Rechter Terror : Das dichte Netz der Neonazis

07.12.2011 09:30 UhrVon Torsten Hampel, Frank Jansen
Die Neonazi-Szene ist in ganz Deutschland eng vernetzt. Foto: dpa
Die Neonazi-Szene ist in ganz Deutschland eng vernetzt. - Foto: dpa

Seit Wochen wuchert der Fall der Jenaer Terrorzelle. Und jetzt erst ist zu ahnen, wie eng die rechtsextreme Szene verflochten ist und wohin die Verbindungen führen: in die braune Musikszene, in Neonazi-Verbände - und auch in die NPD.

Man muss ihn sich als Fadenzieher vorstellen, Netzeknüpfer, Kontaktemacher. Als einen der aktivsten und ausdauerndsten Neonazis in Thüringen und Sachsen, einen nach Aussage von Menschen, die ihm begegnet sind, sehr redseligen Mann, über den viel und gleichzeitig sehr wenig bekannt ist. Ein Mann mit großem Einfluss auf die dortigen NPD-Strukturen. Thomas G. aus Meuselwitz in Thüringen, von dessen selbst gezogenen Fäden erstaunlich viele im bisher bekannten Umfeld von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe enden.

Man könnte auch von einer weiteren Portion Wahnsinn sprechen.

Seit einem Monat wächst und wuchert der Fall der Jenaer Terrorzelle, offenbar unaufhörlich. Kaum ein Tag ohne neue Details, Erkenntnisse, Vermutungen. Die Dimension dieses tiefbraunen Kapitels in der Kriminalgeschichte der Bundesrepublik ist immer noch nicht absehbar. Aber es ist zu ahnen, wie eng die rechtsextreme Szene verflochten ist, wie sich ein Paralleluniversum gebildet hat.

Thomas G. ist da eine treibende Kraft. Mehrfach vorbestrafte Führungsfigur in der Neonaziszene, aber auch bei den weniger ideologiefesten Skinheads dabei, außerdem Verbindungen nach Portugal und in die Schweiz. Der Thüringer Verfassungsschutz präsentierte im Jahresbericht 2009 sogar ein Kapitel über den „Kameradenkreis“ um Thomas G. Und der Mann Anfang 30 könnte ein Mitwisser der drei Terroristen gewesen sein, die sich „Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)“ nannten.

Zumindest ist wahrscheinlich, dass er eine weitere Verdächtige gekannt hat, die Friseurin Mandy S., die aus Schwarzenberg stammt, einer Stadt im Erzgebirge. Mandy S. soll Beate Zschäpe Ausweispapiere zur Verfügung gestellt haben. Jedenfalls hat sich Zschäpe als Mandy S. ausgegeben – und kam damit durch. Die beiden Frauen hätten sich schon lange gekannt, heißt es in Sicherheitskreisen. Und im Jahr 2000 soll in der damaligen Wohnung von Mandy S. in Chemnitz ein Treffen stattgefunden haben, an dem offenbar Zschäpe teilnahm. Mandy S. soll zudem André E. gekannt haben, den mittlerweile in Untersuchungshaft sitzenden sächsischen Neonazi, der den drei Terroristen geholfen haben soll, das unsägliche Paulchen-Panther-Bekenner-Video zu produzieren.

Mandy S. ist demnach eine Frau, die viele Fragen beantworten muss. Und wohl auch die, warum Thomas schon vor sechs Jahren ihren Namen als Passwort für seinen Zugang zu drei Neonazi-Foren im Internet und auch für private E-Mail-Accounts verwandt hat. Aufgedeckt und dokumentiert haben das nun Computerfachleute des Antifa-Rechercheteams Dresden und der Redaktion von „Gamma“, einem „antifaschistischen Newsflyer für Leipzig und Umgebung“.

Thomas G. selbst ist nicht für eine Stellungnahme zu erreichen, an seiner letzten dem Tagesspiegel bekannten Wohnadresse trifft ihn keiner mehr an. Gerüchteweise ist von Streit mit seiner Frau zu hören oder von einer Reise nach Italien. Naheliegend wäre auch, dass er sich Ermittlungen gegen ihn entziehen will, die die Bundesanwaltschaft nicht bestätigt. Am Wochenende könnte er – darauf deutet ein wohl von ihm verfasster Blogeintrag hin – bei einem Fußballspiel in Leipzig gewesen sein.

Thomas G. galt dem Thüringer Verfassungsschutz bislang als Anführer der neonazistischen Gruppierung „Nationale Sozialisten Altenburger Land“, die auch unter den Namen „Bürgerinitiative Altenburger Land“, „Bürgerinitiative Schöner Wohnen Altenburger Land“, „Initiative – Meinungsfreiheit auch für Deutsche“ und „Bürgerinitiative – Gegen das Vergessen“ in Erscheinung trat. Er selbst soll sich laut Verfassungsschutz als „Freier Nationalist“ bezeichnen und dem „Kampfbund Deutscher Sozialisten“ ebenso angehört haben wie dem rechtsextremen „Freundeskreis Halbe“, der für Aufmärsche am Soldatenfriedhof im brandenburgischen Halbe verantwortlich war. Thomas G. soll auch, wie Mandy S., Mitglied beim mittlerweile verbotenen Neonazi-Verein „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige“ (HNG) gewesen sein.

Thomas G. gilt auch als Initiator des „Freien Netzes Mitteldeutschland“, einer 2007 geschaffenen, vordergründig NPD-freien Organisationsstruktur sogenannter Kameradschaften auf lokaler Ebene. Zumindest personell sind aber Verbindungen zur Partei erkennbar. So ist der Anführer des „Freien Netzes“ in Leipzig gleichzeitig sächsischer Landeschef der NPD-Jugend, der „Jungen Nationaldemokraten“ (JN). Und ein im Oktober öffentlich gewordenes Internetforum einiger Protagonisten zeigt die strategische Verbindung zur NPD: Sie „ist nichts weiter als ein pragmatisches Werkzeug für unsere politische Arbeit“, heißt es da. Und: „Der Landesvorstand der JN in Sachsen ist komplett mit revolutionären Kräften besetzt, die auf Linie sind, der Landesführer ist einer von uns und die Ausrichtung der JN wird kontinuierlich in Richtung NS-Ersatzorganisation vorangetrieben.“

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