Rechte Gewalt : Hoyerswerda: Reise in die Gegenwart

Zum 20. Mal jähren sich die ausländerfeindlichen Ausschreitungen von Hoyerswerda. Damals flogen Steine, Polizeischutz war nötig. Nun kehren zwei Opfer von damals zurück – und erleben, dass man sie nicht vergessen hat.

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Verängstigt schaut ein Bewohner des Asylbewerber-Wohnheims aus einem eingeschlagenem Fenster in Hoyerswerda. 1992 steigen die rechtsextremen Gewalttaten um fast das Doppelte.Weitere Bilder anzeigen
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15.09.2011 10:34Verängstigt schaut ein Bewohner des Asylbewerber-Wohnheims aus einem eingeschlagenem Fenster in Hoyerswerda. 1992 steigen die...

Es wird gleich wieder anfangen mit Affenlauten, kleine Kinder werden sie ausstoßen. Junge Männer werden sich von einer Parkbank erheben, Bierflaschen in der Hand, sie werden näher kommen und „Bimbofotze“ und „Neger“ rufen und dabei zwei Männer meinen, die denken, sie hätten das alles hinter sich. Denn bis zu diesem Zeitpunkt zeigt sich Hoyerswerda von einer anderen Seite. Der Seite von Stefan Skora.

Der spricht jetzt langsam. Es ist ihm wichtig, dass die zwei Gäste, die ihm aufmerksam zuhören, jedes seiner Worte verstehen. „Alle haben die Bilder von damals in den Köpfen“, sagt Skora. „Diese Vergangenheit müssen wir akzeptieren. Aber wir wollen die Bilder durch andere ersetzen.“ Der 51-Jährige ist CDU-Mitglied und Oberbürgermeister von Hoyerswerda. Ihm hören Manuel N. und Emmanuel A. zu. Der eine ist ehemaliger mosambikanischer Vertragsarbeiter und heute 47 Jahre alt. Der andere ehemaliger ghanaischer Flüchtling, 53 Jahre. Sie sind unterwegs, um mit Menschen der Stadt zu sprechen, aus der sie vor zwei Jahrzehnten gewaltsam vertrieben wurden.

Auf weißen Industrieplanen hinter dem Oberbürgermeister sind einige jener Bilder noch einmal zu sehen, die im September 1991 um die Welt gingen: ein lang gezogener grauer Plattenbau mit Balkonen in verblichenen Pastellfarben, vor dem sich Anwohner und Steine schmeißende junge Männer versammelt haben. Aus einer zerbrochenen Fensterscheibe schaut ein Mosambikaner fassungslos auf die Menge. Ein anderes Foto zeigt aufgereihte Koffer neben offensichtlich zur Abfahrt bereiten Bussen und einen jungen Mann in einem hellblauen Hemd, hellblauer Bundfaltenjeans made in GDR, der noch einmal aus der Bustür in Richtung Wohnheim schaut.

„Das bin ja ich“, sagt Emmanuel A. überrascht und zeigt Oberbürgermeister Skora das Foto, das auf den 20. September 1991 datiert ist. „Auf jeden Fall waren Sie damals jünger,“ sagt Stefan Skora spontan, dann lachen die drei Männer. „Ich wusste gar nicht, dass ihr ebenfalls mit Bussen weggebracht wurdet“, sagt Manuel N. „Wir hatten ja in den Tagen damals gar keinen Kontakt zu euch“.

Die Lebenswege der beiden Afrikaner könnten nicht unterschiedlicher sein, auch wenn sie als Teenager beide Kfz-Schlosser gelernt haben – Emmanuel A. in Accra, der ghanaischen Hauptstadt, Manuel N. als 19-jähriger Vertragsarbeiter eines sozialistischen Bruderstaates im brandenburgischen Lauchhammer. Der breitschultrige Manuel N. überragt den älteren, schmalen Emmanuel A. um zwei Köpfe. In Hoyerswerda waren der Flüchtling und der Brudersozialist in Plattenbauten untergebracht, aber nicht in denselben. Als die ersten Steine auf das Vertragsarbeiterwohnheim in der Albert-Schweitzer-Straße flogen, in dem Manuel N. mit den noch in der Stadt verbliebenen 200 anderen Mosambikanern lebte, kannten sie sich nicht – sie hätten sich auch nicht verständigen können. Manuel N. sprach nur Portugiesisch und Deutsch; Emmanuel A., der mit 30 Jahren als Oppositionsaktivist aus der damaligen Militärdiktatur Ghana nach Deutschland geflohen war, nur Englisch.

Nun folgen sie dem Bürgermeister durch die zwei Ausstellungsräume der sogenannten Orange Box, einer zweistöckigen Holz-Stahlkonstruktion, die am Flussufer der Schwarzen Elster zwischen den schrumpfenden Plattenbauvierteln und der sanierten Altstadt steht. Hier soll der städtische Wandel für jedermann zugänglich gemacht werden. Im Erdgeschoss reihen sich in diesen Tagen Lokalzeitungsberichte und Auszüge von Lageprotokollen der Polizei und des Landratsamtes aus der Woche vom 17. bis zum 23. September 1991 aneinander. „Es besteht einheitliche Auffassung dazu, dass eine endgültige Problemlösung nur durch Ausreise der Ausländer geschaffen werden kann,“ so ist zu lesen in einer Einschätzung des Landesratsamtes Hoyerswerda vom 20. September, 12 Uhr, wenige Stunden später entsteht das Foto von Emmanuel A. im Bus. Es war nur ein Auftakt.

Nach der Kapitulation der Sicherheitsbehörden vor den rassistischen Gewalttätern und den zahlreichen Schaulustigen feierten Neonazis Hoyerswerda als bundesweit „erste ausländerfreie Stadt“. Auf das Pogrom, das erste seit 1945, folgten rassistische Gewalttaten im gesamten Land. Noch während am 19. September 1991 vor dem Vertragsarbeiterwohnheim in Hoyerswerda überforderte Polizisten zusahen, wie eine Fensterscheibe nach der anderen eingeworfen wurde, kam der 27-jährige Samuel Yeboah bei einem Brandanschlag auf ein Flüchtlingswohnheim im saarländischen Saarlouis ums Leben, 1483 rechtsextreme Gewalttaten registriert das Bundeskriminalamt Ende des Jahres 1991, 1992 steigt die Zahl auf 2584.

Stefan Skora steht die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, als die Besucher sich von den Texten und Bildern losreißen und über eine Treppe das lichtdurchflutete Obergeschoss der Orange Box betreten. An den Fensterscheiben präsentieren die Ausstellungsmacher bunte, freundliche Fotofolien von Migranten, die heute in Hoyerswerda leben. Sie machen 1,2 Prozent der Bevölkerung aus bei knapp 40 000 Einwohnern, die heute noch in Hoyerswerda leben. „Ausländerfrei“ sei es nie gewesen, sagt Skora. Stolz verweist er auf die Verleihung des Titels „Stadt der Vielfalt“ im vergangenen Jahr und seine Entscheidung, daraufhin 2011 zum „Jahr der Vielfalt“ zu erklären.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie es Emmanuel A. und Manuel N. beim Besuch des ehemaligen Asylbewerber-Wohnheims ergeht.

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