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Provokation aus Pjöngjang : Nordkoreanische Rakete fliegt über Japan hinweg

Ein weiterer Raketentest Nordkoreas heizt den Konflikt mit Pjöngjang weiter an. Japans Regierungschef spricht von einer "beispiellosen und ernsthaften" Bedrohung, Trump hält sich diverse Optionen offen.

Ein Passant sieht sich am 29.08.2017 in Tokio, Japan, auf einem Fernseher die Berichterstattung über den Start einer nordkoreanischen ballistischen Rakete an.
Ein Passant sieht sich am 29.08.2017 in Tokio, Japan, auf einem Fernseher die Berichterstattung über den Start einer...Foto: dpa

Nordkorea hat nach seinem neuen Raketentest die Spannungen mit verbalen Attacken gegen die USA weiter verstärkt. Der UN-Botschafter des abgeschotteten Landes, Han Tae Song, warf der Regierung in Washington am Dienstag vor, die koreanische Halbinsel auf eine "extrem starke Explosion" zuzutreiben. Daher habe sein Land "jedes Recht, mit harten Gegenmaßnahmen sein Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch nehmen", sagte er auf einer Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen in Genf.

"Die USA sollten komplett die Verantwortung für die katastrophalen Konsequenzen tragen, die daraus folgen." Han sprach den neuen Raketentest nicht direkt an, verwies jedoch auf ein gemeinsames Militärmanöver der USA und Südkoreas.

Zuvor hatte der Konflikt mit Nordkorea über das Raketenprogramm des Landes eine neue Eskalationsstufe erreicht: Eine nordkoreanische Rakete überflog am Dienstag Japan und stürzte östlich der Insel Hokkaido in den Pazifik. Japans Regierungschef Shinzo Abe sprach von einer "beispiellosen und ernsthaften" Bedrohung. Der UN-Sicherheitsrat kommt am Dienstag zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen.

Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats

US-Präsident Donald Trump hält sich nach eigenen Angaben alle politischen und militärischen Antworten offen. "Alle Optionen liegen auf dem Tisch", erklärte er am Dienstag. Nordkorea habe "seine Verachtung für seine Nachbarn, für alle Mitglieder der Vereinten Nationen und für die Mindeststandards für annehmbares Verhalten" auf internationaler Ebene signalisiert. "Die Welt hat Nordkoreas jüngste Botschaft laut und deutlich empfangen."

Japans Regierungschef kündigte an, gemeinsam mit US-Präsident Donald Trump den Druck auf die international weitgehend isolierte Führung in Pjöngjang weiter zu erhöhen. Darauf habe er sich nach einem 40-minütigen Telefonat mit Trump verständigt. Der US-Präsident habe ihm versichert, "zu hundert Prozent" an der Seite Japans zu stehen.

Der Überflug der Rakete sei ein "ungeheuerlicher Akt", der Frieden und Sicherheit in der Region großen Schaden zufüge, sagte Abe. Japan werde "alle Schritte" unternehmen, um seine Bevölkerung zu schützen. Diplomaten zufolge soll der UN-Sicherheitsrat am Dienstagnachmittag in New York auf Antrag Japans und der USA zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen.

Der Regierung in Tokio zufolge stürzte die Rakete rund 1180 Kilometer östlich der zweitgrößten japanischen Insel Hokkaido ins Meer. Das südkoreanische Militär teilte mit, die Rakete sei von Sunan nahe der Hauptstadt Pjöngjang aus abgefeuert worden. Das Geschoss habe eine Strecke von 2700 Kilometern zurückgelegt und eine maximale Höhe von rund 550 Kilometern erreicht.

Internationale Kritik

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel forderte eine „rigorose“ Umsetzung der beschlossenen Wirtschaftssanktionen gegen das ostasiatische Land gefordert. Er sei bestürzt, „in welch brachialer Weise“ Nordkorea Resolutionen des UN-Sicherheitsrates und „damit geltendes Völkerrecht verletzt und Sicherheit und Frieden der Menschen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft schonungslos aufs Spiel setzt“, sagte der SPD-Politiker am Dienstag bei seinem Besuch in Washington. Er unterstütze nachdrücklich eine Initiative zur Einberufung einer Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats, betonte Gabriel. Nordkorea müsse zu einer Rückkehr zu Gesprächen über sein Atom- und Raketenprogramm bewegt werden.

Die Lage habe die "Tendenz zur Eskalation", sagte der russische Vize-Außenminister Sergej Riabkow laut der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Novosti. "Wir sind extrem besorgt über die allgemeine Entwicklung". Die jüngsten Militärübungen Südkoreas und der USA in der Region hätten eine Rolle dabei gespielt, Pjöngjang zu einem neuen Abschuss einer Rakete zu veranlassen. Die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, Hua Chunying, rief die Konfliktparteien zur Zurückhaltung auf. Peking trete weiter für Friedensgespräche ein. "Druck und Sanktionen" gegen Pjöngjang könnten den Konflikt "nicht grundlegend lösen". Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini verurteilte den Raketenabschuss als Verletzung mehrerer Resolutionen des UN-Sicherheitsrats. Sie sagte Japan und dem japanischen Volk "angesichts dieser direkten Bedrohung" die "vollständige Unterstützung" der Europäischen Union zu. Sie rief Pjöngjang auf, sich "jeder neuen Provokation zu enthalten".

Einwohner im Norden wurden aufgefordert, Schutz zu suchen

Japan hatte in der Vergangenheit angekündigt, nordkoreanische Raketen abzuschießen, die eine Bedrohung japanischen Territoriums darstellten. Bei dem rund zweiminütigen Überflug der Rakete am Dienstag sei die Armee jedoch zu der Einschätzung gekommen, dass keine Gefahr für japanisches Gebiet bestehe, sagte Verteidigungsminister Itsunori Onodera.

Ungeachtet dessen wurden im Norden Japans am frühen Morgen zahlreiche Einwohner von der Regierung über Textnachrichten aufgefordert, Schutz zu suchen. Zugpassagiere wurden angewiesen, sich in Bahnhöfen in Sicherheit zu bringen.

Zuletzt hatte eine nordkoreanische Rakete im Jahr 2009 Japan überquert. Pjöngjang zufolge handelte es sich damals um einen Satellitenstart. Die USA, Japan und Nordkorea vermuteten hingegen einen Test einer Interkontinentalrakete.

Der Konflikt über Nordkoreas Raketenprogramm hatte sich deutlich zugespitzt, nachdem Pjöngjang im Juli zwei Interkontinentalraketen testete, die womöglich auch Ziele auf dem US-Festland erreichen könnten. Der UN-Sicherheitsrat beschloss daraufhin schärfere Sanktionen gegen das Land.

Nordkorea drohte zudem Anfang August damit, Raketen in Richtung der Pazifikinsel Guam abzufeuern, auf der die USA mehrere Militärstützpunkte unterhalten. Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump Pjöngjang mit "Feuer und Wut" indirekt einen Atomwaffeneinsatz angedroht. Die Pazifikinsel Guam liegt rund 3500 Kilometer von Nordkorea entfernt. Eine Richtung Guam abgefeuerte Rakete müsste ebenfalls Japan überqueren. Die am Dienstag von Nordkorea gestartete Rakete schlug jedoch nicht die Richtung der Pazifikinsel ein. (AFP, Reuters)

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