PR-Katastrophe für Shell : Der Öl-Konzern wollte Werbung - und bekam ein Desaster

Wochenlang bereiten sich die Umweltaktivisten auf diesen Moment vor. Sie wollen in Berlin eine Veranstaltung des Shell-Konzerns stören und haben dafür extra eine Maschine konstruiert, eine Wundermaschine, sagen sie. Über einen bösen Plan, der einer guten Sache dienen soll.

von
Pumpwerk. Beim Science Slam des Shell-Konzerns im Tempodrom inszenieren Umweltschützer überraschend eine Katastrophe.
Pumpwerk. Beim Science Slam des Shell-Konzerns im Tempodrom inszenieren Umweltschützer überraschend eine Katastrophe.Foto: Björn Kietzmann

Es gibt diese Momente im Leben, da weiß man: Jetzt hat man verloren, jetzt geht nichts mehr. Als der Mann aus der Shell-Presseabteilung diesen Moment erlebt, sitzt er einfach nur da und schweigt. Und kratzt sich am Kinn. Zwischen seinen Füßen wird das dritte Bier langsam schal, bis eben war es noch ziemlich locker zugegangen. Die Kollegin von der PR-Agentur neben ihm hat sich aus dem Staub gemacht. Es wird ein langer Moment für den Pressesprecher. Dann springt er auf, läuft zum Tontechniker und macht eine eindeutige Geste: Ob dem Kerl auf der Bühne jetzt bitte endlich mal das Mikrofon abgedreht werden könne? Aber es ist zu spät.

Bis eben stand auf der Bühne auch noch eine seltsam aussehende Maschine. Aus der haben sich gerade etwa 60 Liter einer schwarzen, ölartigen Flüssigkeit in den Saal ergossen. Wie aus einem Leck spritzte sie heraus. Die Maschine ist jetzt verschwunden. Aber der Kerl ist immer noch da, platscht durch schwarze Pfützen und ruft zu zivilem Ungehorsam gegen den Erdölkonzern auf. Das Publikum jubelt, doch der Pressesprecher, wie gesagt, will das alles nicht mehr. Es ist kurz vor halb zehn am vergangenen Mittwochabend im Berliner Tempodrom. Die Anderen haben gewonnen.

Vier Wochen zuvor öffnet eine Mitarbeiterin der PR-Agentur Burson-Marsteller eine Email. Darin bewirbt sich ein junger Mann mit dem Namen Paul von Ribbeck für die Teilnahme am „Shell Science Slam“. Sie antwortet: „Lieber Paul, vielen Dank für deine Bewerbung. Wir melden uns im Laufe der Woche, spätestens Anfang nächster Woche, bei dir! Gruß, S.“

Bei einem Science Slam treten Nachwuchswissenschaftler vor Publikum und einer Fachjury gegeneinander an und präsentieren ihre Forschungsergebnisse unterhaltsam und in wenigen Minuten. Auch der Ölkonzern Shell bedient sich dieses Ideen-Wettkampfs. Gesucht werden Wissenschaftler mit „Ideen für die Zukunft der Energie“, schreibt Shell auf seiner Internetseite. Das Unternehmen will einen Kontrapunkt setzen zum weit verbreiteten Image des Umweltverschmutzers – „Greenwashing“ wird diese Methode von Kritikern genannt.

„Lieber Herr von Ribbeck“, meldet sich als nächstes der für den Ablauf der Veranstaltung verantwortliche „Regisseur“. Er bittet um ein Gespräch. „Wir würden über Ihre Präsentation sprechen, ich denke das dauert 10-20 Minuten.“

Paul von Ribbeck hat in seiner Bewerbung eine sensationelle Erfindung vorgestellt: ein Auto, das die Umwelt nicht mehr verpestet, sondern reinigt. Und er hat ein Video mitgeschickt. Darin erklärt er, dass seine Maschine das Kohlendioxid der Autoabgase in einer Art Batterie speichert. Die wiederum lasse sich an Tankstellen reinigen, das Kohlendioxid anschließend industriell weiterverwenden. Er erstellt eine Powerpoint-Präsentation und wirbt dafür, die gespeicherten Abgase als Kohlensäure für Cola oder Mineralwasser zu nutzen. Und weil Umweltschutz ein wichtiges Thema ist, hat er auch einen Namen für seine Erfindung: „Das 5000-BS-Auto“. BS steht für Baumstärke. Seine Maschine soll so viel Kohlendioxid filtern wie 5000 Bäume.

Noch mal: Da kommt ein junger Mann aus adligem Haus und schlägt vor, mit Autoabgasen Mineralwasser herzustellen.

Paul von Ribbeck heißt eigentlich Jean Peters, ein Polit-Guerillero, Spezialgebiet: Rollentausch. Hinter ihm steht das anarchistisch angehauchte „Peng! Kollektiv“.

Drei Tage später kommt die Einladung. Paul von Ribbeck ist dabei. Nun denn, sagen sich die Aktivisten.

An einem Freitagnachmittag steht ein junger Ingenieur, nennen wir ihn Max, im Baumarkt und sucht Schrauben. Wenn Aktivisten in Berlin ein technisches Problem haben und verschwiegen genug sind, dann haben sie vielleicht auch die Handynummer von Max. Man kann ihn treffen, er hört sich die Pläne an und fängt dann an zu bauen. Er hat Feuerlöscher schon zu Graffitisprühdosen umfunktioniert oder bastelt Rohre, mit denen sich Anti-Castor-Demonstranten an Gleisen festketten könnten. Und die 5000-BS-Maschine.

Für die sucht er jetzt billige Schrauben, die aber stark genug sind, einen etwa 60 Kilogramm schweren Kanister zu halten. Sie kosten 84 Cent, die komplette Maschine am Ende 400 Euro. Sie besteht im Wesentlichen aus einem Tank und einer Pumpe, verbaut in einer Metallkiste, aus der ein paar Schläuche und ein Erlenmeyerkolben ragen. Unter der Kiste steht ein Generator, dessen Abgase angeblich in der Maschine gereinigt werden, eine Leihgabe aus einer befreundeten WG. Außerdem ein Notausknopf, der zu nichts taugt, außer dass er einen guten Eindruck macht. Streng genommen geht es nur um den guten Eindruck.

31 Kommentare

Neuester Kommentar