Reaktion auf Trump-Wahlsieg : US-Präsidentin Hillary Clinton

„Die Welt, in der wir leben sollten“ – eine Internetseite ermöglicht den Gegnern von Donald Trump die Flucht aus der Wirklichkeit.

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Traumwelt. Hillary Clinton wird auf einer Internetseite als Siegerin der US-Präsidentschaftswahlen im November präsentiert – in der Realität aber hat sie gegen Donald Trump verloren. Foto: Drew Angerer/AFP
Traumwelt. Hillary Clinton wird auf einer Internetseite als Siegerin der US-Präsidentschaftswahlen im November präsentiert – in...Foto: AFP

Es ist eine Welt, in der alles in Ordnung ist. US-Präsidentin Hillary Clinton erklärt ihr Land zum sicheren Zufluchtsort für alle Verfolgten. Hassverbrechen gegen Minderheiten in den USA gehen drastisch zurück, und rechtspopulistische Aufwiegler finden kein Publikum mehr. Donald Trump gibt seinen Pass zurück und zieht nach Russland. Willkommen auf der Internetseite „President Hillary Rodham Clinton“, auf der so getan wird, als habe die Demokratin die Wahl gegen Trump im November nicht verloren, sondern gewonnen. Millionen von Amerikanern wünschen sich, dass die Nachrichten auf der Seite wahr und nicht reine Erfindungen wären: Eskapismus statt Donald.

Nach den ersten chaotischen Wochen der Ära Trump mit der Aufregung um den Muslim-Bann, dem Feldzug des neuen Präsidenten gegen die Medien und dem Aufstieg des düsteren Rechtspopulisten Stephen Bannon zur grauen Eminenz im Weißen Haus trifft die Parallelwelt der satirischen Clinton-Website (hillarybeattrump.org) einen Nerv. Viele Wähler können es nach wie vor nicht fassen, dass sie einen politisch unerfahrenen Immobilienmilliardär mit übergroßem Ego ins Weiße Haus geschickt haben.

„Nachrichten aus dem wahren Amerika, wo die Mehrheit regiert“, lautet das Motto der Internetseite: Clinton hatte im November landesweit drei Millionen mehr Stimmen eingefahren als Trump, wegen des Wahlmännersystems der USA aber trotzdem die Wahl verloren. Es gehe unter anderem darum, Trump-Gegnern eine Flucht aus der Wirklichkeit zu ermöglichen, sagte die Gründerin der Website der „Washington Post“. Die Frau will anonym bleiben, weil sie nicht zur Zielscheibe des Hasses von Trump-Anhängern werden will.

Vielleicht wird der Traum ja Wirklichkeit, hoffen Gegner des neuen Präsidenten. „Lange wird das nicht dauern“, ist ein Satz, den man in ihren Reihen häufig hört, wenn von Trumps Amtszeit die Rede ist. Interessenkonflikte des Unternehmers werden als mögliche Ansatzpunkte eine Amtsenthebungsverfahrens gegen den 70-Jährigen genannt. Auch die nicht geklärten Vorwürfe von Kontakten zwischen dem Trump-Wahlkampfteam und russischen Regierungsvertretern könnten den Mann im Weißen Haus politisch erledigen, sagen manche.

Fast 60 Prozent der Anhänger von Clintons Demokraten fordern laut einer Umfrage schon jetzt ein Entlassungsverfahren gegen Trump im Kongress von Washington. Der Ruf nach Rausschmiss eines Präsidenten ist zwar nichts Ungewöhnliches in den USA, doch die meisten Amtsträger trifft es erst nach einigen Jahren im Amt. Bei Trump ist es nach gut einem Monat schon so weit.

An der Basis der Demokratischen Partei brodelt es. Viele Wähler fordern von Abgeordneten und Senatoren ihrer Partei eine Totalopposition gegen Trump. In den Medien ist bereits von einer demokratischen Version der „Tea Party“ die Rede, jener erzkonservativen Bewegung, die bei den Republikanern in den vergangenen Jahren die gemäßigten Kräfte in die Defensive drängte.

Man sollte meinen, dass die Demokraten im Parlament froh sind über das feurige Engagement ihrer Anhänger. Doch die ungestümen Rufe nach einem Amtsenthebungsverfahren gegen Trump setzen die Berufspolitiker zu einer Zeit unter Druck, zu der die nötigen Voraussetzungen noch längst nicht bestehen. Im Kongress müssten auch die meisten republikanischen Parteifreunde des Präsidenten eine Entlassung Trumps befürworten – und davon kann momentan keine Rede sein.

Um Zeit zu gewinnen, reden demokratische Abgeordnete wie Eric Swalwell aus Kalifornien von der Notwendigkeit, Beweismittel gegen Trump zu sammeln. Vor dem Amtsenthebungsverfahren müsse es gründliche Ermittlungen geben, sagte Swalwell der Zeitschrift „Politico“. Er und seine Kollegen sorgen sich, dass ein überstürztes Winken mit der Amtsenthebung einen Solidarisierungseffekt bei den Republikanern zur Folge haben könnte. Dann lieber beharrlich die sichtbaren Risse zwischen Trump und den Republikanern im Kongress verbreitern.

So rasch, wie sich ungeduldige Trump-Gegner das wünschen, wird also nichts werden aus der Neubesetzung des Chefpostens im Weißen Haus. Bis dahin können sich die Kritiker des Präsidenten weiter ihrem Traum von einem Trump-freien Amerika hingeben. Die Anwältin und Trump-Gegnerin Lisa Bloom brachte es in einem Twitter-Kommentar zur Internetseite über die imaginäre Amtszeit von „Präsidentin Clinton“ auf den Punkt: „Das ist die Welt, in der wir leben sollten.“

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