Presseschau : Deutsche Presse zerreißt Wulffs „Puppentheater“

Das Amt sei "blamiert", sein Gehabe ein reines "Puppentheater": Bundespräsident Christian Wulff stößt mit seinem TV-Interview in der Presse auf heftige Kritik: Die Zeitungen stellen klar, die Affäre sei damit nicht beendet.

Maxim Kireev
"Ich bin klein, mein Herz ist rein." - Das sieht die Presse anders.
"Ich bin klein, mein Herz ist rein." - Das sieht die Presse anders.Foto: dapd

Der Spiegel bezeichnet den gestrigen TV-Auftritt von Bundespräsident Christian Wulff als dreist, aber auch geschickt. Er habe versucht, sich ein wenig reumütig zu zeigen und sich als Opfer einer Kampagne zu stilisieren. „Gut möglich, dass er damit durchkommt“, so das Blatt. Trotzdem muss Wulff viel Kritik einstecken. Er habe demnach lediglich versucht Transparenz, Offenheit und Ehrlichkeit zu simulieren. „Das ist nicht einmal Staatsschauspiel, das ist Osnabrücker Puppentheater“, schreibt das Magazin weiter. Der Bundespräsident habe mit seinem Auftritt das Fernsehvolk für sich mobilisieren wollen.

An wirklicher Offenheit sei er nicht interessiert. Es sei klar, dass er die Affäre aussitzen wolle. Dies könne ihm sogar gelingen, denn momentan seien Merkel und Co. nicht an einer Neuwahl der Präsidenten interessiert. „Es liegen fade, mittelmäßige Jahre vor ihm - und vor uns“, so das Fazit des Spiegels.

Auch die Financial Times Deutschland findet keine echte Reue und Einsicht in Wulffs Interview. „Ich bin klein, mein Herz ist rein“, fasst das Blatt seine Botschaft zusammen. Er habe sich als Opfer dargestellt und trotz einer Entschuldigung für den Anruf bei der Bild-Zeitung behauptet, er habe nichts Unrechtes getan. Dies offenbare, dass der Präsident nicht verstanden habe, worum es seit knapp vier Wochen gehe. Zu seiner Verteidigung habe Wulff die Guttenberg-Taktik gewählt: Die böse Hauptstadtpresse jage den Liebling des Volkes. „Das darf man Wulff nicht durchgehen lassen“, fordert das Blatt. Natürlich dürfe der Bundespräsident Fehler machen, sich aber hinter dem Rücken des Volkes zu verstecken, sei eines Bundespräsidenten unwürdig. Die Affäre sei mit dem Fernsehinterview jedenfalls nicht vorbei.

Die Süddeutsche Zeitung hat Mitleid mit Christian Wulff, der sich in seinen Widersprüchen verwickelt habe. In seiner Schwäche halte er sich am Amt fest, weil es ihm Halt gebe, den er sonst nicht habe. Es wäre verständlich und richtig, wenn er den Weg zum Rücktritt gefunden hätte. Zwar seien auch die vorherigen Bundespräsidenten keine Heiligen gewesen, und gewiss sei Wulff auch ein Opfer einer neuen Mediengesellschaft, deren „Gebläse“ viel größer sei als vor 30 oder 40 Jahren. Vor allem sei Wulff jedoch das Opfer seiner selbst, indem er versucht habe zu vertuschen, und sich mit falschen Freunden wie der Bild-Zeitung umgeben habe. Das Amt des Bundespräsidenten sei nun „bemakelt und blamiert“.

Die Welt glaubt, dass sich viele von Wulffs Satz, er wolle nicht Präsident eines Landes sein, in dem man sich von Freunden kein Geld leihen könne, „verarscht fühlen“. Dann solle er sich entscheiden, was ihm wichtiger sei: „Präsident sein oder sich Geld zu extrem günstigen Bedingungen von Freunden leihen, die ihrerseits ihr Geld unter teilweise dubiosen Bedingungen gemacht haben“. Auch wenn der Bundespräsident im Vergleich zu manchem Konzernchef unterbezahlt sei, so sei er trotzdem nicht auf Gefälligkeiten angewiesen. Außerdem werde er auch mit der Möglichkeit entlohnt, eine Person der Zeitgeschichte zu werden. Das sei viel mehr als ein geldwerter Vorteil, und dafür müsse Wulff eben auf Einiges verzichten. (Quelle: Handelsblatt)

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