Psychiater analysiert Alexis Tsipras' Fernsehansprache : "Das ist typischer Populismus"

"Unter der Oberfläche werden archaische Gefühle mobilisiert": Der Berliner Psychotherapeut Doktor Mazda Adli analysiert für den Tagesspiegel die Fernsehansprache von Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras.

Mazda Adli
Alexis Tsipras spricht im Fernsehen an das griechische Volk. Foto: Reuters
Alexis Tsipras spricht im Fernsehen an das griechische Volk.Foto: Reuters

Doktor Mazda Adli ist Psychiater und Psychotherapeut und arbeitet als Chefarzt an der Fliedner-Klinik Berlin. Für den Tagesspiegel hat er sich die Fernsehansprache von Alexis Tsipras angesehen und analysiert:

Es ist bemerkenswert, wie strategisch der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras in seiner Fernsehbotschaft vorgeht. Er weiß, wie man Emotionen schürt und polarisiert. Tsipras versucht, die Gefühle einer tief verunsicherten Bevölkerung zu nutzen und die Menschen so für sich einzunehmen und zu mobilisieren.

Das beginnt bei Tsipras’ Sprache. Sie ist von geradezu antiker Beladenheit, bildstark und martialisch. Tsipras spricht wiederholt von den „Völkern Europas“. Aus der antiken Mythologie, aus der Zeit einer vordemokratischen Ordnung stammt das Thema der Rache, dass sich durch die ganze Rede zieht.Alexis Tsipras stilisiert sich zum Helden und Rächer und stellt sich dabei gleichzeitig als Verteidiger der Demokratie dar. Aber unter dieser Oberfläche werden archaische Gefühle mobilisiert.

Hinzu kommen dramatische Metaphern – etwa, wenn vom „drohenden Erstickungstod“ die Rede ist. Und dann ist da der Gegensatz zwischen „uns“ und „denen“. Zwischen der Eigengruppe, der „Ingroup“ der Griechen und der Fremdgruppe, der „Outgroup“ der EU. Das ist typischer Populismus. Der Robin Hood Tsipras wird zum listigen Retter seines Volkes.

 

Natürlich ist die griechische Bevölkerung in ihrer finanziell schwierigen Situation im Moment empfänglich für eine Emotionalisierung und Polarisierung. Das Schema von „Gut“ und „Böse“, von „wir hier“ und „die dort“ dient dazu, die Massen für Tsipras’ Sache zu mobilisieren. Statt für einen kühlen Kopf einzutreten und an die Kompromissfähigkeit zu appellieren, dramatisiert er und baut  Fronten auf.

Als Stratege und Populist weiß Tsipras auf der Klaviatur der Massenpsychologie zu spielen. Dabei kann es durchaus sein, dass das von ihm gezeichnete Schwarzweiß-Bild nicht nur rhetorisches Mittel ist, sondern auch seiner Weltsicht entspricht. Doch ist ebenso klar, dass Tsipras über einen messerscharfen Realitätssinn verfügt. Wer ganz Europa über Wochen in Atem hält, obwohl es andere drängende Probleme gibt, und die EU beinah handlungsunfähig - zumindest ratlos - macht, der weiß genau, was er tut. Um das zu schaffen, diesen Druck auszuhalten, braucht man ein unglaublich dickes Fell. Der griechische Ministerpräsident wirkt mittlerweile aber auch strapaziert und vorgealtert. Trotzdem kann man nur hoffen, dass die Griechen einen kühlen Kopf behalten. Tsipras appelliert an ihre Besonnenheit – zumindest in diesem Punkt möge er Erfolg haben.

  

Aufgezeichnet von Hartmut Wewetzer

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