Prozess gegen Dschihadist : Einmal Terrorcamp und zurück

Ein Dschihadist vor Gericht: Der Deutsch-Ungar Thomas U. reiste mit seiner Frau ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet und ließ sich für den Heiligen Krieg ausbilden. Dort machte er schlimme Erfahrungen - und wollte wieder zurück nach Deutschland.

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Der wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrorgruppe angeklagte Thomas U. vor Beginn des Prozesses im Landericht Berlin.
Der wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrorgruppe angeklagte Thomas U. vor Beginn des Prozesses im Landericht Berlin.Foto: dapd

Er hat für ein absurdes Abenteuer beinahe sein Leben geopfert. Thomas U., 27 Jahre alt, gebürtiger Ungar aus Berlin, ist in den Dschihad gezogen, hat die pakistanische Terrorhochburg Wasiristan erlebt und viel Zeit in der Türkei in Haft verbracht. Jetzt ist er vermutlich sogar froh, in Berlin im sicheren, hygienischen Kriminalgericht Moabit auf der Anklagebank zu sitzen. „Es war schwer, einzusehen, dass ich mich komplett geirrt habe“, hat U. Anfang September dem 1. Strafsenat des Kammergerichts bei einer Haftprüfung gesagt.

Das gesamte Geständnis, ein knapp 80-seitiges Protokoll, haben die Richter am Mittwoch bei Beginn des Prozesses gegen Thomas U. verlesen. Es kündet vom Wahn der Dschihadisten – und es ist die Geschichte eines Irrtums, der tödlich hätte enden können.

Der kräftige Mann mit dem kurz geschorenen Schädel und dem dünnen Vollbart hört aufmerksam zu, als erst Bundesanwalt Volker Brinkmann die Anklage vorträgt und dann die Richter das Protokoll einführen. Brinkmann wirft U. vor, er sei von Dezember 2009 bis Juli 2010 im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet Mitglied der Terrorgruppe „Deutsche Taliban Mudschahedin (DTM)“ gewesen.

Die DTM war eine Splittergruppe deutschstämmiger Dschihadisten, einige kamen wie U. aus Berlin. Außerdem habe der Angeklagte, sagt der Bundesanwalt, eine „schwere, staatsgefährdende Gewalttat“ vorbereitet, als er sich in Wasiristan im Umgang mit Schusswaffen und Sprengstoff ausbilden ließ. Thomas U. hat fast alles zugegeben, auch die Beteiligung an Hetzvideos. Er will aber nicht an Kämpfen teilgenommen haben. Laut Protokoll konvertierte U. 2008 zum Islam. Zuvor war der Deutsch-Ungar ein Mitläufer der rechtsextremen Szene. Als U. gläubig wurde, stoppte er den Konsum von Marihuana und radikalisierte sich und seine Frau.

Im Herbst 2009 reisten sie über Ungarn, die Türkei und den Iran nach Wasiristan. Dort schloss sich U. den DTM an, bei denen schon sein Freund aus der Berliner Islamistenszene, Danny R., mitmachte. Die DTM zeigten U., wie eine Kalaschnikow und eine Panzerfaust funktionieren. Und sie nannten ihn Hamza al Majaari. Al Majaari heißt „der Ungar“.

Das Ehepaar U. wurde mit einer dreckstarrenden Umgebung und reichlich Gewalt konfrontiert. Anfang 2010 beschoss die pakistanische Armee die Region, auch aus Hubschraubern. „Das war eine schlimme Erfahrung“, gab U. zu Protokoll, „ich hatte große Angst“. Er wollte nach Deutschland zurück.

Doch der Anführer der DTM, Ahmet Manavbasi, prophezeite, in einem Jahr werde Afghanistan erobert. Das Ehepaar U. blieb. Im April 2010 erschien im Internet das DTM-Video „Im Namen Allahs“, Thomas U. trat als Kämpfer auf. Mit seiner Kalaschnikow in den Händen erzählt er von einem Raketenangriff im Dezember 2009 auf ein US-Camp, „so haben wir, Inschallah, ihre vorweihnachtliche Stimmung erheblich gestört“. Heute sagt U., das sei nur Propaganda gewesen.

Dann kam der Schock. Bei einem Gefecht mit pakistanischen Soldaten starben Ende April 2010 U.’s Freund Danny R., der DTM-Anführer Manavbasi und Eric Breininger, ein Saarländer. „Der Anblick der schlimm zugerichteten Leichen hat mich bewegt“, steht im Protokoll. Jetzt wollte U. endgültig weg, zumal er sich eine Hepatitis zugezogen hatte und seine Frau schwanger war. Außerdem nervten ihn Macho-Gehabe und Drogenkonsum der Taliban. Er begriff, „Wasiristan war nicht das, was ich gesucht hatte“.

Das Ehepaar schlug sich in die Türkei durch und wurde im September 2010 am Flughafen in Istanbul festgenommen. Mehr als 20 Monate blieb U. in Auslieferungshaft, seine Frau brachte den Sohn in einem türkischen Gefängnis zur Welt. Der letzte Satz von U. in dem Protokoll lautet: „Ich bereue meinen Entschluss, Deutschland zu verlassen, ich bereue auch meine Straftaten.“

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