Rechte Hassbürger und Meinungsfreiheit : Eine Kapitulationserklärung

Ein Blogger gibt auf, weil er und seine Familie massiv bedroht wurden. Die Erklärung von Heinrich Schmitz, Ex-Kolumnist von The European und ehemaliges Mitglied der Initiative #HeimeOhneHass, im Wortlaut.

Heinrich Schmitz
Fremdenfeindliche Proteste gegen eine Flüchtlingsunterkunft am 26.06.2015 in Freital (Sachsen).
Fremdenfeindliche Proteste gegen eine Flüchtlingsunterkunft am 26.06.2015 in Freital (Sachsen).Foto: dpa

Die „besorgten Bürger“ können die Korken knallen oder die Bierdosen spritzen lassen. Sie können sich auch vor Freude einpissen. Es ist mir egal. Sie haben gewonnen. Ich kapituliere. Mir reicht's.

Wenn Sie sich jetzt fragen, warum jemand, der jetzt mehr als zwei Jahre Woche für Woche versucht hat, seinen Mitmenschen rechts- und gesellschaftspolitische Fragen halbwegs verständlich zu erläutern und für eine bessere Gesellschaft oder wenigstens den Erhalt der bestehenden zu kämpfen, plötzlich das Handtuch wirft, dann möchte ich Ihnen das kurz erklären.
Ich bin jetzt auch ein besorgter Bürger. Ich sorge mich um die Sicherheit meiner Frau und meiner Kinder. Und ich bin nicht mehr bekloppt genug, diese Sicherheit für etwas zu riskieren, was ohnehin nur einen sehr begrenzten Teil der Bevölkerung erreicht. Aber dazu später.
In meinen Kolumnen habe ich häufig Missstände benannt und auch heftige Kritik an Allem und Jedem geübt. Zwar immer anhand von öffentlichen Quellen belegt, sodass es nie zu einem Unterlassungsbegehren oder gar einer -klage kam, aber natürlich für den ein oder anderen durchaus unangenehm. Die Kritik an meinen Kolumnen im European habe ich immer interessiert registriert und bei eklatanten Missverständnissen auch beantwortet. Beleidigungen oder Unterstellungen habe ich entweder mit einer stoischen Ruhe ins Leere laufen lassen oder aber auch bissig gekontert. Je nach Laune. Diskussionen bin ich niemals ausgewichen. Das hat mich alles nicht gestört. Im Gegenteil. Der European stand für Debatte. Zwar eigentlich für Debatte zwischen den Kolumnisten, aber warum sollte man nicht auch mit Lesern debattieren.

Ein Mord wurde ihm vorgeworfen

Wahlweise wurde ich als rotgrünversiffter Gutmensch oder aber als getarnter Nazi bezeichnet, als Antisemit, Antideutscher, Rechter, Linker und sogar als Kopf einer antifaschistischen Terrorzelle, die Anschläge plant. Nur im letzten Fall habe ich eine Strafanzeige erstattet, das war dann doch ein bisschen zu heftig. Alle anderen Beschimpfungen und Hassnachrichten konnte ich schulterzuckend oder mit einem bösen Lächeln abtun, weil sie mir bestätigten, dass ich mit dem Geschriebenen vollkommen richtig lag. Mir ging es bei fast jedem Text um den Rechtsstaat und dessen Aufrechterhaltung, um Grund- und Menschenrechte und den Schutz unserer Verfassung vor gesetzgeberischem Übermut oder gesellschaftlicher Verachtung. Da muss man sich schon einen heftigen Gegenwind gefallen lassen.

Am letzten Samstag wurde eine Grenze überschritten, was mich veranlasste, über dieses gesellschaftliche Engagement nachzudenken.

Auf der Fahrt zu einer meiner Töchter klingelte plötzlich mein Smartphone. Ich nahm an, unsere Tochter habe nachfragen wollen, wann wir ankämen. Also bat ich meine Frau, ihr kurz Bescheid zu sagen. Da klingelte auch schon ihr Telefon, das sie gleich auf Laut stellte. Eine hektische Frauenstimme fragte sie nach ihrem Namen. Sie sei von der Polizei. Man habe einen Anruf erhalten, meine Frau sei ermordet worden. Die Leiche befände sich in unserem Haus. Die Privatanschrift habe der Anrufer ebenfalls genannt. Die Polizei sei gerade in unserem Haus und suche nach der Leiche. Das klang für mich alles so absurd, dass ich meine Frau bat aufzulegen, derart derangiert könne keine Polizistin reden. Ich hatte das Telefonat schon fast in die Abteilung „galoppierender Schwachsinn“ verbannt, als wir bei unserer Tochter ankamen. Sie stand zitternd da, weil ihr die Polizei gesagt hatte, es sei mitgeteilt worden, dass ihr Vater ihre Mutter ermordet hätte. So was kommt ja in den besten Familien vor. Ich rief dann bei der Polizei an, die mir bestätigte, dass man in unserem Haus nach der Leiche meiner Frau gesucht habe. Angeblich hätte ein Heinrich Schmitz bei der Polizei angerufen und mitgeteilt, er habe seine Frau ermordet.

Jetzt können Sie natürlich sagen, was ist denn daran so schlimm? Das will ich Ihnen auch gerne erklären.

Vor zwei Wochen wurde der Initiator der Petition #HeimeOhneHass, ein junger Student, massiv bedroht. Ihm wurde die Ermordung seiner Eltern und Geschwister angekündigt. Nicht etwa in Form eine nötigenden Drohung, sondern einfach nur so. Namen und Adressen der betroffenen Familienmitglieder waren dem Anrufer bekannt. Nachdem der Student daraufhin die Petition vom Netz nahm, bildete sich eine größere Gruppe von Menschen, die die Petition, die zu diesem Zeitpunkt bereits über 40.000 Unterzeichner hatte, mit Zustimmung von Change.org fortführten. Dass ich, dessen Kolumne „Friede, Freude, Freital“ im Petitionstext zitiert war, bei der Initiative dabei war, war nicht schwer zu erraten.

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