Tagebücher von Alfred Rosenberg : Vergessener Gefolgsmann

1934-1944: Jürgen Matthäus und Frank Bajohr haben die Tagebücher des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg herausgegeben. Eine Rezension

Ernst Piper
Die Angeklagten bei der Eröffnung des Nürnberger Kriegsverbrecher-Hauptprozesses am 20. November 1945. In der zweiten Reihe sitzen (v.l.) Hermann Göring, Rudolf Hess, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel, Alfred Rosenberg und Hans Frank. In der hinteren Reihe sind (von links) die Angeklagten Karl Dönitz, Erich Räder, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel und Alfred Jodl zu sehen.
Die Angeklagten bei der Eröffnung des Nürnberger Kriegsverbrecher-Hauptprozesses am 20. November 1945. In der zweiten Reihe sitzen...Foto: dpa

Frank Bajohr und Andrea Löw schreiben im Vorwort zu dem von ihnen herausgegebenen Band, dass die Geschichte des Holocaust nicht ohne Hitler, Himmler, Heydrich oder Göring geschrieben werden könne und fügen hinzu: „auch nicht ohne den NSDAP-Chefideologen Alfred Rosenberg, dessen vor Kurzem entdeckte Tagebücher nun in einer Edition vorliegen“. Das ist zweifellos richtig, und es steht zu hoffen, dass diese Feststellung auf Resonanz stößt. In der deutschen Geschichtswissenschaft ist die Bedeutung Rosenbergs lange Zeit unterschätzt worden. Auch der von Bajohr und Löw herausgegebene Band „Der Holocaust“ legt davon Zeugnis ab. In den 13 Beiträgen kommt Alfred Rosenberg kein einziges Mal vor. Eingeleitet wird der Band von Ulrich Herbert mit einem großen Überblick über die Holocaust-Forschung, die in Deutschland erst vergleichsweise spät einsetzte. Dass der Holocaust die zentrale Signatur des nationalsozialistischen Terrorregimes ist, ist heute nicht mehr ernsthaft umstritten, aber das war beileibe nicht immer so.

War der Holocaust eine extreme Form von Siedlerkolonialismus?

Die weiteren Aufsätze des Bandes beschäftigen sich mit Teilaspekten der Holocaust-Forschung. So zum Beispiel mit der Frage der Kontextualisierung, Stichworte sind hier der deutsche Sonderweg, Kolonialismus, Antisemitismus und Massenraubmord. Alle diese Aspekte sind wichtig, wenn wir das Geschehene nicht nur beschreiben, sondern auch erklären wollen: War der Holocaust eine extreme Form von Siedlerkolonialismus? Inwieweit war der nationalsozialistische Antisemitismus bei der Vernichtung der europäischen Juden handlungsleitend? Inwiefern ist der Holocaust mit den stalinistischen Massenverbrechen vergleichbar? Hat die deutsche „Volksgemeinschaft“ als Kollektiv von der Entrechtung und Ermordung der Juden profitiert? Dies sind wichtige Fragen für die weitere Erforschung des NS-Regimes, das für einige furchtbare Jahre große Teile Europas beherrschte. Seit auch die Archive in Osteuropa der Forschung zugänglich sind, wandelt sich das Bild des Holocaust immer mehr zu dem eines gesamteuropäischen Genozids, ohne dass deshalb die zentrale Verantwortung der Deutschen für das Mordgeschehen infrage steht.
Die weiteren Aufsätze beschäftigen sich mit der noch relativ jungen Teildisziplin der Täterforschung, den Verfolgten und ihren Handlungsspielräumen und dem Holocaust im Kontext der Besatzungsgeschichte. Der informative und nützliche Sammelband, der auf einen Workshop des Zentrums für Holocaust- Studien am Institut für Zeitgeschichte in München zurückgeht, vereinigt Beiträge vielfach ausgewiesener Experten aus dem deutschen Sprachraum sowie aus den USA, Kanada und Israel. Er kann jedem Interessierten als Einführung uneingeschränkt empfohlen werden.

"Dr. G. ist moralisch in der Partei isoliert, verachtet"

Joachim Fest hatte in seinem Buch „Das Gesicht des Dritten Reichs“ Alfred Rosenberg einst als „vergessenen Gefolgsmann“ porträtiert. Dieses Vergessen hatte manchmal groteske Konsequenzen. Als die „Topographie des Terrors“ 2011 eine ausgezeichnet gemachte Ausstellung zum 50. Jahrestag des Eichmann-Prozesses veranstaltete, gab es dort auch ein Foto der Angeklagten im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess. In der Bildunterschrift waren die Angeklagten Göring, Hess, Ribbentrop, Keitel und Kaltenbrunner namentlich bezeichnet, nur der danebensitzende Rosenberg nicht. Ihn hielt man nicht für erwähnenswert.
Umso erfreulicher ist es, dass jetzt eine valide Edition seiner 2013 wiedergefundenen Tagebücher vorliegt. Robert Kempner, der im Hauptkriegsverbrecherprozess als einer der Ankläger tätig war, hatte die Tagebücher seinerzeit zu Studienzwecken an sich genommen. Die Edition, die er wohl plante, ist aber über einige Veröffentlichungen kleiner Textstücke nie hinausgekommen. 1993 starb Kempner. Sein in den USA befindlicher Nachlass sollte an das Archiv des Holocaust Memorial Museum in Washington gehen. Doch als Mitarbeiter des Archivs den Nachlass 1997 sichteten, befand er sich in verwahrlostem Zustand und vieles war verschwunden, darunter auch das Tagebuch. Erst 2013 konnte es von Detektiven aufgespürt werden.
Wer sich mit Alfred Rosenberg beschäftigt, ist mit einer sehr guten Quellenlage konfrontiert. Die Akten des von ihm geleiteten Ostministeriums sind ebenso erhalten wie die Akten des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg, der in den von der Wehrmacht besetzten Teilen Europas für den Kunstraub zuständig war. Wir verfügen über eine große Fülle weiterer Dokumente, es gibt kaum einen Vorgang im öffentlichen Leben von Rosenberg, der nicht ausführlich dokumentiert ist. Die Tagebücher bestätigen im Wesentlichen das bekannte Bild des Chefideologen, der die nationalsozialistische Weltanschauungsdiktatur wesentlich prägte und doch stets um Einfluss und Anerkennung rang.
Die Bedeutung dieser jetzt endlich zugänglichen Tagebücher liegt nicht zuletzt darin, dass es ähnliche Quellen aus der NS-Führung sonst kaum gibt, mit der prominenten Ausnahme der Goebbels-Tagebücher. Beide Diarien sind nicht wie die ganze unselige und lange Zeit so einflussreiche Memoirenliteratur nach Kriegsende verfasst, sondern in der Zeit, als die Nationalsozialisten an der Macht waren und glauben konnten, etwas Bleibendes geschaffen zu haben. Sie zeigen einen natürlich höchst subjektiven, aber eben unverstellten Blick auf das Geschehen. Und dadurch, dass Rosenberg und Goebbels während der gesamten Zeit verfeindete Rivalen waren, haben ihre Aufzeichnungen auch die Funktion eines wechselseitigen Korrektivs, wie die Herausgeber zu Recht betonen.

Jürgen Matthäus, Frank Bajohr (Hrsg.): Alfred Rosenberg. Die Tagebücher von 1934 bis 1944. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2015. 650 Seiten, 26,99 Euro.
Jürgen Matthäus, Frank Bajohr (Hrsg.): Alfred Rosenberg. Die Tagebücher von 1934 bis 1944. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2015....Foto: Fischer Verlag


Sehr charakteristisch für das Konkurrenzverhältnis der beiden ist der November 1938. Die von Goebbels maßgeblich organisierten Pogrome erwähnt Rosenberg mit keinem Wort. Umso ausführlicher beschäftigt er sich dafür mit der schweren Ehekrise, die der Propagandaminister durch seine Affäre mit der Schauspielerin Lida Baarová provoziert hatte. Rosenberg stellt über seinen Rivalen befriedigt fest: „Dr. G. ist moralisch in der Partei isoliert, verachtet. Er hat sich als einer erwiesen, als den ich ihn vor 12 Jahren durchschaut hatte.“ Rosenberg notierte die Niederlagen seiner Rivalen genau und gibt so einen subjektiven, aber aufschlussreichen Einblick in das Innere des nationalsozialistischen Machtapparats.
Die Herausgeber haben den Tagebuchaufzeichnungen eine ausführliche Einführung vorangestellt, die den Stand der Forschung zu allen im Kontext der Aufzeichnungen relevanten Fragen zuverlässig referiert. Das Tagebuch selbst ist zurückhaltend kommentiert. Die Anmerkungen beschränken sich auf zum Verständnis des Textes notwendige Personen- und Sachkommentare. Ergänzt wird die Edition durch 23 Texte, die ganz überwiegend aus der Feder Rosenbergs stammen und weiteren Aufschluss zu den Vorgängen geben. Sie liefern Einblicke in Rosenbergs Gedankenwelt und zeigen zugleich, wie er innerhalb der NS-Hierarchie immer wieder um seine Kompetenzen kämpfen musste.
Im Klappentext des Buches heißt es: „1941 zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete ernannt, war Rosenberg an der Ausplünderung Osteuropas und der Ingangsetzung des Holocaust führend beteiligt.“ Es steht zu hoffen, dass dieser allzu lange kaum zur Kenntnis genommene Sachverhalt nun auf vermehrtes Interesse stößt, zumal der Verlag das Werk mit einem erfreulich günstigen Ladenpreis versehen hat.

Frank Bajohr, Andrea Löw (Hrsg.): Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2015, 342 Seiten, 14,99 Euro.
Jürgen Matthäus, Frank Bajohr (Hrsg.): Alfred Rosenberg. Die Tagebücher von 1934 bis 1944. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2015. 650 Seiten, 26,99 Euro.

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