kassen schmackhaft machen zu können. Schließlich ließe sich damit nicht nur die Versorgung verbessern, sondern auch viel Geld sparen.

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