Protestwelle in Istanbul : Schulter an Schulter

Fünf junge Frauen, die für viele stehen: Sie wollen eine andere Türkei, erleben sehr viel Gewalt – und sehr viel Solidarität.

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Die Frau in Rot wurde zur Ikone des Widerstands:
Die Frau in Rot wurde zur Ikone des Widerstands:Foto: REUTERS

Die Soziologiedozentin Bihter Somersan wollte am Freitag, 31. Mai, ihr Seminar über „Soziale Bewegungen“ beenden. Die Themen: Außerparlamentarische Opposition, Feminismus, Arabischer Frühling, doch einige Studenten erscheinen nicht, weil sie in den Gezi-Park gegangen sind, wo in der Nacht Umweltschützer von der Polizei mit Gas und Wasserwerfern vertrieben wurden. Die meisten Studenten schicken sich über Facebook Nachrichten und Bilder massiver Polizeieinsätze, die türkischen Medien berichten nichts. Am folgenden Wochenende weiten sich die Aktionen im Gezi- Park zu einem landesweiten Protest gegen den Regierungschef Tayyip Erdogan aus. Bihter Somersan gehört zu einer der ersten, die Samstagmorgen über die Bosporusbrücke zu Tausenden nach Besiktas marschieren, wo sie von der Polizei mit Wasserwerfern und Gas zurückgedrängt werden. Elif Fide, Medizinstudentin der Capa Universität behandelt an diesem Tag Verletzte in der Dolmabahce Valide Sultan Moschee, die von Einheiten der Polizei angegriffen wird. Auch mehrere Universitäten lassen verwundete Demonstranten von freiwilligen Ärzten in ihren Seminarräumen behandeln. E. Y., 22, Studentin der Bahcesehir-Universität, darf das Haus ihrer Eltern in Besiktas nicht verlassen und sieht vom Balkon aus, was passiert. Cansu Sizgen zieht mit Freundinnen zum Taksim-Platz und wird von den „Sicherheitskräften“, wie sie Erdogan nennt, bis zum Dolmabahce-Schloss getrieben. Am Montag, 3. Juni, versuchen Polizeitrupps in das Gebäude der Bahcesehir-Universität einzudringen und werfen Gasgranaten durch die Fenster. Eine Kunststudentin, die anonym bleiben will, wird einen Tag später im Park gegen der Technischen Universität von Polizisten geschlagen und sexuell misshandelt.

Die Texte der Studenten wurden von Moritz Rinke aufgezeichnet und von Bihter Somersan übersetzt.

Bihter Somersan, 37, Soziologie-Dozentin an der Bahcesehir-Universität

Vergangene Woche Samstag in Istanbul, mitten in der Nacht. Gerade als wir uns auf den Weg nach Taksim zum Gezi-Park machen wollen, kommt über Facebook und Twitter die Nachricht, dass sich Menschen in Kadiköy am Stier auf der asiatischen Seite der Stadt versammeln.

Ceyda Sungur ging wie viele andere am 28. Mai 2013
Ceyda Sungur ging wie viele andere am 28. Mai 2013Foto: REUTERS

Nachts um 1 Uhr sind wir da. Am Anfang sind es nur um die hundert, dann kommen von der Bagdat- Straße und von Kadiköy aus Tausende von Menschen. Wir können nicht glauben, dass so viele Menschen auf einmal versammelt sind. Menschen in Fußballtrikots, Studenten, Schüler, Musiker, die ihr Konzert abgesagt haben und gekommen sind. Dichter, Anwälte, Sozialisten. Neben uns ältere Ehepaare, Arbeiter, Fischer, Geschäftsleute, Kinder, Frauen mit Kopftüchern, Transvestiten, Kurden, Christen, Linke, alles durcheinander. Wir laufen zur Bagdat Caddesi, alle schreien aus einem Mund: „Schulter an Schulter gegen Faschismus!“

Aus allen Fenstern der Häuser entlang Kadiköy und der Badgat Straße schwenken Menschen die türkische Flagge, schlagen auf Töpfe und rufen: „Wir sind mit euch!“ Keine Polizei um uns herum. Nachdem wir die Bagdat Cad erreicht haben, marschieren wir zurück nach Kiziltoprak, wo es zur Autobahn auf die Brücke geht. Plötzlich gibt es eine kleine Zweiteilung. Es wird diskutiert, ob man nun über die Brücke nach Taksim geht oder nach Kadiköy. Da merken wir, dass nichts organisiert ist, alles ist ad hoc. Einige laufen nach Kadiköy weiter, die Mehrzahl aber auf die Brücke.

Es ist ein langer Weg, viele haben kein Wasser mit und sind erschöpft, aber keiner denkt daran, zurückzukehren. Wir haben alle zu lange geschwiegen! Morgens um 7 Uhr singen wir auf der Bosporusbrücke, „Ciao bella“ und „Tayyip tritt zurück!“ oder „Überall ist Gezi, überall ist Widerstand!“

Wir sind mehr als 20 Kilometer gelaufen. Es waren wohl die bedeutendsten zwanzig Kilometer in unseren Leben. Alle Autos, die an uns vorbeifahren, sind auf der Gegenfahrbahn nach Asien, sie hupen, winken, sie halten an und rufen mit. Die Bosporus-Brücke ist nun eine Brücke in die Demokratie.

Wir wundern uns, dass bislang weit und breit nicht mal ein Streifenwagen zu sehen ist, die normalerweise immer auf der Durchfahrt zur Brücke stehen. Wir versperren die ganze Brücke, es bildet sich ein gigantischer Konvoi, aus den Autofenstern heraus dröhnt rhythmisches Gehupe und Klatschen. Wir wissen, dass wir längst Zivilpolizisten unter uns haben. Auf einmal stehen diese Männer ganz vorne, versuchen die Menschen zu stoppen und zu organisieren und fragen: „Wollt ihr über Besiktas nach Taksim oder über Mecidikeköy?“ Wir antworten: „Über Besiktas, Herr Kommissar. Werden uns ihre Kollegen erwarten?“ Sie lächeln.

Gegen 8 Uhr sind wir auf dem Barbaros Boulevard in Besiktas. Polizei und Panzer stehen tatsächlich in all ihrer Macht vor uns. Wir schreien noch lauter wie aus einem Hals: „Überall ist Gezi, überall ist Widerstand.“ Dann schießt die Polizei unangekündigt ihre Gasbomben auf uns. Viele von uns werden getroffen und verletzt. Ich kann niemandem helfen, ich sehe nichts mehr. Ein anderer Freund wird von einem Wasserwerfer gegen eine Wand geworfen. Wir fliehen in die Seitenstraßen von Besiktas. Überall ist Gas. Wir laufen zu Ismail, einem Freund und Arzt, in die Wohnung.

Um 12 Uhr mittags gehen wir gemeinsam mit Ismail und seiner Tochter Deniz wieder nach Besiktas. Wieder haben sich Menschen versammelt, aus vorbeifahrenden Autos werden Flaggen herausgestreckt, Rufe erschallen: „Regierung zurücktreten!“

Wieder zurück auf dem Taksim feuert die Polizei mit Gaspistolen auf uns Demonstranten. Ismails Tochter hat schrecklich rote Augen. Wir fahren mit dem Schiff nach Kadiköy zurück. Und wieder: Flaggen, Menschen, die ihre Hände zur Faust ballen, Tausende, die singen und rufen, und ein Schiffskapitän, der mit seiner Schiffhupe den Rhythmus vorgibt: So eine Gemeinschaft habe ich in der Türkei noch nie erlebt.

In Besiktas stehen inzwischen Polizeipanzer vor dem Ministerpräsidentengebäude und versperren den Weg nach Taksim. Wir müssen aussteigen. Wir kaufen uns Gasmasken für drei Lira und kämpfen uns durch die Seitenstraßen von Besiktas nach Taksim. In Besiktas, hören wir, verschlechtert sich die Situation immer mehr. Der Freund einer Studentin von mir, der für die Zeitung „Hürriyet“ arbeitet, wird vom Wasserwerfer getroffen. Viele erleiden Schädelbrüche. Andere haben keine Augen mehr.

Als wir gegen 2 Uhr nachts wieder von Taksim nach Sisli laufen, nach Hause, sind immer noch Tausende von Menschen auf der Straße. Bis in den Morgen hinein rufen sie ihre Botschaft in die Welt: „Überall ist Gezi, Überall ist Widerstand!“

zum Gezi-Park in Istanbul, um gegen die Zerstörung der letzten Grünfläche der Stadt zu protestieren.
zum Gezi-Park in Istanbul, um gegen die Zerstörung der letzten Grünfläche der Stadt zu protestieren.Foto: REUTERS

Elif Fide, 24, Medizinstudentin im zehnten Semester an der Çapa, Istanbul Universität

Am Sonntag war ich als Medizinstudentin in der Dolmabahce Valide Sultan Moschee. Wir, um die 50 Ärzte und Medizinstudenten, haben versucht, den Verwundeten zu helfen. Wir haben mehr als hundert Verwundete versorgt und teilweise sogar in der Moschee operiert.

Viele hatten große Löcher im Kopf, Platzwunden am Körper und zerstörte Augen durch den direkten Aufprall von Gaspatronen. Einige Patienten waren bewusstlos vom Gas, viele erlitten Herzattacken. Die schwersten Notfälle wurden in den Autos von Bürgern, die helfen wollten, ins Krankenhaus transportiert. Offizielle Krankenwagen wurden von der Polizei an einigen Stellen nicht durchgelassen.

Gegen 3 Uhr morgens umstellt die Polizei die Moschee und wirft Gasbomben in den Garten und in den Vorhof. Wir versperren die Türen zur Moschee. Einige Leute draußen rufen, dass sie verwundet seien, aber sie haben keine Wunden: Zivilpolizisten. Sie versuchen, die Türen einzubrechen. Sie rufen: „Entweder kommt ihr raus und lasst euch verhaften oder wir kommen rein.“ Was das heißt, können wir erahnen. So werden wir Ärzte und Studenten gezwungen, die Verwundeten allein in der Moschee zurückzulassen.

Cansu Sizgen, 22, Studentin im sechsten Semester am Fachbereich Soziologie, Bahcesehir-Universität

Am Sonntag hatte ich vier Freundinnen aus der Uni bei mir. Bis wir in Gümüssuyu, das ist der steile Berg, der nach Taksim führt, angekommen sind, haben wir alles über Facebook und Youtube verfolgt. Wir haben uns in Besiktas Carsi Gasmasken, Zitronen und Essig gegen das Gas besorgt. Als wir den Berg hochlaufen, fängt alles an zu brennen: Husten, tränende Augen, Nasenlaufen.

Einige fangen an, über ihre Ängste zu reden, ich habe nur eines im Kopf: Tausende von Menschen stellen sich der Polizei entgegen und kämpfen mit den Folgen des Pfefferspray-Einsatzes, ich will es auch! Ich bin freiwillig hier.

Gümüssuyu ist voll mit Studenten. Ich habe noch nie eine Protestaktion in der Türkei miterlebt, wo so viele Studenten anwesend waren. Als wir die erste Explosion hören, rennen Hunderte von Studenten gleichzeitig weg. Der Protest in Gümüssuyu hat bis dahin drei Stunden gedauert. Die Menschen, die in den Häusern am Balkon standen, haben auf ihre Töpfe und Pfannen geschlagen. So laut, dass es lauter war als die Explosionen der Gasbomben. Doch die Polizei ist gnadenlos, sie will uns nicht zum Taksim-Platz lassen.

Dann sehen wir auf einmal wie die Panzerbusse der Polizei nach Gümüssuyu kommen. Wir beschmeißen sie mit allem, was wir in den Händen haben. In dem Augenblick bekomme ich etwas an den Kopf. Meine Freunde eilen zur Hilfe, ich kann nicht mehr sehen, es ist schwarz vor meinen Augen. Dann wieder Explosionen. Alle fliehen bergab. Ich werde fast überfahren, weil ich auf dem Bürgersteig sitze und verstecke mich in der Bushaltestelle.

Später laufen wir runter nach Dolmabahce. Helikopter fliegen nun über uns, sie haben ihre Lichtscheinwerfer auf uns gerichtet. Zwei Minuten später schreien alle: „Die Panzer kommen, barrikadiert den Weg, sie dürfen nicht durch!“ Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist eine Menge Polizisten, die vom Inonu-Stadion aus in unsere Richtung kommen.

Wir springen über die Barrieren, zum Meer hin nach Besiktas. Dann schießen zwei Lichtpatronen zwischen mir und meiner Freundin hindurch. Wir stehen am Gitter des Dolmabahce-Schlosses. Der einzige Gedanke, der mir durch den Kopf geht, ist: „Ich will nicht von diesen Typen umgebracht werden!“ Wir haben 20 bis 30 Polizisten vor uns, die ihre Pistolen auf uns gerichtet haben. Ich zittere vor Angst. Als sie aufhören zu feuern, fliehen wir Richtung Ortakoy.

Ich werde diese Angst bestimmt ein Leben lang mit mir herumtragen.

Ihr Bild wurde zum Symbol des friedlichen Widerstands
Ihr Bild wurde zum Symbol des friedlichen WiderstandsFoto: REUTERS

Eine Studentin, die ihren Namen nicht nennen möchte, 24, Kunstakademie Istanbul

Am Dienstag, 4. Juni, um 3 Uhr in der Nacht höre ich, dass die Widerständler in Gümüssuyu Wasser brauchen und gehe mit zwei Freunden Getränke holen. Auf dem Rückweg stellen wir im Park gegenüber der Technischen Universität Istanbul die Wasserkanister ab und ruhen uns gerade ein wenig aus, als zehn Minuten später plötzlich die Polizei anfängt, mit Gaspistolen auf uns zu schießen. Ich versuche, zum Universitätsgebäude zu fliehen. Ich falle. Ein Polizist schnappt mich, schlägt mit einem Stock auf mich ein und tritt mich. Alle Polizisten, die an mir vorbeilaufen, geben mir einen Tritt mit. Schließlich packt mich ein Polizist und zieht mich von der Eisentreppe herunter, schleppt mich in den Park und verprügelt mich weitere fünfzehn Minuten lang. Als ich versuche, mein T-Shirt wieder herunterzuziehen, rufen einige Polizisten: „Lass offen, lass offen, wir werden dich sowieso heute noch alle ficken.“ Ein Polizist zieht seinen Handschuh aus und fasst mit seiner bloßen Hand meine Brüste und meinen Bauch an.

Plötzlich kommt einer seiner Kollegen, reißt seinen Helm herunter und sagt: „Ich bin keiner von denen! Ich werde dir helfen.“ Er packt mich, nimmt mich in seine Arme, hilft mir aus dem Park. Dabei sagt er uns: „Bitte zieht euch zurück, sonst werden die immer brutaler.“

Er übergibt mich anderen Protestlern. Die tragen mich zur nächstgelegenen improvisiert eingerichteten Notfallstation, wo man mir hilft und mich versorgt.

E. Y., 22, Studentin der Betriebswirtschaft, Bahcesehir-Universität

Ich lebe in Besiktas. Wir können seit drei Tagen nicht mehr atmen. Ich bin 22 Jahre alt. Bisher hat es noch nie Gasbomben in Besiktas gegeben, niemals. Am dritten Tag des Widerstands kamen die Menschen von der asiatischen Seite auf die europäische, über die Brücke. Ich war mit meinem Vater und unserem Hund im Park. Viele Menschen wussten gar nicht, warum diese Menschen sich formieren. Da habe ich begriffen, dass die Menschen, die kein Twitter und Facebook benutzen, keine Ahnung haben vom Widerstand. Wir haben versucht alle zu informieren.

Am dritten Tag des Widerstandes erlauben meine Eltern mir nicht mehr, auf die Straße zu gehen, ich muss zu Hause bleiben. Ich nehme Essig und Zitrone und gehe auf den Balkon mit meinen Töpfen und Löffeln und feuere die Demonstranten an. Einigen Menschen, die in unsere Seitenstraße fliehen, mache ich die Tür auf und versuche zu helfen.

Am vierten Tag kommt nachts die Polizei nach Besiktas, um zu töten. Die Polizei, die da ist, um uns zu beschützen, beschießt uns nicht nur mit Pfefferspray, sondern mit Orange-Gas, das in Vietnam von den Amerikanern eingesetzt wurde und dass vorübergehende Lähmungen verursacht. Menschen strömen von allen Seiten in unsere Straße nach der Explosion an der Bahcesehir Universität, wir lassen sie alle ins Haus. Als ich die Tür auflasse und das Gas hereinströmt, fällt mein Hund ohnmächtig um. Das Wohnzimmer liegt voller fremder Menschen, die sich ihre Augen halten und schreien.

Aber der Widerstand geht weiter. Ich weiß das, weil ich genau da wohne, wo es nach Taksim geht. Bei mir kommen die Menschen vorbei, die den Taksim-Platz erreichen wollen. Hier kommen alle Menschen vorbei, die vor den Bomben in Besiktas fliehen, um weiter auf dem Platz der Republik zu demonstrieren. Ich bin so stolz auf diese Menschen.

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