Pflegemisere in Krankenhäusern : Zu wenig Personal für Intensivstationen

Immer mehr Krankenhäuser suchen vergeblich nach Pflegekräften. Besonders betroffen sind die Intensivstationen. Hier sind schon mehr als 3000 Stellen unbesetzt.

Immer schwerer zu finden: Pflegekräfte für die Intensivstation.
Immer schwerer zu finden: Pflegekräfte für die Intensivstation.Foto: picture alliance / Patrick Seeger/dpa

Den Kliniken hierzulande fällt es immer schwerer, Pflegekräfte für Intensivstationen zu finden. Bundesweit seien dort inzwischen 3150 Stellen nicht besetzt, teilte die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) am Dienstag mit. Bei der letzten Erhebung im Herbst 2016 klagte bereits gut jede zweite Klinik (53 Prozent) über Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung in der Intensivpflege. Von den großen Häusern hatten sogar mehr als 68 Prozent dieses Problem.

Die Zahl der offenen Pflegestellen auf Intensivstationen habe deutlich zugenommen und werde weiter steigen, heißt es in einem zeitgleich vorgelegten Gutachten des Deutschen Krankenhausinstitutes. DKG-Präsident Thomas Reumann sprach von einer alarmierenden Situation. „Wir müssen aufhören den Beruf der Pflege schlechtzureden“, sagte er. Und es sei „an der Zeit, dass Politik und Kostenträger ihre Verantwortung für die Pflegekräfte übernehmen“. Wer mehr Pflegepersonal in den Kliniken fordere und Personaluntergrenzen einziehen wolle, müsse auch die Refinanzierung sichern.

Der Zuwachs an Klinikärzten war dreimal so hoch

Tatsächlich belegen Statistiken, dass die Personalpolitik der Krankenhäuser an der gegenwärtigen Situation nicht unbeteiligt war. Während das Ärztepersonal zwischen 2007 und 2015 um 28 Prozent aufgestockt wurde, betrug der Zuwachs beim Pflegepersonal im gleichen Zeitraum trotz deutlich gestiegener Fallzahlen gerade mal neun Prozent.

DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum sieht die Schuld an dem ungleichen Personalaufwuchs allerdings nicht in den Gewinnerwartungen der Klinikbetreiber, sondern in der damals durchgesetzten EU-Arbeitszeitrichtlinie. Weil Bereitschaftsdienste seither als volle Arbeitszeit anzurechnen seien, habe man erst einmal deutlich mehr Ärzte einstellen müssen. Am Ende sei dies auch „ein Beispiel dafür, was willkürliche Normsetzung anrichten kann“.

"Es macht keinen Sinn, Normen festzulegen, die keiner erfüllen kann"

Die Stoßrichtung der Krankenhausbetreiber ist klar: Dass sich die Politik nun anschickt, das Problem des Fachkräftemangels in der Krankenpflege mit verbindlichen Personaluntergrenzen anzugehen, gefällt ihnen nicht besonders. „Es macht keinen Sinn, erst Normen festzulegen, die keiner erfüllen kann, und danach dann den Pflegenotstand auszurufen“, sagte DKG-Geschäftsführer Baum.

Wenn es der Arbeitsmarkt hergäbe, würden die Krankenhäuser „sofort“ 10.000 zusätzliche Pflegekräfte einstellen, versicherte er. Auf lange Sicht müssten deshalb „in einem gemeinsamen Kraftakt aller Akteure“ Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel ergriffen werden. Kurz- und mittelfristig sei es aber auch nötig, Personaluntergrenzen flexibel auszugestalten und Stichtagsregelungen zu verlängern.

Nach den Plänen der Regierung sollen sich Krankenhäuser und Krankenkassen auf feste Personaluntergrenzen für besonders sensible Klinikbereiche verständigen - beispielsweise in Intensivstationen oder im Nachtdienst. Die Vereinbarung soll bis zum 30. Juni 2018 getroffen und zum 1. Januar 2019 wirksam werden.

Krankenhausgesellschaft: Patientensicherheit ist gewährleistet

Momentan sei die Patientensicherheit trotz der beschriebenen Engpässe gewährleistet, versicherte DKG-Präsident Reumann. Dem Gutachten zufolge beträgt das Verhältnis von Intensivpatient zu Pflegekraft in deutschen Kliniken gegenwärtig 2,2 für eine Pflegekraft pro Schicht. Die Fachkraftquote in der Intensivpflege liege im Mittel pro Krankenhaus bei 44 Prozent.

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin empfehle ein Verhältnis von zwei Fällen pro Schicht und Pflegekraft und eine Fachkraftquote von mindestens 30 Prozent. Diese Vorgabe erreichten 75 Prozent der Häuser, heißt es in der Studie. Die Versorgung der Patienten sei „objektiv gut“.

Beschäftigte, die ihren Arbeitsalltag beschrieben, zeichneten ein völlig anderes Bild, konterte der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe. Über Jahre habe man „ignoriert, dass Patientinnen und Patienten in den Kliniken nicht nur Ärzte und Technik, sondern vor allem kompetente und verlässliche Pflege brauchen“, so Verbandssprecherin Johanna Knüppel. Jetzt darauf zu verweisen, dass die Personalzahlen der Pflege wieder angestiegen seien und man alles getan habe, um beruflich Pflegenden gute Bedingungen zu bieten, klinge zynisch.

Linke fordern höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen

Linken-Chef Bernd Riexinger forderte, dass die Pflegeberufe „endlich den Stellenwert bekommen, der ihrem Wert für die Menschen entspricht.“ Es helfe nichts, über fehlende Fachkräfte in der Intensivpflege zu klagen und gleichzeitig bei Bezahlung und Arbeitsbedingungen auf der Bremse zu stehen. Personalkosten müssten außerhalb der Fallpauschalen finanziert werden, sonst greife jeder Förderplan ins Leere. Und es führe auch kein Weg daran vorbei, die Personalbemessung gesetzlich zu regeln.

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi verlangte eine gesetzliche Regelung für die Personalausstattung in den Krankenhäusern. „Beschäftigte lassen sich nicht mehr mit homöopathischen Dosen abspeisen", sagte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler. Zu lange und zu oft seien "die Empathie und das Engagement der Pflegefachkräfte von den Arbeitgebern ausgenutzt“ worden.

Auch Bürokratieabbau könnte helfen

DKG-Präsident Reumann dagegen appellierte an die Politik, den Kliniken in der Pflegemisere stärker zu helfen. Zum einen brauche es einen Tarifausgleich für Personalkostensteigerungen. Zum andern müsse „die Bürokratielast endlich konsequent und mutig abgebaut werden“. Es gehe nicht an, dass man Pflegekräfte drei Stunden pro Tag mit der Dokumentation ihrer Arbeit beschäftige. Zur Personalentlastung sei die Digitalisierung in den Krankenhäusern voranzutreiben, sagte der Verbandschef und forderte ein entsprechendes, vom Bund finanziertes Sonderprogramm.

Allerdings belegt das Gutachten auch die Schwierigkeiten der Krankenhäuser, Ärzte für ihre Intensivstationen zu finden. 29 Prozent der Kliniken hatten damit im Herbst 2016 ebenfalls Probleme, wie die Umfrage ergab. Bundesweit seien rund 600 Vollkraftstellen in der Intensivmedizin unbesetzt.

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