Rassismus in den USA : Sag "Yes, Sir", wenn Du überleben willst

Schwarz und Weiß stehen sich in Amerika unversöhnt gegenüber – daran hat auch der erste schwarze Präsident nichts geändert. Ein Kommentar.

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Ferguson, USA.
Ferguson, USA.Foto: AFP

Darren Wilson ist dem Protokoll gefolgt. Es gibt klare Regeln dafür, wie ein Polizist einem potenziellen Bedroher gegenüber zu handeln hat. Wilson kennt diese Regeln und hat ein reines Gewissen. Der andere Polizist, der seine Waffe am Sonntag in Cleveland auf einen Zwölfjährigen gerichtet hat, war sogar noch korrekter: Der schwarze Junge hatte mit einer Pistole herumgefuchtelt – den Polizisten blieb keine andere Wahl. Dass der Notruf eine Spielzeugpistole erwähnt hatte, ändert daran nichts.

Amerikaner sind darauf gepolt, Vorschriften zu befolgen

Manch Offizieller versteht zwar die Trauer der Eltern, kann die Wut nachempfinden, die viele Schwarze in den USA auf die Straße bringt. Aber die Polizisten haben im Rahmen ihrer Vorschriften gehandelt. Diese merkwürdig formalistische Haltung legitimiert jetzt den tödlichen Schuss auf ein Kind.

Dass die Amerikaner darauf gepolt sind, Vorschriften zu befolgen, fängt nicht erst beim Schusswaffengebrauch an. In Behörden oder an der Supermarktkasse halten sich unsichere und schlecht ausgebildete Menschen an Regeln fest. Abweichen vom Protokoll erscheint vielen gefährlicher als eine Waffe zu ziehen. Kein anderes Bild hat Darren Wilson bei seinem ersten Fernsehinterview abgegeben: Ein weißer Junge, der sich auf der sicheren Seite weiß, wenn er tut, was man ihm gesagt hat.

Der Republikaner Peter King hat Barack Obama aufgefordert, den braven Polizisten Wilson ins Weiße Haus einzuladen. Doch King weiß, er stellt den Präsidenten bloß. Obama kann dem Vorschlag nicht folgen – denn afroamerikanische Eltern in Amerika haben große Angst um ihre Söhne. Wenn LeBron James, der (schwarze) König des Basketballs, auf eine Gesellschaft hofft, in der schwarze Jungen nicht „wieder und wieder“ durch Polizeikugeln sterben, dann denkt er wahrscheinlich an seine eigenen Söhne. Oder an seine raue Kindheit in Ohio.

Er rate seinem 25-jährigen Sohn, die Hände über den Kopf zu halten, wenn er es mit einem Polizisten zu tun habe, sagt auch Sean Jackson, ein Afroamerikaner aus Ferguson. Nur „Yes, Sir“ und „No, Sir“ solle er sagen, nichts, was als Beleidigung aufgefasst werden könnte. So reden viele schwarze Väter und Mütter auf ihre halbwüchsigen Söhne ein. Kommt nicht in Konflikt mit dem Regelprotokoll eines weißen Polizisten, riskiert keine Kugel.

Obama findet keine Sprache

In Ferguson sind zwei Amerikas aufeinandergeprallt, die keine gemeinsame Sprache sprechen. Dabei ist ein schwarzer Jugendlicher tot liegen geblieben. Diese Frontstellung wird so schnell nicht verschwinden: In den Polizeibehörden ist der Rassismus in die Arbeitsroutinen eingeschrieben. Schwarze Jugendliche sehen in Polizisten nichts als Gegner.

In solcher Atmosphäre kann Barack Obama nicht die Eltern und nicht den Polizisten ins Oval Office bitten. Er findet keine Sprache, mit der er beide erreichen würde. Damit verfehlt der erste schwarze Präsident sein innerstes Anliegen: die Spaltung der Gesellschaft entlang der Rassengrenzen zu überwinden. Er wollte nie der Präsident einer Hautfarbe sein. Und so hat Obama vielleicht zu wenig gegen den gesellschaftlich verfestigten Rassismus unternommen. Auch er kann diese beiden Amerikas nicht versöhnen.

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