Präsidentin Gundula Roßbach : Rentenversicherung erstmals in Frauenhand

Mit Gundula Roßbach steht erstmals eine Frau an der Spitze der Deutschen Rentenversicherung. Die 52-Jährige hat Verantwortung für einen Etat von 280 Milliarden Euro - und in ihrem Amt noch so einiges vor.

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Gundula Roßbach, die neue Rentenpräsidentin.
Gundula Roßbach, die neue Rentenpräsidentin.Foto: Promo

Als Gundula Roßbach vor 30 Jahren im Rathaus ihres Heimatstädtchens Kreuztal als Verwaltungsinspektorin begann, hätte sie sich eine solche Karriere kaum träumen lassen. 30.000 Einwohner, kleine Welt im Siegerland.

Seit Anfang des Jahres steht die mittlerweile 52-Jährige in Berlin an der Spitze der Deutschen Rentenversicherung, die doppelt so viele Mitarbeiter und einen Etat von 280 Milliarden Euro hat. Vor allem aber: Sie ist die erste Frau auf diesem Posten. Die Riesenbehörde hat nach 127 Jahren erstmals eine Präsidentin.

Ein anderer Führungsstil

Wer ihre Vorgänger und das Ambiente der Gebäudetrakte am Fehrbelliner Platz kennt, ahnt den Kulturschock, den die Personalie für die Behörde bedeutet. Als Frau habe sie womöglich schon einen eigenen Blickwinkel, sagt die neue Chefin. Und „vielleicht auch einen anderen Führungsstil“. Nach Worten dafür muss sie nicht lange suchen. „Partizipativ. Wertschätzend. Vertrauensvoll.“ Gleichzeitig versucht sie, das Besondere ihrer Ernennung herunterzuspielen. Der Anteil weiblicher Beschäftigter in der Rentenversicherung liege schließlich bei fast 70 Prozent. Seit 15 Jahren habe man ein Forum für weibliche Führungskräfte. Und im Direktorium sitze sie nun auch schon seit fast drei Jahren.

Roßbach trägt Kurzhaarfrisur und eine randlose Brille, sie wirkt fröhlich, aufgeweckt, tatendurstig. Es ist ihr erstes Treffen als Präsidentin mit einem Medienvertreter. Und natürlich will der wissen, wie man als Frau, als erste noch dazu, in eine solche Spitzenposition gelangt.

Den Job von der Pike auf gelernt

Dazu so viel: Die Präsidentin hat ihren Job von der Pike auf gelernt. Ihre erste Station in der Rentenversicherung, der damaligen Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA), war die Grundsatzabteilung. Dort hatte sich die studierte Juristin gleich mit einem Thema herumzuschlagen, das bis heute nicht an Brisanz verloren hat: der Scheinselbstständigkeit und wie man sie in der Sozialversicherung von echter Selbstständigkeit abgrenzt.

Es folgten Stationen als persönliche Referentin des Präsidenten, als Vize der Zentralen Zulagenstelle für Altersvermögen, als Abteilungsleiterin des Prüfdienstes. Dann wechselte Roßbach zur Rentenversicherung Berlin-Brandenburg, war dort drei Jahre auf dem Vizeposten, seit 2009 Geschäftsführerin und Erste Direktorin. Und mit dem Sprung ins dreiköpfige Direktorium der Rentenversicherung Bund zeichnete sich endgültig ab, dass da eine auch für den obersten Job bereitsteht. Zumal die Präsidenten-Institution Herbert Rische nach 23 Jahren auch mal in den Ruhestand musste und sein Nachfolger Axel Reimann aus Altersgründen von Anfang an nur eine Übergangslösung war.

Idealer Zeitpunkt für den Aufstieg

Dabei hat die Wahl-Potsdamerin auch anderweitig Glück gehabt: Einen besseren Zeitpunkt für ihren Start als Präsidentin konnte sie kaum erwischen. Selten zuvor ging es der gesetzlichen Rentenversicherung so gut wie momentan. Die Reformen vom Anfang des Jahrtausends greifen, die Zahl der Sozialversicherungspflichtigen und damit der Einzahler ist auf einem Höchststand. Und mit der scheinbaren Überlegenheit der privaten Absicherung über das Umlageverfahren ist es in Zeiten der Nullzinspolitik auch vorbei.

Die Knochenarbeit mit der ausgeweiteten Mütterrente – binnen eines halben Jahres waren 9,5 Millionen Rentenkonten umzustellen – wurde ebenfalls noch unter Roßbachs Vorgänger bewältigt. Was die Neue jetzt auf dem Tisch hat, ist aber auch nicht ohne. Durch die Einigung der Koalition auf eine sogenannte Flexirente sind Beitragsansprüche und Zuverdienstregelungen umzusetzen. Im Mai kommt der Kraftakt der Sozialwahlen. Bis 2020 soll die Behörde komplett durchdigitalisiert und die letzte Papierakte verschwunden sein.

Zudem gilt es, neue Kompetenzen für Gesundheitsprävention zu nutzen, besonders in kleineren Firmen aktiv zu werden. „Wir wollen unseren Beitrag leisten, dass die Menschen auch tatsächlich länger arbeiten können“, sagt Roßbach.

Wie politisch darf eine Rentenpräsidentin sein?

Und dann die ganze Reformdebatte. Wie politisch darf eine Rentenpräsidentin sein? Wie laut und wie scharf darf sie werden, wenn was aus Behördensicht aufs falsche Gleis zu geraten droht? Der selbstbewusste Rische hat mit den Sozialministern unter sich, zuletzt mit Ursula von der Leyen (CDU), bekanntlich manchen Strauß ausgefochten. „Wir sind nicht politische Entscheider, setzen Beschlüsse des Gesetzgebers aber um“, sagt die Neue. „Es gehört auch zu unseren Aufgaben, auf deren Folgen aufmerksam zu machen.“

Will heißen: Wegweisung aus Expertensicht darf nicht nur sein, sie ist notwendig. Man werde ja auch gefragt, sagt Roßbach. Von den Parteien, den Ausschüssen im Bundestag. Dabei müsse man immer wieder an die Grundprinzipien des Rentensystems erinnern.

"Gesamtgesellschaftliche Aufgaben aus Steuern finanzieren"

So lässt die neue Präsidentin wie schon ihre Vorgänger keinen Zweifel daran, dass sie die politisch gern genutzte Finanzierung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben aus Rentenbeiträgen für einen Fehler hält – ob bei der umstrittenen Mütterrente oder, jetzt schon wieder, bei der Angleichung der Ostrenten. „Ich gönne jeder Frau den zusätzlichen Entgeltpunkt“, sagt Roßbach. „Aber das muss aus Steuern finanziert werden.“

Auch aus ihrer Skepsis gegenüber einer Grund- oder Lebensleistungsrente, die sich nicht an Beitragszahlungen orientiert, macht die Behördenchefin kein Hehl. Man müsse schon „sehr intensiv darüber diskutieren“, ob man wirklich die Renten von der Arbeit abkoppeln wolle, mahnt sie. Im Übrigen seien geringe Renten nicht per se mit Altersarmut gleichzusetzen. Viele alte Menschen, insbesondere im Westen, hätten noch andere Alterseinkünfte. Dies in Studien künftig besser abzubilden, sei eine lohnende Aufgabe.

Parteibuch wäre eher hinderlich

Was den Umgang mit dem Sozialministerium betrifft, ist die Rentenpräsidentin sehr zufrieden. Das Verhältnis zu Ministerin Andrea Nahles (SPD) sei „gut und kollegial“, sagt sie. Ein Parteibuch hat Roßbach nicht. Aus ihrer Sicht wäre das für sie als Behördenchefin eher hinderlich. Letztlich sei das Rentensystem ohnehin ein Spiegelbild dessen, was in der Gesellschaft geschehe. Endgültige Reformen könne es daher nicht geben, an den Stellschrauben sei immer weiterzuarbeiten.

Die Stellschrauben der Rentenbehörde jedenfalls sind inzwischen ziemlich augenfällig in zwei Richtungen justiert: Verweiblichung und Verjüngung. Roßbachs Nachfolge im Direktorium hat erneut eine Frau angetreten: Brigitte Gross, 54, bis dato Leiterin der Reha-Abteilung. Und zum Jahresende vervollständigt mit Stephan Fasshauer, dem bisherigen Chef der Rentenkassen Berlin-Brandenburg, ein dann gerade erst 44-Jähriger das Trio.

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