Rechtsextremismus : NSU-Morde: Nur ortsnahe Ermittlungen

Im Bundestagsauschuss zu den Neonazi-Morden sagte der leitende Ermittlungsbeamte aus. Die bayerische Polizei hatte demnach auch Rechtsextremisten im Verdacht. Aber sie suchte nicht bundesweit, sondern konzentrierte sich auf den Raum Nürnberg.

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Polizisten an dem Nürnberger Imbiss, dessen Besitzer im Juni 2006 erschossen wurde.
Polizisten an dem Nürnberger Imbiss, dessen Besitzer im Juni 2006 erschossen wurde.Foto: picture alliance / dpa

Er redet ruhig, die Arme liegen auf dem Tisch. Wolfgang Geier wirkt sturmfest, das erscheint auch nötig. Der Leitende Kriminaldirektor aus dem Polizeipräsidium Unterfranken war von 2005 bis 2008 Chef der „Bosporus“ genannten „Besonderen Aufbauorganisation“, die mit zahlreichen Beamten, auch aus anderen Ländern, vergeblich versuchte, die bundesweite Serie von neun Morden an Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft aufzuklären. „Ich habe einen fremdenfeindlichen Hintergrund priorisiert“, sagt der Beamte und blickt in skeptische Gesichter.

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Die Spur der Neonazi-Mörder
November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht sich die Bundesrepublik erstmals seit der Wiedervereinigung mit rechtsextremem Terror in größerem Ausmaß konfrontiert. Schnell ist die Rede vom Jenaer Neonazi-Trio um Beate Z. (36), Uwe B. (34) und Uwe M. (38). Ihre Spur lässt sich bis in die 90er Jahre zurückverfolgen.Weitere Bilder anzeigen
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20.03.2013 13:59November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht...

Die Abgeordneten, die im Untersuchungsausschuss des Bundestags zu den Taten der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) sitzen, haben am Donnerstag an ihren ersten Zeugen reichlich Fragen. Geier präsentiert neben vielen Fakten auch Widersprüche – und Einblicke ins Versagen der Sicherheitsbehörden. Im Mai 2006, da waren bereits alle neun Morde geschehen, drehte Geier die Perspektive der Sonderkommission in eine andere Richtung. Wurden zuvor die Täter in Milieus der organisierten Kriminalität oder extremistischer Türken gesucht, initiierte er eine „operative Fallanalyse“ mit Blick auf „fremdenfeindliche Serientäter“. Im Zentrum der Theorie standen männliche Täter, zwischen 22 und 28 Jahre alt, „die eine Abneigung gegen türkische Männer haben“, sagt Geier. Und die der rechtsextremen Szene angehörten, ihr Spektrum aber als „zu schwach“ ansahen und deshalb beschlossen hatten, „ihr eigenes Ding durchzuziehen, unter dem Motto ,Taten statt Worte’“. Es klingt, als rede Geier von den NSU-Mördern Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Video: Frank Jansen zum Thema Rechtsextremismus

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Frank Jansen: Die braune Gefahr
Frank Jansen: Die braune Gefahr

Die Richtung stimmte, dennoch verstellten sich die „Bosporus“-Ermittler selbst den Weg. Es sei vermutet worden, die Mörder hätten ihren „Ankerpunkt“ in Nürnberg, sagt Geier. Immerhin wurden dort in den Jahren 2000 und 2001 die ersten beiden Morde an Türken verübt, 2005 starb ein weiterer Türke in der Stadt einen gewaltsamen Tod. Und zwei weitere Taten geschahen in München. Also schlossen die Beamten, das gibt Geier in gewundenen Sätzen zu, in der Serientäter-Theorie Mörder aus anderen Bundesländern aus. Obwohl auch in Hamburg, Rostock, Dortmund und Kassel Migranten erschossen wurden – immer mit derselben Waffe, einer Ceska 38. Doch fixiert auf einen „Ankerplatz Nürnberg“ unterlagen die Ermittler einem gravierenden Irrtum. Trotz des enormen Aufwands, der betrieben wurde.

Bilder vom Gedenken an die Opfer der Neonazi-Mordserie:

Gedenkveranstaltung für die Opfer der Neonazi-Mordserie
Zwölf Kerzen gegen das Vergessen.Weitere Bilder anzeigen
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23.02.2012 11:11Zwölf Kerzen gegen das Vergessen.

Die Polizei unternahm in der Region Nürnberg, vor allem im Süden, 125 Rasterfahndungen. 11 000 Personen wurden überprüft und 3500 „Ermittlungsspuren“. Der bayerische Verfassungsschutz lieferte, nachdem Geier, wie er sagt, monatelang insistieren musste, 682 Namen von Rechtsextremisten. Darunter war, wie inzwischen bekannt ist, Mandy S., eine mutmaßliche Unterstützerin der Terrorgruppe. „Bosporus“ schloss allerdings Frauen aus dem potenziellen Täterkreis aus und filterte aus dem Raster 161 Rechtsextremisten heraus, im Alter zwischen 18 und 35 Jahren. „Eine heiße Spur fand sich nicht“, sagt Geier. Der Satz ist bei seiner Aussage häufiger zu hören.

Was habe Geier so sicher gemacht, auf Abfragen bei Verfassungsschutzbehörden in anderen Bundesländern verzichten zu können, will der Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy (SPD) wissen. „Eine Abfrage zu allen Rechtsextremisten in Deutschland wäre schwer möglich gewesen“, antwortet Geier. Edathy konfrontiert ihn auch mit einem Interview, das Geier 2006 dem Magazin „Focus“ gab. Da heißt es, der Leiter der Kommission halte von einem ausländerfeindlichen Hintergrund der Mordserie nichts. Geier sagt, er könne sich an das Interview nicht erinnern.

Später, auf die Frage der SPD-Obfrau Eva Högl, gibt Geier zu, nach außen hin habe „Bosporus“, trotz einer offensiven Öffentlichkeitsarbeit, nicht die These vertreten, rechtsextreme Serientäter hätten die Migranten getötet. „Was meinen Sie, was das ausgelöst hätte, wenn wir sagen, da gibt es eine Mordserie und da stecken Rechtsextremisten dahinter“, sagt Geier. Die Abgeordneten blicken konsterniert. Auf Edathys Frage, ob Geier nicht auf die Idee gekommen sei, statt „Bosporus“ die Bezeichnung „Migrantenmorde“ zu wählen, antwortet der Beamte: „Nein.“

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