Politisch korrekte Sprache : Neue Worte braucht das Land

Harald Martenstein sucht nach Worten. Ohne die angeblich abwertende Endung "ling" sollen sie sein. Das ist nihct in allen Fällen einfach - und nicht in allen schlüssig.

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Ein Schmetterling (Kleiner Fuchs) sammelt am 15.04.2003 bei frühlingshaftem Wetter in Magdeburg auf Kirschblüten den Nektar. Foto: Foto: Andreas Lander, picture-alliance/ZB
Ein Schmetterling (Kleiner Fuchs) sammelt am 15.04.2003 bei frühlingshaftem Wetter in Magdeburg auf Kirschblüten den Nektar.Foto: Foto: Andreas Lander, picture-alliance/ZB


Wir müssen noch mal auf das „Wort des Jahres“ zurückkommen, den „Flüchtling“. Viele sagen, dass man dieses Wort nicht mehr verwenden soll. Es sei abwertend, es klinge abschätzig. Man sagt ja auch „Fiesling“, „Widerling“ oder „Wüstling“. Statt dessen soll man in Zukunft „Geflüchteter“ oder „Geflüchtete“ sagen. Der „Lehrling“ ist ja auch schon abgeschafft worden, zugunsten der „Auszubildenden“, erstens, weil „Lehrling“ keine weibliche Form hat, zweitens wegen der fragwürdigen, kleinmachenden Endsilbe „ling“. Wörter mit „ling“ wollen wir in Deutschland nie wieder hören.

"Zwillinge" könnten "Gedoppelte" werden - oder "Bedröppelte"? Oder "Hoppeldoppel", wie das Bratenfleisch?

Ich habe mich gefragt, was jetzt eigentlich aus den Zwillingen wird. Wenn ich einen Zwilling treffe, will ich den nicht sprachlich herabsetzen, aber „Gezwillter“ oder „Zwillender“ geht irgendwie nicht. Da muss ein völlig neues Wort her. „Gedoppelter“ vielleicht? Andererseits klingt „Gedoppelter“ verdammt ähnlich wie „Bedröppelter“ oder wie das Berliner Gericht „Hoppelpoppel“, in dem Bratenreste verarbeitet werden. Möchte ich einen Zwilling wirklich mit einem Bratenrest vergleichen?

Relativ leicht lässt sich das diskriminierende Wort „Liebling“ aus der deutschen Sprache entfernen, „Geliebter“ oder „Schatzi“ geht auch, so, wie sich der herabsetzende „Neuankömmling“ leicht in den respektvolleren „Neuangekommenen“ verwandeln lässt und der abschätzige „Sprössling“ in einen „Gesprossenen“: Das ist Lena, meine jüngste Gesprossene. Einfach ist es auch mit dem „Säugling“, wobei mir „Gesäugter“ ebenso recht wäre wie „Säugender“. Es ist unglaublich, wie arglos man solche Wörter all die Jahre verwendet hat.

Erstaunlich, dass der „Häuptling“ bisher nicht auf den Index geraten ist, da gibt es ja ebenso wenig eine weibliche Form wie beim Lehrling. Andererseits kann man nicht „Hauptmann“ sagen, das ist ein militärischer Rang, und bei „Hauptfrau“ öffnen sich völlig unpassende Assoziationsräume. Das Gleiche gilt für „Gehäupteter“ oder „Hauptender“. Es gibt halt bei uns relativ wenige Häuptlinge, außer vielleicht Horst Seehofer, deshalb war der Druck nicht so groß.

Was wird bloß aus dem "Schmetterling"? "Butterfliege" ist noch schlimmer!

Das Gleiche gilt für die Natur, die ist nicht im Fokus. Ich frage mich, wie lange der Schmetterling noch mit diesem belastenden Namen herumfliegen muss. Das ist ein wunderbares Geschöpf. Aber, bitte - auf keinen Fall das englische Wort eindeutschen, „Butterfliege“ klingt noch abwertender als „Schmetterling“. Mein Lieblings-Ling-Wort ist der „Frühling“, der es trotz seines herabsetzenden, noch dazu männlichen Namens zu einer weltweiten Fangemeinde und einem extrem positiven Image geschafft hat. Wenn es aber in ein paar Tagen heißt „Kling, Glöckchen, klingelingeling“, dann sollte uns allen bewusst sein, was wir dem Glöckchen damit antun.

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