Rechtsextreme Ideologen : Was wollen die „Reichsbürger“?

Mitten in Deutschland gründeten ein paar von ihnen illegal einen eigenen Staat. Razzien und Anklagen konnten sie nicht stoppen. Die Szene der selbsternannten „Reichsbürger“ wandelt sich – und wächst. Ein Besuch im Königreich.

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Flagge mit Botschaft. Bei einer Razzia im bayerischen Georgensgmünd hatte ein "Reichsbürger" am Mittwoch einen Polizisten erschossen und drei weitere zum Teil schwer verletzt.
Flagge mit Botschaft. Bei einer Razzia im bayerischen Georgensgmünd hatte ein "Reichsbürger" am Mittwoch einen Polizisten...Foto: Nicolas Armer/dpa

Es ist ein großer Tag für das Königreich – und der König begrüßt alle Ankommenden persönlich. Er wartet direkt hinter der Tür, wo ein langer Flur beginnt, erleuchtet von Halogenlampen. Des Königs Haare sind streng nach hinten gekämmt, sein nachtblaues Hemd betont die sportliche Figur, in einer Hand trägt er eine Aktentasche. Mit der anderen weist er auf ein eng bedrucktes Poster an der Wand: „Die Reformation der Neuzeit in 77 Thesen.“ Alles akkurat, nur: Der König ist aus Pappe. Was Schein ist und was Sein, ist schwer auseinanderzuhalten im „Königreich Deutschland“.

Seit der Gründungszeremonie im September 2012 hält König Peter mit seinen Getreuen auf dem weitläufigen Gelände eines ehemaligen Krankenhauses in Wittenberg Hof, kaum zwei Autostunden südlich von Berlin. Ihr selbst proklamierter Staat hat existenzielle Krisen durchgemacht, internen Zwist, sah Millionenforderungen auf sich zukommen und mehr als 200 Polizisten auf einmal, die das „Staatsgebiet“ durchsuchten – und ist im Herbst 2016, an seinem vierten Geburtstag, doch immer noch da. Sogar bei Google Maps taucht das Königreich mittlerweile auf.

Der König aber, Peter Fitzek, kann den Geburtstag nicht mitfeiern. Er sitzt in Haft, weil er Geld seiner Anhänger veruntreut haben soll, von mehr als einer Million Euro ist die Rede. Das Landgericht Halle hat vom 20. Oktober 2016 bis März kommenden Jahres 26 Verhandlungstage angesetzt. Zuvor hatte Fitzek die Gerichte beschäftigt, weil er wiederholt mit einem selbst gefertigten Führerschein seines Königreichs am Steuer erwischt wurde. Seine Anhänger kämpfen für ihn. Neben dem Pappkönig im Krankenhausflur hängt ein Zettel: #FreePeter.

Beinahe könnte das alles eine romantische David-gegen-Goliath-Geschichte sein, Idealisten gegen Behörden, würden diese Idealisten von Fachleuten nicht den „Reichsbürgern“ zugerechnet. „Reichsbürger“ erkennen Deutschland als Staat nicht an oder sie glauben, Deutschland sei immer noch von den Alliierten besetzt.

"rechtsextreme und menschenfeindliche Ideologie"

Kürzlich hat das Innenministerium erklärt, aus der Szene heraus seien „schwerste Gewalttaten“ zu erwarten. Ein „Reichsbürger“, der sein Anwesen in Sachsen-Anhalt zum eigenen Staat erklärt hat, lieferte sich im Sommer einen Schusswechsel mit der Polizei, drei Beamte wurden verletzt. Und in dieser Woche erschoss ein 49-jähriger „Reichsbürger“ im fränkischen Georgensgmünd einen Polizisten und verletzte drei weitere zum Teil schwer. In einer Analyse der Amadeu Antonio Stiftung, die über Rechtsextremismus forscht, heißt es: „Hinter der Maskerade aus Verschwörungsdenken, Esoterik und Regierungsspielchen steckt eine handfeste rechtsextreme und menschenfeindliche Ideologie.“ Fitzek und das Königreich werden dort als „prominente Vertreter“ der Szene geführt.

Eine Szene allerdings, die nicht hierarchisch organisiert, sondern teilweise untereinander zerstritten ist. Die einzelnen Gruppen haben zumeist wenig miteinander zu tun, manche sind gewalttätig, andere nicht. Viele Reichsbürger schikanieren die Behörden mit sinnlosen Anträgen vor Gerichten oder versuchter Einschüchterung von Staatsdienern. Was alle Reichsbürger eint, sind ihre kruden Ansichten.

Was aber bewegt Menschen, in einem Fantasiestaat zu leben? Was aber bewegt Menschen, in einem selbst ernannten Königreich zu leben?

Das "Königreich" ist inzwischen sogar auf Google Maps zu finden.
Das "Königreich" ist inzwischen sogar auf Google Maps zu finden.Foto: Screenshot Tsp

Bei der Geburtstagsfeier lehnt sich Benjamin Freiherr von Michaelis am frühen Abend leicht über einen Stehtisch und sagt: „Wir sind gar keine Reichsbürger. Wir wollen ja nicht nur meckern, sondern etwas erschaffen.“ Michaelis ist Aktivist der ersten Stunde, er hat akkurat nach hinten gegelte Haare, trägt Hemd und etwas früher an diesem feierlichen Abend eine besondere Verantwortung: Zusammen mit einem anderen Freiherren, Martin Freiherr von Schulz, hält er eine Rede.

„Mit uns beginnt eine neue Zeit! Seid euch dessen bewusst!“, rufen die beiden jungen Männer den gut 80 Anwesenden zu, die in einem langen Flur stehen. Applaus. „Sie versuchen, Peter kleinzukriegen! Aber da sind sie an den Falschen geraten!“ Großer Applaus. „Wir haben 17.000 Euro an Spenden für Peters Verteidigung gesammelt!“ Stürmischer Applaus. Martin und Benjamin zählen auf: Etwa 1000 Staatsbürger und Assoziierte gebe es, 24 Menschen hätten nicht nur komplett mit der Bundesrepublik gebrochen, sondern würden auch auf dem Staatsgebiet wohnen. Das neue Deutschland, in einem alten Krankenhaus. Wieder Applaus. Ach, und: „Das Buffet ist eröffnet!“

Es gibt vegetarische Leberwurst und Chili con Carne, selbst gebackenen Kuchen und Äpfel aus der Region. Das Menü ist wie die Ideologie des Königreichs: ein bunter Mix mit nationaler Note.

Es ist schwer zu beschreiben, was die Idee des selbst ernannten Staates ausmacht. In der ausliegenden Broschüre gibt es Sätze wie: „Das Königreich Deutschland ist systemunabhängig und wahrhaft demokratisch.“ Die 77 Thesen, die Fitzek in Anspielung auf die 95 Thesen des Reformators Martin Luther schon an die Schlosskirche in Wittenberg angebracht hat, enthalten abstrakte Gedanken wie die „Einhaltung der schöpferischen Ordnung“ ebenso wie ganz konkrete wie die Abschaffung der Rundfunkgebühren. In Gesprächen betonen Bewohner des Königreichs, dass sie ein „selbstbestimmtes“ und „wirklich freies Leben“ möchten.

„Ich war früher Airbrush-Künstler, habe beispielsweise Autos bemalt“, erzählt Benjamin am Stehtisch, unter der gold-rot-schwarzen und mit einer stilisierten Sonne versehenen Flagge des Königreichs. „Aber ich habe mich nicht getraut, große Aufträge anzunehmen und richtig an mir zu arbeiten. Hier kann ich mich entwickeln.“ Im Königreich hätte er alle möglichen Aufgaben übernommen, auch viele handwerkliche – und einen Sinn für das Praktische entwickelt. „Wenn ich heute an irgendeinem Bahnhof bin und da brennt sinnlos eine Lampe, denke ich: Das kostet doch Geld!“ Das erzählt Benjamin und schmunzelt. Je länger er spricht, desto mehr darüber, dass die „BRD nur ein Verwaltungskonstrukt“ sei, dass nur auf deutschen Heiratsurkunden keine Nationalität angegeben sei, dass Menschen im Königreich mitmachen würden, die von Pegida enttäuscht seien, weil dort eben nur protestiert werde. „Wir aber sind etwas Neues!“

Im Reich der Verschwörungstheoretiker

Ein Rundgang durch die Feier gleicht bisweilen einem Ritt auf einem verschwörungstheoretischen Klangkarussell. „Das Osmanische Reich wurde nur für 100 Jahre aufgelöst“, „die Juden sollten erst alle legal aus Hitlers Deutschland nach Israel“ – und nicht zuletzt: „Es gibt keinen Friedensvertrag zwischen Deutschland und den Besatzungsmächten!“ „Reichsbürger“ will an diesem Abend übrigens kaum einer sein. An einem Tisch verkauft ein Mann für knapp 30 Euro Königreich- Deutschland-T-Shirts, „steuerfrei!“.

Wie zunächst nette Menschen irgendwann furchtbare Sachen sagen, zeigt dann Johannes. Er ist 50, Physiotherapeut und extra aus Wiesbaden angereist. „Die Patienten in Deutschland sind nicht selbstbestimmt, sie werden ruhig gehalten von Ärzten, mit Angst und Latein.“ Johannes knetet seine Hände und erzählt erregt von einem Patienten, der sich schwer an beiden Menisken verletzt hatte – und wie er herausgefunden habe, dass es an der Niere liege, weil im Körper alles zusammenhänge, was aber die Schulmedizin nicht wahrhaben wolle. „Ich habe mich mit den Behörden angelegt“, sagt er. Sechs Mal wäre sein Vermögen schon gepfändet worden. Kurz darauf sagt Johannes leise: „Wir müssen aufwachen, wir sind unter US-Herrschaft. Jemand müsste hier einmarschieren, mit Panzern. Vielleicht Russland. Unsere Lage ist sonst aussichtslos.“

Sie wollen ein anderes Deutschland

Das Königreich konzentriert sich heute vor allem auf sein Staatsgebiet in dem ehemaligen Krankenhaus. Vor zweieinhalb Jahren gab es noch eine unübersichtliche Anzahl an Liegenschaften, auch eine unweit der berühmten Schlosskirche in Wittenberg, die „Königliche Reichsbank“. Heute ist diese „Filiale“ verwaist, nur ein Logo mit der Aufschrift „Königreich Deutschland“ im Marmorboden erinnert noch an diese Zeit, als König Peter eine Sitzbank herbrachte, sich daraufsetzte und sagte: „Das ist die Reichsbank! Wir betreiben keine Bankgeschäfte!“ Diese spitzfindige Verwirrungstaktik überzeugte die Finanzaufseher der Bafin aber nicht. Sie klagten. Das Königreich geriet in eine Krise, verlor Mitglieder, scheint sich davon aber wieder gut erholt zu haben.

An diesem Abend tanzen sie auch ohne ihr Oberhaupt, auch wenn die Verwirrung immer noch eine ihrer mächtigen Ressourcen zu sein scheint. Sie wohnen im Königreich, träumen von Freiheit und Basisdemokratie, und manche reden plötzlich über Konfuzianismus. Diese gedankliche Unordnung ist es, die es jedem erlaubt, das Königreich so zu sehen, wie die eigene Realität sein sollte. Wie Roy, 23 Jahre, der bisher in Magdeburg „einige verschiedene Sachen“ studiert hat. Bei einem Bier erzählt Roy, er habe erst nicht mitmachen wollen, da ihm eine Basisdemokratie vorschwebe. „Aber dann habe ich verstanden, dass richtige Demokratie nur so geht!“

Bitte, was? „In einer Räterepublik gibt es viele verantwortliche Positionen, es ist schwer, dafür Leute zu finden. Hier gibt es einen König, auf den sich die Bundesrepublik konzentriert, und wir anderen können demokratisch vorgehen.“ Seit drei Tagen sei er Staatsbürger. Unlogisch findet er sein Gedankenkonstrukt nicht. Mehr zu sich selbst sagt Roy dann: „Ich konnte mich früher nicht überwinden, etwas zu tun. Ich weiß auch nicht, warum ich so antriebslos war.“

Vielleicht ist das der einzige wirklich gemeinsame Nenner aller Aktivisten im Königreich: Sie haben ihren Platz in Deutschland nicht gefunden. Deshalb wollen sie ein anderes Deutschland.

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