Politische Stilkritik : Wie Politiker auf das Volk wirken

Bei öffentlichen Auftritten versuchen Politiker ein bestimmtes Bild von sich zu erzeugen. Doch die richtige Inszenierung ist nicht einfach. Welcher Politiker kann überzeugen und wer braucht 2012 eine neue Strategie?

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Ihre stoische Gelassenheit und der trockene Humor bringt Angela Merkel vor allem Respekt aus dem Ausland ein. Ihr Kleidungsstil ist mittlerweile so selbstbewusst wie ihr Führungsstil.Alle Bilder anzeigen
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01.01.2012 21:34Ihre stoische Gelassenheit und der trockene Humor bringt Angela Merkel vor allem Respekt aus dem Ausland ein. Ihr Kleidungsstil...

1 Unter deutschen Dächern

Es wäre auch unter anderen Umständen etwas unpassend gewesen: Bundespräsident Christian Wulff im Weißen Haus. Das ist nämlich seit seinem Amtsantritt 2010 das Skript für die Weihnachtsansprache im Schloss Bellevue: statt steifer Rede in die Kamera lockeres Rumstehen in einer Art Kaminzimmer, inmitten des Volks. Und zwar nicht irgendeines, sondern des neuen deutschen Volks. Bürgerinnen und Bürger mit dunkler Hautfarbe sind mit dabei, „one of each race“, und gleich fühlte man sich ein bisschen wie vor dem US-Fernseher zu Weihnachten: „Ladies and Gentlemen, the President of… .“

Doch Wulff ist eben kein Obama. Vor der präsidialen Weihnachtssoap in diesem Jahr wurden dicke Schlagzeilen geplant, weil man schon vorab wusste, dass er in seiner Ansprache NICHT über seinen Hausbaukredit plaudern würde. Das tat er auch nicht, trotzdem strafte allein die Inszenierung alle Titelseiten Lügen – lauter hätte der erste Mann im Staate sich nicht äußern können. Denn der Niedersachse, der privat, wie inzwischen alle wissen, in einem Haus lebt, mit dem kein Wüstenrot-Vertreter mehr Kleinbürgerfantasien befeuern würde, setzte sich auch 2011 wie einer der Mächtigen in Szene.

Die Causa Wulff
Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das Büro mit Mitarbeitern geht.Weitere Bilder anzeigen
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04.03.2012 21:00Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das...

Warum muss er – privat auf Pump so klein gemacht – im Dienst am Vaterland im Berliner Schloss trotzdem auf Weißes Haus machen? Das alles wirkt seltsam angesichts der Fotos von Wulffs Walmdach in Großburgwedel, dem Biederbackstein darunter, den Freitreppen davor und dem Glacis aus tadellos gestutztem Rasen. Hoffen wir auf das neue Jahr und eine andere Inszenierung zum nächsten Weihnachtsfest!

2 Endlich angekommen

In Lateinamerika haben sie Angela Merkel gerade zur „Persönlichkeit des Jahres 2011“ gekürt. Die deutsche Kanzlerin habe die Fähigkeit „Krisen zu bewältigen und einen kühlen Kopf auch in sehr kritischen Situationen zu behalten“, fanden Zeitungsherausgeber aus elf Ländern. Tatsächlich hat die Bundeskanzlerin selbst in Deutschland zuletzt eher gute Noten für ihr Beharrungsvermögen in der Euro-Krise bekommen. Nach sechs Jahren im Amt scheint sie ihre Rolle gefunden zu haben. Europa-Partner Sarkozy wirkt meist nur noch wie „der Mann an ihrer Seite“, der zwar auf Augenhöhe mit ihr in die Kameras lächeln darf (was Gernegroß Sarkozy an sich ja schon viel bedeutet), hinter verschlossenen Türen aber nicht mehr viel zu sagen hat. Berlusconi ist Geschichte, Cameron geht eigene Wege, die anderen Partner haben sich der deutschen Führung mehr oder weniger widerwillig angeschlossen – die stets wiederkehrenden Karikaturen von Merkel wahlweise im Domina- oder Nazikostüm dürften auch Polen und Briten nur noch langweilen. In Deutschland wird über das Äußere der Kanzlerin ohnehin nicht mehr gesprochen. Auch in dieser Hinsicht scheint ihr Stil endgültig akzeptiert zu sein: schlichte Anzüge, gelegentlich eine neue Blazerfarbe, 2011 kam schokobraun hinzu, dann und wann eine neue Kette oder Handtasche. Ihre aktuelle, orangefarbene Tasche trägt die Kanzlerin mit dem ihr eigenen Humor. Und ob es Zufall war, dass sie ausgerechnet beim Empfang mit den deutschen Bischöfen am Vorabend des Papstbesuchs eine kardinalrote Jacke trug? Kleiderfragen sind Machtfragen, das weiß sie sehr genau. Vorbei sind allerdings die Zeiten, da Merkel bei den Bayreuther Festspielen selbstbewusst mit Mann und Federboa auftrat oder gar im tief dekolletierten Kleid wie 2008 in der Osloer Oper. Seit der Bayreuther Schweißfleck-Affäre, ebenfalls 2008, gilt auch hier: keine Experimente. Dabei könnte sie sich das längst wieder leisten.

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