Präsidentschaftskandidat : Joachim Gauck: Der Wortbürger

20.02.2012 21:28 UhrVon Antje Sirleschtov
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  • Für die "Bild"-Zeitung ist die Wahl schon am Rosenmontag gelaufen. - Foto: dapd

Die Erwartungen sind riesengroß. Ein Versöhner soll Joachim Gauck sein: zwischen Staat und Menschen, Oben und Unten, zwischen Links und Rechts. Natürlich wird er all das kaum einlösen, aber er kann etwas ganz Besonderes in die Waagschale werfen - sein eigenes Leben.

Als der Kandidat schließlich selbst zu Wort kommt, es ist weit nach neun Uhr abends an diesem Sonntag, muss er sich erst einmal räuspern, und es sieht für einen Augenblick danach aus, als wolle er sie schützend abwehren, diese gewaltige Welle des Lobes und der Preisungen, die da gerade von ganz oben über ihn geschwappt ist.

„Historisch“, nennt Grünen-Chefin Claudia Roth mit jubelnder Stimme den Tag und hat dabei den Gipfel der abendlichen Würdigungen noch einmal erreicht.

Einen „wahren Demokratielehrer“ sieht die Bundeskanzlerin in ihm. Einen, der „wichtige Impulse“ für die Globalisierung, die Lösung der Schuldenkrise und Europa geben wird. Und Sigmar Gabriel lobt überschwänglich einen Bürgerrechtler aus der DDR, der das Zeug habe, „die Kluft zwischen den Bürgern und der politischen Klasse“ zu schließen.

So viele Erwartungen, so große Hoffnungen. Bundespräsident soll Joachim Gauck werden, Staatsoberhaupt der Republik. Der erste Ostdeutsche in diesem höchsten Amt. Der Erste, den (fast) alle politischen Kräfte wollen. Noch ganze vier Wochen werden vergehen bis zu seiner Wahl. Und doch scheint Gauck schon im Moment seiner Nominierung zu etwas viel Größerem berufen zu sein: Wegweiser im Dickicht der Realität, Versöhner zwischen Staat und Bürgern, im Kampf der Kulturen, in der Schlacht von Oben und Unten, Rechts und Links. Ein „linker Bürgerlicher“, sei er, sagen die einen, ein „Freiheitskämpfer“ die anderen. „Historisch“, das war am Sonntag. Nun werden sie bald ein Transparent über der Pforte von Schloss Bellevue anbringen. „Wir sind Gauck“, wird darauf geschrieben stehen.

Er wird all diese Erwartungen natürlich nicht einlösen können. „Bin nicht Supermann und auch nicht fehlerlos.“ Er ahnt, was auf ihn zukommt, wenn er am 18. März vor dem Bundestag den Amtseid geleistet hat, wie es das Grundgesetz vorsieht: Er wird Hände schütteln, auf roten Teppichen gehen, im Ausland in Kameras lächeln und Gesetze unterschreiben müssen. Das Amt des Bundespräsidenten ist keines, in dem man Schulden abbaut, Renten erhöht und schon gar nicht eines, das seinem Inhaber die Macht zur Rettung Europas verleiht.

Und doch kann dieser Mann etwas in das Amt mitbringen, das all die reale Machtlosigkeit vergessen machen kann: das Wort. Und sein eigenes Leben. Es ist nicht geradlinig verlaufen in den letzten 72 Jahren, es war voller Brüche, voller Herausforderungen und dabei doch auch so ganz normal. Er hat etwas erlebt, er hat etwas gelernt. Und er hat den Mut, davon zu erzählen. Vier Kinder hat Gauck mit seiner ersten Frau großgezogen. Er hat sie wachsen, er hat sie weinen sehen, er hat mit ihnen Fußball gespielt. Und dann hat er am Zug gestanden in Rostock, 1987, als die ersten von ihnen sich entschlossen, der Familie, also ihm, dem Vater, und seiner Heimat, der DDR, den Rücken zu kehren. Sie waren noch keine dreißig damals, seine Söhne, und es hätte ein Abschied für immer werden können. Der Vater hat seine Kinder trotzdem nicht zurückgehalten.

Er ist geblieben, freiwillig. In dem Land, von dem er später im Rückblick sagen wird, es habe dort keine Bürger gegeben, sondern nur „Insassen“. 16 Millionen Insassen in einem Gefängnis, „festgehalten und eingeschlossen“. So schreibt es der künftige Präsident aller Deutschen in einem kleinen weißen Büchlein, das jetzt in den Buchläden liegt. „Freiheit“ steht darauf, 20 mal 15 Zentimeter misst es, nur 62 Seiten. Festgehalten und eingeschlossen „wie in einer Krankenanstalt“? Das sagt Gauck 22 Jahre nach dem Fall der Mauer allen Ostdeutschen. Denen, die bis zum Schluss an den Weg zur besseren, weil nichtkapitalistischen Gesellschaft geglaubt haben. Denen, die zu schwach waren für den Widerstand, die ihr Leben, ihr einziges, einfach nur leben wollten. Und natürlich auch denen da draußen im Westen, vor den Gittern der Anstalt: Verzicht auf Gewalt, schreibt Gauck in dem Büchlein, „kann auch bedeuten, Aggressoren den Weg zu ebnen, ihren Terror zu dulden“. Was für Sprengstoff in diesen Worten. Für die Ostdeutschen, für die Westdeutschen, aber auch für die Gesamtdeutschen. Am 18. März wird gewählt. Und man darf sicher sein: Über das weiße Büchlein der „Freiheit“ wird noch zu sprechen sein, wenn aus dem Insassen Gauck in knapp vier Wochen das Oberhaupt des Staats geworden sein wird.

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