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Rabbi Cooper gegen Jakob Augstein : "Erfahrungen wie mit fundamentalistischen Institutionen"

Rabbi Abraham Cooper, Vize-Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums, hat den Journalisten Jakob Augstein erstmals einen Antisemiten genannt. Dieser antwortete nun auf seiner Facebook-Seite - und fand einen deutlichen Vergleich zu des Rabbis Öffentlichkeitsarbeit.

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Rabbi Abraham Cooper und der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel (links) in Berlin: "Augstein ist ein Antisemit"
Rabbi Abraham Cooper und der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel (links) in Berlin: "Augstein ist ein Antisemit"Foto: Thilo Rückeis

Jakob Augstein hat sich nach dem erneuten Antisemitismus-Vorwurf vom Simon-Wiesenthal-Zentrum auf seiner Facebook-Seite geäußert. So wisse Augstein nicht, "welche Erfahrungen Rabbi Cooper mit der Presse hat". Aber die Vorstellungen von Pressefreiheit und offener Debatte gingen zwischen ihm und dem Rabbi wohl weit auseinander. Augstein: "Man macht solche Erfahrungen sonst eigentlich nur mit fundamentalistischen oder totalitären Institutionen."

Rabbi Abraham Cooper ist Vize-Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums und hatte am Donnerstagmittag die Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Publizisten Jakob Augstein bekräftigt. Eigentlich sei es dem Zentrum nicht darum gegangen, ihn als Person zu brandmarken, sagte Cooper bei einem Besuch in Berlin. Vielmehr wollte das Zentrum ursprünglich auf den in Augsteins Texten vermittelten Antisemitismus als Phänomen aufmerksam machen. Nun habe der Rabbi aber seine Meinung über Augstein geändert: "Wir haben es mit einem Antisemiten zu tun."

Cooper sagte, dass sich bei Jakob Augstein tatsächlicher Antisemitismus zeige: Nicht allein in den Stereotypen, die in seinen Kolumnen auftauchen - sondern vor allem in Augsteins Rechtfertigungen in der Debatte und das Ausbleiben einer Entschuldigung, um die Cooper in Medieninterviews gebeten hatte. "Er schuldet mir persönlich keine Entschuldigung, aber den Juden", so Cooper.

Der angegriffene Jakob Augstein dreht den Spieß in seinem Facebook-Eintrag um: "Rabbi Cooper hat sich geweigert, mit mir ein Gespräch zu führen." Als Bedingung für ein gemeinsames Interview im Nachrichtenmagazin Spiegel sollte sich Augstein zunächst entschuldigen. "Da ich kein Angeklagter bin und Rabbi Cooper kein Richter und da er Vorwürfe gegen mich erhoben hat und nicht ich gegen ihn (oder überhaupt gegen Juden) musste ich das ablehnen", schreibt Augstein.

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum mit Sitz in Los Angeles hatte den „Freitag“-Herausgeber auf Platz neun seiner jährlichen Liste der zehn weltweit schlimmsten antisemitischen Verleumdungen gesetzt. Die Entscheidung empörte die deutschen Medien, stehe doch Augstein so in einer Reihe mit den Muslimbrüdern oder dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Bei der Entscheidung beriefen sich die Mitglieder des Zentrums auf den Publizisten Henryk M. Broder, der Augsteins israel-kritische Beiträge, die unter anderem bei „Spiegel online“ erschienen, wiederholt scharf kritisierte.

Der Rabbi prangerte vor allem eine Kolumne Augsteins an, in der dieser ultra-orthodoxe Juden mit islamistischen Fundamentalisten verglich. "Das ist klassischer Judenhass", sagte Cooper. Dabei werde nicht bedacht, welche Auswirkung diese Worte auf die Wahrnehmung eines Charedi, eines orthodoxen Juden, haben. Immerhin seien die orthodoxen Juden diejenigen gewesen, die wegen ihrer äußerlichen Erkennbarkeit dem Judenhass der Nazi-Zeit auf der Straße als erste zum Opfer gefallen seien.

Im Gespräch mit dem Tagesspiegel stellte Rabbi Cooper infrage, ob sich Augstein schon je mit Israel auseinandergesetzt habe und daher mehr kenne als nur den "Stereotyp-Juden": "Jeder Israeli steht morgens auf und macht den ganzen Tag nichts anderes, als die Politik seines Landes zu kritisieren" Israelkritik sei daher nicht verboten. Aber hinter Augsteins Israelkritik trete deutlich Antisemitismus hervor. Er gebe sich keine Mühe herauszufinden, wie unterschiedlich die Juden in Israel leben. So helfe er dabei, nur das Bild vom ultraorthoxen Charedi zu verbreiten. Auch kritisierte Cooper, dass in den deutschen Medien viel Schützenhilfe geleistet wurde, die so das eigentliche Problem - die Sichtbarmachung von Antisemitismus - banalisiere. Auch einen Text von Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein führte er als Beispiel an.

Auf die Frage, warum sich das Simon-Wiesenthal-Zentrum überhaupt mit deutschen Autoren auseinandersetze, antwortete Cooper, dass selbst regionale Äußerungen heute "globale Bedeutung" erlangen können. Die Liste führe deshalb unter anderem auch den Fußball-Klub "West Ham United" und einen brasilianischen Karikaturisten auf und wolle überall auf der Welt Debatten anstoßen. Antisemitismus ist kein jüdisches Problem, sagte Cooper dem Tagesspiegel, "es ist jedermanns Problem". Wirksam begegnen könne man den Verleumdungen nur, wenn man junge Generationen immer wieder verdeutliche, welche Schrecken Hitlers Reich bedeutete. Cooper: "Jeder muss wissen, dass die sechs Millionen für Hitler noch lange nicht genug waren."

Der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel, der sich im Schwerpunkt seiner Arbeit mit Antisemitismus befasst, schloss sich den Vorwürfen gegen Augstein an. Er sprach von Israelkritik, hinter der sich oft klassische Ressentiments gegen Juden allgemein verberge. So fänden sich auch in Augsteins Texten entsprechende „Anspielungen und Fantasien“. Küntzel forderte, es müsse eine Debatte über Journalismus und Antisemitismus beginnen.

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