Polen und Ungarn : Dramatische Abwanderung von Medizinern

Viele Ärzte und Pflegekräfte wandern aus Polen nach Deutschland, Großbritannien oder andere westliche Länder ab. Ungarn hat ähnliche Probleme. Die Folgen sind gravierend.

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Der Tod der zweieinhalbjährigen Dominika aus Skiernewicy rüttelte vor einem Monat ganz Polen auf. Zwei Mal verweigerte der völlig überlastete Notarzt einen Hausbesuch. Als das Kind nach siebenstündiger Wartezeit endlich ins Krankenhaus kam, war es bereits zu spät.

Der Mangel an medizinischem Personal in Polen nimmt immer dramatischere Züge an. Eine Kontrolle der Nacht- und Sonntagspraxen ergab nach dem Todesfall im März, dass etwa ein Drittel der Praxen unter gravierendem Personalmangel leiden. Dabei fehlten in 33 Prozent der Fälle Ärzte und in 28,5 Prozent der Fälle Krankenschwestern. In jeder zwanzigsten Praxis arbeiteten Kranken- und Laborschwestern, die gleichzeitig in einer weiteren Notpraxis Schicht leisteten.

Nicht zum ersten Mal schlagen Mediziner deshalb Alarm: Polen hat halb so viele Einwohner wie Deutschland, aber nur ein Viertel so viele Ärzte. Jeder fünfte polnische Arzt ist zudem älter als 70. Sie können nicht in Rente gehen, denn ihre jungen Kollegen wandern lieber aus – nach Großbritannien und auch nach Deutschland. Der größte Mangel herrscht an Anästhesiologen, Chirurgen und Radiologen. Aber auch Rettungsärzte, medizinisches Krankenwagenpersonal und einfache Krankenschwestern fehlen.

Polen sucht deshalb bereits seit vier Jahren händeringend nach Spezialisten und auch Krankenschwestern aus der Ukraine und Weißrussland. Für die Altenpflege, die in Polen meist noch direkt von der Familie organisiert wird, werden immer häufiger Ukrainerinnen – meist schwarz – angestellt.

Der Erfolg bei der Anwerbung von osteuropäischen Spezialisten ist allerdings bisher gering, auch weil es Probleme mit der gegenseitigen Anerkennung der Diplome gibt. Wer dennoch in die EU einreisen könne, ziehe Westeuropa Polen vor, klagen Mediziner in einem polnischen Internet-Branchenportal. Als mögliche Abhilfe wird bereits ein staatlich festgesetzter Minimallohn für Ärzte in der dreifachen Höhe des Landesdurchschnittslohns diskutiert. Dies würde die Abwanderung ins Ausland zumindest verringern, hoffen polnische Gesundheitsmanager.

Die Notbremse gezogen hat inzwischen der ungarische Regierungschef Viktor Orban. Seine rechtskonservative Fidesz-Partei änderte dank ihrer Zweidrittelmehrheit im Parlament die Verfassung, um junge Ärzte sowie akademisch ausgebildetes medizinisches Fachpersonal im Land zu halten. Seit Montag müssen Medizin- und andere Studenten, die staatliche Stipendien erhalten, nach Studienabschluss eine gewisse Zeit in Ungarn arbeiten.

„Bisher bildeten wir unentgeltlich Ärzte für Norwegen aus“, sagte ein Staatssekretär dem Tagesspiegel. Auch nach Deutschland würde viele ungarische Mediziner gleich nach dem Studium ziehen, denn die Arztgehälter seien auch dort etwa fünfmal höher als in Ungarn. Die Mehrheit der Ungarn ist der Regierung für den in Brüssel höchst umstrittenen Beschluss dankbar.

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